Darmstädter Adel hielt sich gern im Einhardstädtchen auf

„Zwölf Merkwürdigkeiten“

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Großherzog Ernst Ludwig mit seiner ersten Ehefrau Victoria Melita auf einem Bild aus dem Jahr 1894.

Seligenstadt - In Zeiten, in denen sich die Stadt Seligenstadt in Jubiläumslaune ihrer Glanzzeiten erinnert, kann es kein Schaden sein, wenn wir – etwas abseits der prägenden historischen Ereignisse – exemplarisch einige prominente adelige Besucher in Erinnerung rufen, die den Stellenwert unseres Städtchens ebenfalls eindrucksvoll bestätigen. Von Michael Hofmann 

Dies ermöglicht ein Blick in die Gäste- und Löffelbücher, von Dr. Ingrid Firner in zweijähriger akribischer Arbeit transkribiert, dokumentiert und zuletzt auch publiziert („Die Seligenstädter Gästebücher: Eine Spurensuche zum Löffeltrunk seit dem 17. Jahrhundert“). Die Zahl der adeligen, prominenten und/oder extravaganten Besucher der Einhardstadt war über die Jahrhunderte erstaunlich groß, wie die Personenregister der drei Folianten verraten. Darunter findet sich auch so macher eigentümliche Eintrag, etwa von Besuchern, die nicht auf den ersten Blick erkannt werden wollten.

Zu ihnen zählte zweifelsohne „Alexander Heß“, der am 6. September 1838 mit dem Primaner Karl Arnold, Captain Frey und Jean Chapuis – alle aus Darmstadt – im Gasthaus „Zur Krone“ abgestiegen war. Dass sich dahinter ein „Hochkaräter“, der damals 15-jährige Prinz Alexander von Hessen und bei Rhein (1823 bis 1888), verbarg, dämmerte dem Kronenwirt erst zwei Jahre später, wie entsprechende Einträge dokumentieren.

Auf die militärische Karriere konzentriert

Prinz Alexander konzentrierte sich später auf seine militärische Karriere, wurde 1843 im Dienste des Zaren russischer Generalmajor und Kommandant des Garde-Husarenregiments. 1852 trat er in österreichische Kriegsdienste, machte 1859 den italienischen Feldzug mit, wurde zum Feldmarschalleutnant ernannt und kämpfte in der Schlacht von Solferino. Wenige Jahre später legte ein weiterer Seligenstadt-Gast Wert auf sein „Incognito“: Ludwig, Fürst zu Hohenlohe Insterburg aus Würtemberg, stattete als Herr von Breunek der Einhardstadt am 13. April 1844 einen Besuch ab.

Ein gesellschaftliches Großereignis ersten Ranges war zweifellos der offizielle Besuch des Großherzogs Ernst Ludwig zu Hessen und bei Rhein (1868 bis 1937) und der Großherzogin Victoria Melita am 25. September 1896. Dazu finden wir eine ausführliche Schilderung im dritten Löffelbuch, für die Maler Heinrich Rettinger verantwortlich zum Stift gegriffen hatte: „Der vom Großherzoglichen Herrscherpaar vor einigen Wochen unserer altehrwürdigen Stadt zugedachte Allerhöchste Besuch gelangte heute zur Ausführung (…) Die ganze Stadt prangte im herrlichsten Feierkleide. Einzelne Häuserdekorationen waren von geradezu entzückender Schönheit (…) Die Straßen bildeten ein einziges Flaggenmeer.“ Der Adelstross hatte sich damals vom Jagdschloss Wolfsgarten bei Langen auf den Weg nach Seligenstadt gemacht, „Ehrenreiter und Radfahrer mit geschmückten Stahlrossen holten die Herrschaften in Dudenhofen ab (…) Fähnchen schwenkende Schulkinder, weißgekleidete Mädchen, Blumensträuße tragend, bildeten (…) bis zur Basilika Spalier. Bei der Ankunft des Allerhöchsten Paares grüßten die Böllerdonner, die Musik intonirte die hessische Hymne, und aus vielen Tausend Kehlen ertönten Hoch- und Hurrahrufe. Am Triumphbogen hielt Herr Bürgermeister Krauß die Begrüßungsansprache. Aus der Zahl der Ehrendamen überreichten Fräulein Anna Krauß und Fräulein Käthchen Zöller unter poetischen Widmungen – verfaßt von Herrn Dekan Dr. Weckerle – prächtige Bouquets.“ Sparkasserechner Burkardt erstattete als Präsident des Hassia-Bezirksverbandes Rapport. „Unter endlosem Jubel der Bevölkerung“ wurde die Kirche erreicht. Dort übernahm Dekan Dr. Weckerle bei der Besichtigung der Basilika mit ihren Alterthümern und Kunstschätzen die Führerschaft.

Abschreiten der Kriegervereine auf dem Schulplatz

Es folgten das Abschreiten der Kriegervereine auf dem Schulplatz, ein Schluck aus dem Ehrenbecher ("Rotenfelser 1886er aus der Hornschen Kellerei“), den Bürgermeister Krauß im Fürstenpavillon kredenzte, sowie eine Parade der Fischer- und Schiffer-Innung.“

Das von der Stadt dargebotene Dejeuner mit 38 Gedecken und 5 Gängen wurde im Sommerrefektorium eingenommen. Bürgermeister Krauß toastirte dabei auf den Landesherrn und Herr Landtagsabgeordneter Horn auf die Großherzogin. Der Großherzog gab in seiner Dankantwort der Anerkennung über den herzlichen Empfang Ausdruck und stellte die Wiederholung eines Besuches in Aussicht.“

Auf dem Programm standen nun noch die Besichtigung der aufs prächtigste geschmückte Abtei, eine Rundfahrt im offenen Wagen durch die Stadt, ein Besuch der evangelische Kirche und die Besichtigung des neuen Kreiskrankenhauses.

Das Fazit der Seligenstädter hätte kaum schmeichelhafter ausfallen können: „Die liebenswürdige Freundlichkeit des Fürstenpaares erweckte allenthalben Stürme der Begeisterung. Sie gipfelten in den Gedanken, der von der Ehrenpforte prangte: Selige ist die Stadt, die ihr Fürstenpaar in ihrer Mitte hat! Zum dauernden Andenken an unsere fürstentreue Stadt wurde dem Herscherpaar ein wundervolles Album mit 12 Ansichten der hervorragend- sten Merkwürdigkeiten überreicht. Mit goldenen Lettern wird der 25. September 1896 in unserer Ortschronik eingezeichnet werden.“

Sommerfest in Seligenstadt

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