Afghanische Familie „adoptiert“

Geflüchtete in Seligenstadt: Nicht gesucht, aber gefunden

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Ihr Herz und ihre Tür hat Annelie Adam für fünf Afghanen geöffnet. Die Familie selbst möchte allerdings nicht in der Zeitung zu erkennen sein. 

Eine Seligenstädterin heißt eine Familie aus Afghanistan bei sich willkommen. Das Zusammenleben klappt sehr gut.

Seligenstadt – Ahmad N. ist ein hübscher junger Mann, das Haar modisch geschnitten, im schicken, schwarzen Adidas-Trainingsanzug sportlich wirkend. Wer ihn reden hört, käme nie auf die Idee, dass er noch keine vier Jahre in Deutschland lebt.  

Sein richtiger Name soll nicht in der Zeitung stehen; Familie N. will nicht erkannt werden. Wie er aber aus Afghanistan nach Seligenstadt kam und bei Annelie Adam herzliche Aufnahme fand, erzählt der 17-Jährige offen und in ganz hervorragendem Deutsch.

Im Kern ist es die Geschichte von Menschen, die einander nicht gesucht, aber gefunden haben. Mit seinem Vater traf Ahmad im Zuge der großen Flüchtlingswelle Ende 2015 im Auffanglager Gießen ein. Über einen Campingplatz bei Fulda ging es zur Anhörung beim Kreis Offenbach. „Gewohnt haben wir mit vier anderen in Seligenstadt.“ Eng war die Unterkunft, mit kleinen Zimmern, zwei Betten auf dem Flur.

Seligenstadt: „Ich habe vorwiegend positive Erfahrungen“

„Mir sind die zwei aufgefallen“, hakt Annelie Adam ein. „Da war Ordnung, anders als bei einigen Mitbewohnern.“ Die Klein-Welzheimerin ist in der Flüchtlingshilfe engagiert und im Umgang mit Ausländern erfahren: Sie war Krankenschwester, 15 Jahre im Vinzenzkrankenhaus in Hanau, 15 Jahre im Offenbacher Stadtklinikum. „Ich habe vorwiegend positive Erfahrungen – und keine Berührungsängste“, betont sie.

Mann gestorben, Sohn als letztes von fünf Kindern ausgezogen: „Mir war es ein bisschen leer im Haus“, berichtet Adam. So bot sie den Afghanen an, in die freie Wohnung nebenan zu ziehen. Vorteil für Vater N.: Um den Nachzug der Familie genehmigt zu bekommen, musste er Wohnung und Arbeitsplatz nachweisen. So richteten er und sein Sohn sich in Klein-Welzheim ein. Arbeit fand der früher selbstständige Bauer als Gärtner bei der Firma Stenger in Seligenstadt, zunächst befristet. „Die gibt ihn jetzt nicht mehr her“, freut sich Adam über den Erfolg.

Obwohl sie keine Miete nimmt, sieht sie auch für sich nur Vorteile und sagt mit einem Schmunzeln: „Etwas Egoismus ist dabei.“ So ist ein Mann im Haus, der zum Beispiel den Rasen mäht. Oft ist sie zum Essen eingeladen, mit afghanischen Gerichten, „das schmeckt wirklich gut“. Küche und Möbel sind vorhanden, gespeist wird, wie in Afghanistan üblich, auf dem Fußboden, auf einem gespendeten Teppich. „Nur ich esse lieber am Tisch“, so Ahmad.

Seligenstadt: Am Anfang kein großes Interesse

Probleme im Miteinander gab es nicht, wohl mit Ämtern. Ein Knackpunkt war, dass es in orientalischen Ländern keine Geburtsurkunden wie hierzulande gebe, erzählt Adam. Wer Papiere brauche, bekomme automatisch den 1. Januar als Geburtsdatum eingetragen. „Es hat lange gedauert, bis das in Seligenstadt anerkannt wurde“, erinnert sich die hartnäckige, resolute Dame, die auch meint, die Stadt habe anfangs „kein großes Interesse gezeigt“.

Schließlich half die Ausländerbehörde aber sogar, Kontakt zum deutschen Botschafter in Teheran herzustellen, wo Frau N. mit Ahmads Bruder und seiner Schwester saß. Für DNA-Tests, Flüge und die Versorgung mit Lebensmitteln entstanden im Lauf der Zeit Kosten in fünfstelliger Gesamthöhe, die ein großzügiger Spender aus eigenen Mitteln beglich. Am 4. September endlich war es so weit, dass sich die Familie am Frankfurter Flughafen in die Arme schließen konnte.

Geflüchtete in Seligenstadt: Afghanische Familie „adoptiert“

Und wie hat Ahmad so gut Deutsch gelernt? „Mit dem Wörterbuch, viel Auswendiglernen, beim Fernsehen und durch Kontakt mit Leuten“, erzählt der Jugendliche. Erst besuchte er eine Intensivklasse an der Hainburger Kreuzburgschule, inzwischen geht er in die zehnte Realschulklasse, hat sehr gute Noten, 2020 erwirbt er die Mittlere Reife. Im November absolviert er ein zweiwöchiges Sozialpraktikum an der Grundschule in Mainflingen, muss anschließend einen Bericht darüber schreiben.

In seiner Freizeit radelt Ahmad gern und treibt Sport mit einem Kumpel, besonders Badminton. Für später schwebt ihm ein kaufmännischer Beruf vor, während Annelie Adam findet, „dass er das Zeug zum Abitur hat“.

Sie nennt Ahmad übrigens „meinen vierten Sohn“. Er nennt sie Oma.

VON MARKUS TERHARN

Mit der 65. Mahnwache am 30. Oktober 2019 beendet die Initiative Seebrücke Seligenstadt ihr wöchentliches Engagement auf dem Marktplatz der Einhardstadt.

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