„Auf dem Holzweg“ Mit Mathias Neubauer

Yogaraum, Sporthalle, Kirche, Badewanne: Themenführung im Stadtwald

„Auf dem Holzweg“, die neue Themenführung der Seligenstädter Tourist-Information: Mathias Neubauer (links) geht voran, möchte „die Sinne dafür schärfen, dass wir einen eigenen Wald haben“. 
Fotos (3): Prochnow
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„Auf dem Holzweg“, die neue Themenführung der Seligenstädter Tourist-Information: Mathias Neubauer (links) geht voran, möchte „die Sinne dafür schärfen, dass wir einen eigenen Wald haben“.

900 Hektar misst der Klosterwald der Einhardstadt, unzählige Bäume, von denen manche 100 Jahre und länger dort stehen. Sie könnten viel darüber erzählen, wie der Forst über die Epochen genutzt wurde.

Seligenstadt – Diese Aufgabe übernimmt Mathias Neubauer, mit dem dieser Tage fast zwei Dutzend Zuhörer „Auf dem Holzweg“ sind. Der ambitionierte Jäger eröffnet mit der Themenführung ein neues Angebot der Tourist-Info, das bisher Kita-Gruppen und Schulklassen vorbehalten war.

Zünftig begrüßt der Waidmann mit einem Kameraden und festlichem Horngebläse die interessierte Runde auf dem Parkplatz an der Langen Schneise. Neubauer verspricht, „kein Jägerlatein“ zu verbreiten, sondern zu erklären, warum die Jagd wichtig ist. Er möchte „die Sinne dafür schärfen, dass wir einen eigenen Wald haben und wie wir uns gegenüber der Kreatur verhalten sollen“. Seit 40 Jahren sei er im Stadtwald zu Hause, den er als „mein Yogazimmer, Sporthalle, meine Kirche, ab und zu Jagdrevier und vor allem Badewanne“ vorstellt.

„Wozu ist der Wald gut?“, werde er oft gefragt. Zum Wald-Baden zum Beispiel. Augen zu, tief Luft holen und das Rauschen der Buchenwipfel genießen. Neubauer hat die Veränderungen des Biotops im Lauf der Zeit beobachtet: Die Nutzung sei heute eine komplett andere. Früher war das Wild ganz wichtig, ihm galt es, den Lebensraum zu erhalten, in der Speisekammer der Fürsten etwas ganz Edles.

Naherholungsgebiet: Ausritt im Stadtwald

„Heute ist es umgekehrt“, lehrt der Jäger, da müsse der Wildbestand dem Biotop angepasst werden. „Der Wald ist für alle da“, unterstreicht er, ein Sehnsuchtsort, ein Naherholungsgebiet, von vielen Menschen ganz unterschiedlich genutzt. Dabei kritisiert der Naturschützer das Geo-Caching, bei dem auf Karten markierte Stellen mit Hilfe von Navigationssignalen zu finden sind.

Das Gebiet, holt der Grünberockte aus, gehörte zunächst Reichsforst und Wildbann Dreieich. Mit Seligenstadt, damals Ober-Mulinheim, bekam Einhard im 9. Jahrhundert auch die Ländereien geschenkt. Nach der Gründung des Klosters hat sich die Sumpflandschaft, das Ödland, das bis an den Main reichte, verändert. Die Bewohner haben Bäume gerodet, um Platz für Ackerbau und Viehzucht zu schaffen. Allein die Areale Eichwald und Kortenbach stehen bis heute. Die Bürgern haben Brennmaterial gesammelt, Schweine geweidet, was die Böden verdichtete. Die Mönche konnten mit dem Waldbesitz wenig anfangen, das Jagdrecht lag bei den Kurfürsten zu Mainz.

Wegen häufiger Streitereien wurden feste Holzlesetage festgelegt, der Forst wurde geteilt: Der Herrenwald lag jenseits von Scharrensee und Dudenhöfer Grenzschneise, nördlich davon der Stadtwald für die Bürger. Seit 1848 kann jede Gemeinde das Jagdrecht selbst vergeben. Für die 800 und 400 Hektar großen Gebiete nördlich und südlich der Kreisstraße ist es Pächtern überlassen. Auch private Waldflächen werden von Revierleiter Johannes Hermann vom Forstamt Langen betreut.

Biotop Wald: Zurück zur Natur

„Die Jagd war früher Fleischerwerb“, erinnert der Stadtführer. „Es ist eine Perversität, wie heute mit dem Lebensmittel umgegangen wird.“ Jagd richtig ausgeführt sei die ethischste Form von Fleischbeschaffung. Zugleich sei sie der „Versuch, den Wildbestand anzupassen“, wenn der Förster Verbiss an jungen Pflanzen registriert.

Das Wild zeige veränderte Fressgewohnheiten, aber wenn Ruhe herrsche, gebe es keine Schäden. „Bei uns steht der Tierschutzgedanke im Vordergrund, wir verzichten auf Drückjagd“, betont Neubauer. Diese „Ruhe im Revier“ bringe eine bessere Fleischqualität.

Studien folgend produzieren Wildschweine durch Jagddruck mehr Nachwuchs, schon die Jungtiere seien geschlechtsreif. „Also müssen wir in die Jugendklasse eingreifen und die Älteren laufen lassen.“

„Das Rebhuhn ist ausgestorben“, klagt Neubauer. Aber nicht, weil der Jäger zu viel geschossen hat: „Landwirtschaftlich müssen wir ein anderes Denken ansetzen“, fordert er eine Abkehr von Pestiziden. Momentan lebten im Stadtwald hauptsächlich Rehe und Schwarzwild, das in großen Weizen- und Maiskulturen ein starkes Futterangebot finde. Es gebe einen guten Bestand an Feldhase, Bussard und Habicht; Fuchs, Marder, Waschbär und Dachs seien heimisch, der Marderhund stamme aus Asien.

Doch „morgens um 5 Uhr läuft der Fuchs über den Marktplatz, sucht die Abfalleimer ab, ob er noch eine Eistüte findet.“ Der Waschbär hause in Speichern statt im Wald. Wegen Tollwutgefahr wurden in den 70er Jahren Gaspatronen in Fuchsbauten geworfen. Doch das schlaue Tier flüchtete rasch. Der gemütliche Dachs, das letzte Wildtier der Region, lebt eine Etage tiefer und war durch die Bekämpfung lange vom Aussterben bedroht.

Neubauer erinnert an Stürme, die breite Schneisen geschlagen haben. Auch wegen der enormen Trockenheit seien Bäume gefallen. „Früher konnte man nicht ohne Gummistiefel in die Kortenbach“, erzählt der Stadtführer, heute sei die Fläche nahezu trocken. Die Klimaveränderungen waschen wichtige Nährstoffe aus dem Boden, unterrichten Jäger und Förster auf der nächsten Schneise. Das verursache Wurzelschäden, Bäume seien nicht mehr standhaft.

„Unsere Urgroßeltern haben starke Randeichen an den Waldrand gesetzt, eine Mammutaufgabe.“ Auch derzeit versuche man wieder, „einen starken, widerstandfähigen Wald fit zu machen für die Zukunft“, was durch die Klimaveränderung schwerer denn je sei. „Unsere Strategie dagegen ist es, Mischwald zu setzen“, erzählt Förster Hermann, „alles andere ist Kaffeesatzleserei.“ (VON MICHAEL PROCHNOW)

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