Feierliche Verleihung an Lévi-Strauss-Biographin

Emmanuelle Loyer mit dem Einhard-Preis geehrt

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Der große Moment: Aloys Lenz, Preisträgerin Loyer, Löffelmädchen.

Emmanuelle Loyer, Professorin für Zeitgeschichte an der Grande Ecole Sciences Po in Paris, die eine Biographie des großen französischen Ethnologen verfasst hat, erhielt am Samstag die elfte Urkunde und Medaille der Einhard-Stiftung überreicht.

Seligenstadt – Tief in das Leben und die Seele des Claude Lévi-Strauss drangen die Reden zur Verleihung des Einhard-Preises vor.

 Aloys Lenz, Vorsitzender des Stiftungspräsidiums, verlieh die Auszeichnung im Riesensaal. Sie würdige die Ideen der europäischen Einigung im Sinne Einhards sowie die literarische Leistung Loyers. Der Einhardpreis wird alle zwei Jahre verliehen und ist mit 10. 000 Euro dotiert.

Staatssekretär Michael Bußer überbrachte die Grüße von Ministerpräsident Volker Bouffier, der 2015 zum „Ritter der Ordensbruderschaft vom Steyffen Löffel“ geschlagen wurde, und gedachte des Attentats in Neuseeland. „Wir dürfen Phobien dieser Art keinen Raum geben. Wir dürfen nicht den Rat geben, nicht zum Freitagsgebet zu gehen oder keine Kippa zu tragen“, plädierte er in einem Grußwort. Und: Das Friedens- und Freiheitsprojekt Europa habe 70 Jahre funktioniert, man dürfe es jetzt nicht aufs Spiel setzen.

Die mit vielen Preisen ausgezeichnete Schriftstellerin und Illustratorin Anita Albus führte eloquent und kenntnisreich in das Werk der Preisträgerin Emmanuelle Loyer ein. In ihrer Laudatio verwies sie auf die 910 Seiten in französischer Sprache und die fast 1 200 Seiten in der deutschen Fassung. Die Biographie sei dennoch kurzweilig, die 21 Kapitel „stacheln die Neugier des Lesers an“. Die Autorin durchforstete dazu ein Dutzend Archive in Frankreich, Brasilien und den Vereinigten Staaten, hatte ein gewaltiges Lesepensum bewältigt und ihr Werk „wie durch ein Wunder“ in kurzer Zeit vollendet.

In vielen Gesprächen mit Zeitzeugen stieß Emmanuelle Loyer auf offene Ohren, erfuhr, wie Strauss (1908 bis 2009) Freiheit in New York erlebt hat, aber auch von dieser „schrecklichen Periode voller Angst um Familie und Freunde in Frankreich“. Es folgte „eine der fruchtbarsten Phasen, geprägt vom Scharfsinn der psychologischen Analyse“.

Die Laudatorin schilderte, wie das Buch den „Faden zur Vergangenheit aufnimmt, Erinnerungen von innen lebendig“ werden lasse. Loyer hielt viele begeisterte Lesungen, bekam zwei Preise der Academie Francais, der Band wurde als Taschenbuch nachgedruckt. Die Biographie stieß auch auf die Zustimmung von Strauss’ Witwe Monique. Die 84-Jährige war „unerlässliche, erste und wichtigste Zeugin“, schreibe auch selbst. So erfuhr die Schriftstellerin, in den Augen von Strauss wäre die „größte Gabe, mit einem Vogel sprechen zu können“. Darum gönnte er sich die Gesellschaft zweier frei fliegender Papageien, die ihm die Brille klauten und Bleistifte zerbissen.

Lévi-Strauss hielt fest, „was die Nachfahren nicht mehr kennen werden“, etwa Anmut der Natur und Sittsamkeit der Menschen. Loyer notierte eine überwältigende Fülle von Details, womit sie das „Panorama einer Epoche aufgenommen“ und das „Dasein von Strauss von innen“ geschildert habe. Das „bisweilen melancholische Spiel der Erinnerungen trägt zur Farbigkeit der Schilderung bei“, beschrieb Albus. Einer „Welt maßloser Kommunikation“ habe Levi-Strauss Wortkargheit und eine „Wahrung der Distanz“ entgegen gesetzt.

Den Willkommtrunk kredenzte die Löffelgruppe der Ordensbruderschaft vom Steyffen Löffel Emmanuelle Loyer beim Rathausempfang. Foto:

In einer ausführlichen Ansprache ging die Preisträgerin auf die Epochen Europas ein, wie sie Strauss erlebte, vor allem, wie der Kontinent im 20. Jahrhundert in zwei Weltkriegen zu Bruch gegangen sei. Loyer schilderte, wie Lévi-Strauss den „Blick aus der Ferne auf viele Probleme der Welt von heute“ gerichtet habe, aber auch auf Beziehungen zwischen Mensch und Tier, wie sie der „Ästhet der Natur und Kultur gemalt“ und dabei einen maßvollen Optimismus“ vermittelt habe.

Der Beschriebene sah in der „Katastrophe des Jahrhunderts nichts Außergewöhnliches und Einmaliges“, Kriege kämen in der Geschichte der Menschheit „regelmäßig vor“. Den Ersten Weltkrieg habe Strauss als Kind beim Großvater in Versailles verbracht, den Zweiten in New York. Dort nannte er sich in Claude L. Strauss, um nicht mit den Blue Jeans verwechselt zu werden. Sein „intellektuelles Temperament hat in den Wissenschaften ein Ordnen der Welt“ gesehen. Das „wilde Denken, das Verlangen, das Universum durch ein Studium von Natur und Sternbildern zu verstehen“, sah Lévi-Strauss mit Hilfe indianischer Mythologie als Ganzes. Vier Bände verfasste er dazu in den 60er Jahren. Die Feierstunde im Riesen begleitete Katharina Martini mit erfrischenden Flötenklängen.

Vor der Verleihung des Einhard-Preises und dem feierlichen Gedenken in der Basilika am Samstagnachmittag fand im Rathaus ein Empfang zu Ehren der Preisträgerin statt. Im Zuge der Veranstaltung trug sich Madame Loyer in das Goldene Buch der Stadt ein, auch reichte ihr die Löffelgruppe der Ordensbruderschaft den historischen Löffel zum Willkommtrunk. Heute diskutieren Schüler mit Emmanuelle Loyer aktuelle Fragen zu Europa.

Von Michael Prochnow

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