Bin ich nun deutsch oder nicht?

So fühlen sich Menschen mit Migrationsgeschichte

Tina Maggio mit ihren Eltern Carlo und Giacomina: „Identität ist nicht nur eine Frage der Wurzeln, sondern eines ganzen Baumes.“ Fotos: p

Seligenstadt – Wer bin ich? Wo gehöre ich hin? Fragen, die vielen Menschen mit Migrationshintergrund durch den Kopf schwirren. 

Seligenstadt – Wer bin ich? Wo gehöre ich hin? Fragen, die vielen Menschen mit Migrationshintergrund durch den Kopf schwirren. Bin ich nun deutsch oder nicht? Und: Was macht ihn aus, den Deutschen? Seine Pünktlichkeit, sein freundliches „Hallo“ auf der Straße oder die Socken in den Sandalen? Was ist, wenn ich mir all diese Charakterzüge bereits zu eigen gemacht habe, sie mir in Fleisch und Blut übergegangen sind? Habe ich es dann geschafft?.

Tina Maggio (48) wurde als Tochter italienischer Gastarbeiter in Kelkheim im Taunus geboren. Die Frage nach ihrer Identität kann sie ganz klar beantworten. „Ich wusste, wir kommen aus Italien, und ich war ganz klar Italienerin“, erzählt die in Froschhausen lebende Autorin. Tina wollte nie Deutsche sein, weil immer klar war: Irgendwann geht es zurück nach Italien, in die Heimat. „Wir waren nicht in Deutschland, um zu leben, sondern um zu überleben.“

"Italienische Mädchen ziehen nicht abends rum"

Sobald genug Geld angespart ist, wird die Heimreise angetreten. So ging es vielen Kindern, deren Eltern aus einem anderen Land stammen. Es gab kein Gefühl der Beständigkeit. Jeden Morgen wachte man auf mit dem Gedanken, es könnte bald der Moment kommen, der das Leben komplett auf den Kopf stellt.

Im Jahr 1980 war es soweit für Tina Maggio. Da wurde gepackt, der Umzug nach Italien geplant, die Euphorie war groß. Doch dann kam es doch nicht dazu. Zu viele Zweifel plagten ihre Eltern, irgendwie war ihnen Deutschland auch ans Herz gewachsen. „Ich wollte zurück. Meinen Geschwistern war es egal, aber ich blieb fest dabei, wollte unbedingt in Italien leben.“

In der Pubertät änderte sich jedoch ihre Meinung. Im Gegensatz zu ihren Freunden musste sie abends Zuhause bleiben. „Italienische Mädchen ziehen nicht draußen herum, schon gar nicht mit Jungs“, habe es geheißen. „Ich wollte frei sein, aber das war nicht drin. Auch Italien zeigte sich plötzlich anders. Als mich einer auf Italienisch eine Deutsche nannte, schickte ich ihm eine Gewitterwolke an Schimpfwörtern hinterher.“

Hier war sie die Italienerin, dort die Deutsche. Diese Erfahrung verbindet wohl alle, die zwei Heimaten im Herzen tragen. Überdurchschnittlich strenge Erziehung, viele Verbote und Gebote, die man befolgen muss. Manchmal kommt dann die Frage auf: Warum ich?

Je mehr Jahre vergingen, desto klarer wurde die Antwort auf die Frage nach der eigenen Identität. Man muss sich überhaupt nicht entscheiden, ob man nun deutsch ist oder nicht, man kann beides sein. „Identität ist nicht nur eine Frage der Wurzeln, sondern eines ganzen Baumes. Es geht um die ganze Geschichte, und dazu zählt die Genetik und meine Sozialisation“, sagt Tina Maggio heute. Trotz aller Schwierigkeiten, die den Weg der Identitätsfindung begleiten, gibt es doch viele gute Seiten. „Zwei oder mehrere Nationalitäten zu besitzen gibt ein schärferes Urteilsvermögen durch den Vergleich. Auch einfachere Sprachauffassung und eine größere Spannbreite der kulturellen Einflüsse. Es gibt nicht nur eine Version vom Deutschsein, sondern eine große Bandbreite, die das Land bereichert und es zu dem macht, was wir lieben und schätzen.“

VON NATALIA DIZER

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