Serie zum Geleit

Hochlöbliche und zahlungskräftige Großhändler: Kaufherren reisten bewaffnet

Auch Kutschen fahrender Händler sind beim Geleitszug in Seligenstadt vertreten. Unser Bild stammt aus dem Jahr 2015. Archivfoto: Hampe

Die Fern- und Großkaufleute, in den Seligenstädter Gäste- oder Löffelbüchern „edler Hansenstand“ genannt, unterschieden sich deutlich von lokalen Händlern und grenzten sich auch gegen fremde Handeltreibende ab.

Seligenstadt – Diese vornehmen Handelsherren machten die großen Städte zu Kapital- und Handelszentren, sammelten Vermögen an und verkörperten als Ratsherren in den Reichsstädten die politische Macht. Waren sie besonders erfolgreich, so führten sie ein adelsgleiches Leben und pflegten ein ausgeprägtes Standesbewusstsein. Zur Untermauerung ständischer Exklusivität und zur Demonstration des eigenen Handelsmonopols in ihrer Stadt dienten die elitären Herrentrinkstuben, die Aufnahmerituale in die Kaufmannsgilde und das „Hänseln“ fremder Kaufleute.

Handelslehrlinge mussten einen Ehren- und Verhaltenskodex verinnerlichen und viel lernen: Rechnen, Schreiben, Buchführung, Waren- und Münzkunde, Maße, Gewichte, Verkaufstaktik und vor allem mehrere Sprachen. Schon im 17. Jahrhundert, während einer ersten Auswanderungswelle nach dem Dreißigjährigen Krieg, lernten viele Kaufleute Französisch und Englisch, um Geschäfte in den Kolonien tätigen zu können.

Ein angehender Kaufmann absolvierte eine sechsjährige Lehrzeit und eine zweijährige praktische Tätigkeit als Handelsdiener bei einem Handelsherrn. Nachdem seine Befähigung festgestellt war und er ein bestimmtes Vermögen nachweisen konnte, erfolgte die Aufnahme des Neulings in die Gilde seiner Stadt. Ein ehrbarer und hochlöblicher Kaufmann mit Anspruch auf diesen Titel wurde der Neue aber erst mit dem Erwerb des Bürgerrechts, das wiederum ein festgelegtes Vermögen voraussetzte. Dieses Vermögen war wichtig, da ein Kaufmann standesgemäß repräsentieren musste mit einem prächtigen Haus, mit vornehmer Kleidung und großzügigem Lebensstil, um so seine Kreditwürdigkeit zu beweisen.

Großhändler suchten immer wieder neue Märkte und Handelswege, mussten Risiken und Möglichkeiten einer Unternehmung einschätzen können, körperlich gesund, zahlungskräftig und den Strapazen häufiger und beschwerlicher Reisen gewachsen sein. Im Jahr 1716 schreibt Carl Sommerhoff ins Löffelbuch über den Wagemut der Kaufleute und ihre große Erleichterung, wenn sie auf Reisen endlich in einem guten Wirtshaus angekommen waren: „Donner, Hagel, Sturm und Schnee muss ein Kauffmann sich ergeben, will nach Glück und Vortheil streben. Doch eilet er entlich mit lachendem Muthe, gefährlich, doch ehrlich erworbenem Guthe mit fliegenten Seegeln dem Hafen hinzu und schmecket nach Schrecken die süßeste Ruh.“

Hochlöbliche Kaufherren reisten bewaffnet. Sie hatten als Stadtbürger das Recht, einen Degen oder eine Pistole zu tragen, mussten also auch die Kunst der Selbstverteidigung erlernen. Ein sächsischer Kaufmann bemerkt im Löffelbuch: „Gottes Gnad und Seegen, Pistolen, Stock und Degen und meines Mädgens Vordertheil sind mir um vieles Geld nicht feil.“

Frankfurts große Bedeutung als wichtiger Handels- und Kapitalplatz lockte im 17. Jahrhundert eine Vielzahl von fremden Kaufleuten in die Reichsstadt. Italiener vom Comer See und aus Piemont, Niederländer, Schweizer, Lutheraner, Katholiken, Juden sorgten für Unruhe bei den ansässigen Krämern, für zahlreiche Klagen wegen „Gewerbsübertritten“, andererseits für wachsende Konkurrenz zugunsten der Frankfurter Konsumenten.

Eine Mitarbeit von Kauffrauen war vor allem in Handelsfamilien wichtig, die kein eigenes Personal beschäftigen konnten oder wo der männliche Erbe fehlte. In den Löffelbüchern sind bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts nur wenige Töchter und Ehefrauen erfolgreicher Handelshäuser oder alleinreisende Witwen in der Geleitskutsche auf Messefahrt zu finden. Beispiele sind die Augsburgerin Anna Maria Schaurin, die nach dem Tod ihres Vaters die Geschäfte weiterführte, oder die Großhändlerin Anna Maria von Löwenich, die mit englischen Manufakturwaren und holländischem Tuch handelte. Im Löffelbuch des Wirtshauses „Zum Riesen“ fällt allerdings auf, dass schon im 18. Jahrhundert relativ viele Nürnbergerinnen regelmäßig mit ihren Kollegen in der Geleitskutsche zur Messe fuhren, sich in Seligenstadt dem rituellen weinseligen Löffeltrunk ergaben, ihre erstmalige Durchreise handschriftlich dokumentierten und später bei anderen Neulingen als Zeuginnen auftraten.

VON DR. INGRID FIRNER

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare