Karl und der tanzende Büffel

Kunstforum zeigt Tiermotive aus der zeitgenössischen Kunst

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„Dog or Wolf“ von der Karlsruher Bildhauerin Bronislava von Podewils.

Welche Rolle spielt das Tier in der heutigen Kunst, ist es überhaupt noch ein wichtiges Thema? Diesen Fragen gingen die Kunstforum-Kuratorinnen Ruth Wahl und Nanette Kernstock auf Streifzügen durch Galerien und Kunstmessen nach.

Seligenstadt – Wie fündig sie wurden, zeigt die Galerie im Alten Haus nun auf drei Stockwerken an sechs Künstlerpositionen. Vor allem Bildhauer wenden sich gerne dem Tiermotiv zu, weil es eine gewisse Unschuld verkörpert und vielfältige Form ermöglicht. Dazu zählt die Wiesbadener Künstlerin Christiane Erdmann, die in präziser figürlicher Darstellung auf Abstraktion verzichtet. Mit der Kettensäge formt sie aus jeweils einem Stamm oder Holzblock ihre Skulptur in Einheit mit kräftigen Sockeln, um später bei aller Feinarbeit nicht die Spuren dieser ersten „Grobarbeit“ zu verwischen. Die Schnittspur der Säge scheint durch die endgültige farbige Fassung hindurch. So stehen Motive wie ein Wolf, ein Corgie-Hund, ein Waschbär, ein Esel, ein Trampeltier oder eine Kuh unverfälscht und griffig-ungeglättet vor dem Betrachter.

Ebenfalls ins Dreidimensionale führt die Karlsruher Bildhauerin Bronislava von Podewils ihre Tierfigurationen aus Wellpappe und Wachs. Durch die Schichtung wird das Wegwerfmaterial zu einem soliden, farbig ausgedeuteten Körper. Arbeiten wie „Gürteltier“, „Dog or Wolf“ oder „Paar“ wirken sprühend lebendig, jedoch nicht vollkommen, um den Charakter des Vergänglichen zu erhalten. Ein Esel aus Bronze steht da in seiner ganzen Unschuld. Die Schwerkraft scheint aufgehoben bei der Bronzefassung eines tanzenden Büffels („Dancer“). Dazu zaubert von Podewils aus wenigen Pinselstrichen mit Tusche zweidimensionale Papierarbeiten zu rennenden Straußenvögeln oder dem bewegten Charakterkopf eines Rindes. Oder sie fordert den Betrachter mit skurril anmutenden Collagen und Schnitten heraus.

Schafsporträt: Lagerfeld

Dass es in der gelungenen Schau nicht nur tierisch ernst zugeht, ist auch das Verdienst des in Düsseldorf lebenden Griechen Adam Karamanlis, der sich in einer ganzen Galerie von Schafsporträts mit Menschlichem satirisch auseinandersetzt. Er weist dazu auf Albert Einsteins Spruch hin: „Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde zu sein, muss man vor allem Schaf sein“. Auf derlei hintergründige Weise findet man mit reichem Dekor und Sonnenbrille Prominente porträtiert wie Karl Lagerfeld vor Goldgrund, Einstein mit seinen wirren Haaren in Grau oder auch James Bond. Dazu setzt die Serie „Les Mesdames“ eine ganze Galerie von Schafdamen ins symmetrische Bild mit Namen wie Mela, Cali, Jani, Lole oder Dudu. Stilistisch schlagen die Karamanlis-Arbeiten eine Brücke von der Naiven Malerei zum dekorverliebten Jugendstilkünstler Gustav Klimt.

Auf prägnante Vereinfachung setzt der deutsch-israelische Maler Abi Shek. In zuweilen genial gesetzten Pinselstrichen übt er sich in der Kunst des Weglassens, um drastische Abweichungen wie fehlende Gliedmaßen oder verschobene Proportionen zu realisieren. „Meine Tiere sind ein Mittel, um über uns Menschen etwas zu sagen“, erklärt Shek. Seine minimalistischen Fabelwesen aus blauer, violetter oder schwarzer Tusche wirken wie die moderne Version prähistorischer Höhlenmalereien.

Viel Platz im Alten Haus nehmen Fotocollagen, Papierarbeiten und Leinwandbilder des Darmstädter Künstlerpaares Erika Heine und Klaus Becher ein. Bei Werken wie „Firefox“, „Foxy Lady“, „Löwenspiele“, „Maskerade“ oder „Die Taucherinnen“ gehen historische Familienbilder, Mensch-Tier-Bilder, morbide Räume und verwunschene Landschaften eine surreal wirkende Symbiose ein. Durch geschickte Überlagerung der Bildebenen entstehen Phantasiewelten, die dem Betrachter – wie einst bei Max Ernst – neue Sehgewohnheiten eröffnen. Die digital entstanden Endprodukte pendeln zwischen Traum und Wirklichkeit. Kunstvoll dabei auch Heines Scherenschnitte aus Fotos und Monotypien. An die Magie klassischer Moderne knüpfen Heines Ölgemälde wie „Traumvisite“, „Häutung“ und „Eris“ an.

Die Ausstellung ist geöffnet Fr, Sa, So, feiertags 15-18 Uhr und nach Absprache unter Tel.: 06182/924451.

VON REINHOLD GRIES

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