Von Blumenwiesen, Feigenblättern und einer Ehrenrettung

Primat der grünen Daumen

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Grünstreifen an der Würzburger Straße: Flächen für blühende Pflanzen und Raum für Insekten.

Da der Mai bekanntlich alles neu macht, passt es gut in die Zeit, dass die Seligenstädter Stadtverordnetenversammlung mit Hilfe von zwei Koalitions-Initiativen ihr grünendes Lebensumfeld bald noch besser zum Wachsen und Blühen bringen will.

Seligenstadt – Fügt sich auch hervorragend ins schlagzeilenträchtige und letztlich auch erfolgreiche bayerische Volksbegehren „Rettet die Bienen“ sowie die Aktion „Hessens Landwirtschaft blüht für Bienen“, mit der Ortslandwirt Norbert Zöller an die Öffentlichkeit trat und nun auf noch mehr Bürgerbeteiligung hofft.

Allerdings fand die Seligenstädter Parlaments-Initiative von SPD, FDP und FWS in der jüngsten Sitzung lediglich die Zustimmung der Grünen - und auch die nicht uneingeschränkt. Die CDU hingegen zeigte den drei aufkeimenden „Grüne Daumen“-Fraktionen die kalte Schulter. „Wieder mal eine Prüfung. Mit solchen Schaufenster-Anträgen werden Sie die Welt nicht retten“, motzte etwa CDU-Fraktionschef Joachim Bergmann.

Worum geht es? Im ersten Fall soll der Magistrat prüfen, „auf welchen Flächen im Stadtgebiet insektenfreundliche Blumenwiesen angelegt werden können“, im zweiten um die vollständige Fassadenbegrünung des Altstadtparkdecks.

Zur Blumenwiese gab SPD-Politiker Michael Hollerbach Erläuterungen. CDU und vor allem die Grünen hätten der Koalition in der Vergangenheit vorgeworfen, sie ignoriere das Thema Naturschutz, ja sie blockiere es sogar. Doch statt einer Mitgliedschaft bei „Kommunen für die biologische Vielfalt“, die nur symbolischen Charakter habe, so Hollerbach weiter, „möchten wir mit diesem Antrag den praktikablen Schritt gehen und den gesparten Mitgliedsbeitrag effektiv nutzen. Wir brauchen beides, Flächen für blühende Pflanzen und Raum für Insekten.“ Während Claudia Bicherl (CDU) in ihrer Zeit als hauptamtliche Stadträtin auch von bereits verabschiedeten Anträgen kaum etwas ungesetzt habe, setze sich Nachfolger Michael Gerheim (auch SPD) in den wenigen Monaten seines Wirkens für die Bereitstellung zweier innerstädtischer Flächen ein: etwa 400 Quadratmeter Rasenfläche auf der Bleiche, angrenzend an St. Marien, die mit vom Bienenzuchtverein bereitgestelltem Samen bestreut werden soll, sowie der Grünstreifen an der Würzburger Straße zwischen Aschaffenburger und Zellhäuser Straße. Zudem sei mit zwei Kitas Kontakt wegen einem „Insektenhotel“ aufgenommen worden.

„Weil wir Klimaanträge nicht ablehnen können“, kündigte Natascha Maldener-Kowolik die Zustimmung der Grünen zu. Trotzdem sei dieser Antrag „einmal mehr eine Art Klimaschutzfeigenblatt“. Immerhin habe das Parlament vor rund sieben Jahren einen Grünen-Antrag einstimmig beschlossenen, der Wildblumenflächen als Straßenbegleitgrün vorsieht.

Sie frage sich, so Maldener-Kowolik weiter, ob die Koalition diesen aktuellen Antrag auch ohne den Wandel im Zeitgeist gestellt hätte. „Ich glaube, ich weiß, wem dafür zu danken ist. Es sind die jungen Menschen, die im Rahmen der ,Fridays for future’-Bewegung auf die Straße gehen und deutlich machen, dass sich endlich etwas ändern muss. Auch in Seligenstadt.“

SPD-Politiker Hollerbach begründete auch den Parkdeck-Antrag. Dieses sei 2001/2002 errichtet worden, auch eine Begrünung sei vorgesehen gewesen. Nach 18 Jahren sei nun festzustellen, „dass der Baumbestand sich besser als der lückenhafte Fassadenbewuchs entwickelt hat.“ Deshalb sei ein vollständiger Bewuchs „mit immergrünen, blühenden und fruchttragenden Pflanzen“ eine Verbesserung der städtebaulichen Optik, des Kleinklimas und der Artenvielfalt. „Mit einer Maßnahme erreichen wir „drei auf einen Streich. Zudem brauchen wir keinen zusätzlichen Boden und nutzen vertikale Flächen.“ Damit gehe Seligenstadt auch einen neuen Weg. Kein investives Geld, und im Rahmen der Parkraumbewirtschaftung fließe ein Teil der Einnahmen zurück. „Damit beweist die Koalition sehr pragmatisches Handeln.“

Erneut signalisierte Natascha Maldener-Kowolik die Zustimmung der Grünen-Fraktion, reichte aber ein „entlarvendes“ zeitgeschichtliches Foto herum. Das Bild zeigt, wie der damalige Grünen-Politiker Hans-Peter Bicherl zur Parkhaus-Einweihung im November 2001 dem damaligen Seligenstädter Bürgermeister Rolf Wenzel (SPD) eine Efeupflanze zur Fassadenbegrünung überreicht. „Wir fragen uns, was aus dem Efeu geworden ist, Herr Wenzel“, so Maldener-Kowolik unter dem Gelächter des Plenums: „Wenn man davon ausgeht, dass Efeu unter günstigen Bedingungen 200 Zentimeter im Jahr wächst, wird klar, dass ein guter Teil der Fassade begrünt sein könnte, hätte man es damals eingepflanzt. Einmal mehr wird deutlich, wie wenig in Seligenstadt unternommen wird, um dem Klimawandel und seinen Folgen entgegenzuwirken. Fast 18 Jahre später ist das Parkhaus immer noch nicht begrünt.“ Fraglich sei aber, warum dazu nun ein Antrag nötig sei. „Warum veranlasst der Bürgermeister nicht einfach die Fassadenbegrünung? Ganz einfach, weil wir es mit einem weiteren Schaufenster-Antrag zu tun haben.“ Bürgermeister i. R. Rolf Wenzel sagte „zur Ehrenrettung“, das Bicherlsche Efeupflänzlein sei damals in der Tat angepflanzt worden, „aber das hat nicht geklappt“.

Unterdessen stößt die Initiative von Ortslandwirt Zöller auf positive und negative Resonanz. Die SPD Mainhausen jedenfalls will zum „Insektenhelfer“ werden und beteiligt sich an der Blühflächenaktion des Seligenstädter Bauernhofs. Mainhausens SPD-Fraktionsvize Frank Simon teilte mit, die Partei habe sich entschieden, mit 400 Euro in das Projekt einzusteigen. Die Gelder wurden über Spenden der Parteimitglieder für dieses Projekt zusammengetragen. „Somit leisten wir einen Beitrag zur Erhaltung der Insektenvielfalt in unserer Region und verschönern gleichzeitig die Naherholungsgebiete im Ostkreis Offenbach.“ Die Aktion Zöllers biete eine einfache Möglichkeit sich zu engagieren, so Simon weiter. Der Landwirt bereitet sich derzeit auf die Aussaat der Blühmischungen vor. „Bisher haben sich die Anmeldungen zusammen mit dem Anteil des Zöller-Hofes auf stattliche 55 940 Quadratmeter, das sind 5,6 Hektar, summiert.“ Doch nicht alle stehen der Initiative uneingeschränkt positiv gegenüber. Kritiker behaupten, Zöller propagiere wie kaum ein anderer die konventionelle Agrarwirtschaft.

VON MICHAEL HOFMANN

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