Die andere Seite der Medaille

Alt sein in Seligenstadt: Keine Tagespflege, Defizite in Demenzbetreuung

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Versorgungsdefizite: Von einer seniorengerechten Stadt ist Seligenstadt noch ein Stück entfernt.

Älter werden in Seligenstadt ist für viele Menschen eine reizvolle Option, so mancher hat sich nach dem Berufsleben dafür entschieden seinen Lebensmittelpunkt in die geschichtsträchtige, beschauliche und wohnliche Einhardstadt zu verlegen.

Seligenstadt – Ein Alterssitz, der Gemütlichkeit, Sicherheit, Erholung, Kultur und urbanes Flair verspricht – in Kreise der Seligenstädter Senioren. Das ist die eine, die schöne Seite der Medaille. Aber: Alt sein in Seligenstadt ist allem Anschein nach deutlich weniger romantisch, wie der Bericht zur Lage der älteren Bürger 2016 und 2017 unmissverständlich klarstellt.

Seniorenberaterin Anke van den Bergh zeigt in ihrer umfangreichen Bestandsaufnahme eine ganze Reihe von Versorgungsdefizite (Tagespflege, Demenzbetreuung) auf, die trotz dreier Seniorenheime, einer Klinik für Akutgeriatrie und geriatrische Rehabilitation sowie zahlreicher kommunaler, kirchlichen und auch privaten Initiativen schwer wiegen.

Fast jeder vierte Einwohner ist 60 Jahre alt oder älter, mit einem weiteren Anstieg ist aufgrund der ins Rentenalter kommenden geburtenstarken Jahrgänge zu rechnen. Unsere traditionellen Systeme (Familie, Nachbarschaft) können soziale Unterstützung bereits jetzt nur noch begrenzt abdecken, bilanziert van den Bergh. Grenzen zeigen sich aktuell bei Finanzierung und Versorgung von mobilen Hilfen (ambulante Pflegedienste, Betreuung) ab. Dabei leisten Altenclubs, Hospizgruppe, VdK-Beratung, Sozialpsychiatrischer Dienst, DRK, Seniorenkreise, Sonnenblumen-Damen, Seniorenhilfe oder städtische Seniorenarbeits-Förderung wichtige Unterstützung.

Aber die Stadt, die sich gern Sport- und familienfreundliche Stadt nennt, muss sich das Attribut im Sinne älterer Menschen noch erarbeiten. „Künftige Maßnahmen in der Altenhilfe sollten sich am demografischen Wandel und dem Bedarf (…) orientieren mit dem Ziel einer seniorengerechten und -freundlichen Stadt“, so die Seniorenberaterin. Bereits 2014 und 2015 hatte van den Bergh Schwachstellen aufgezeigt. So gibt es keine ausreichende Zahl an Plätzen für Kurzzeitpflege. „Tagespflege wird weiterhin nicht angeboten, obwohl die Nachfrage, besonders in Bereich der demenziell erkrankten Menschen, groß ist.“ Dagegen ist das Angebot an vollstationären Plätzen ausreichend.

Der Seligenstädter SPD-Arbeitskreis 60plus hat sich kürzlich mit der Thematik befasst und stieß nach Angaben von SPD-Sprecher Franz A. Roski immer wieder auf die (falsche) Behauptung, in Seligenstadt werde auch Tagespflege angeboten. Das täglich die Fähre nutzende Caritas-Fahrzeug mit Aschaffenburger Nummer weist den Weg: In der bayerischen Nachbarkommune Karlstein gibt es eine Caritas-Tagespflegestätte, die sich der SPD-Arbeitskreis genauer angesehen hat. Dort ist von Montag bis Freitag, 8 bis 17 Uhr, geöffnet. „Mittlerweile ist die Einrichtung mit 23 Betreuten voll belegt, darunter sind acht aus Seligenstadt (...) Insgesamt machte die Tagespflegestätte einen freundlichen, offenen Eindruck (...) Es gibt eine Warteliste (…) in Seligenstadt sollte man den Bedarf an Tagespflege nicht vergessen“, so Roski weiter. Mit der Gemeinde Karlstein hatte die Stadt 1991 eine entsprechende Vereinbarung getroffen. Die Stadt leistet zur Deckung der jährlichen Aufwendungen einen Zuschuss. In den Jahren 2016 und 2017 nahmen jeweils zwölf Personen aus Seligenstadt dieses Angebot wahr.

Tagespflege, sagt van den Bergh, sei ein sinnvolles und notwendiges Angebot, sie verhindere Vereinsamung und komme dem Bedürfnis vieler älterer Menschen entgegen, möglichst lange in häuslichen Umfeld zu bleiben. Zur Nachtpflege kommen dagegen meist verwirrte pflegebedürftige Menschen, deren Tag-/Nachtrhythmus sich verkehrt hat und die vor allem nachts Betreuung benötigen.

Auch bei der Betreuung demenzkranker Menschen gibt es in Seligenstadt Defizite: Es gibt kein niederschwelliges Gruppenangebot. Der Seniorengarten Mainhausen ist ein Gemeinschaftsprojekt von Gemeinde, Caritas und dem Pflegedienst Gelbke für Menschen mit Demenzerkrankung (auch Personen mit psychischen Erkrankungen finden dort Aufnahme). Dieses Angebot in Mainflingener Haus „Betreutes Wohnen“ an der Ahornstraße steht auch Seligenstädtern offen. Das ist besonders wichtig, denn Karlstein nimmt keine Menschen mit demenziell bedingten Auffälligkeiten auf.

Weitere Einrichtungen in Kreis, die auch demenzerkrankte Menschen aufnehmen, bieten Tagespflege an. Das sind neben dem Aureliushof in Mainflingen (auch Nachtpflege), das Alten- und Pflegeheim Morija (Rödermark) und das Senioren- und Fachpflegezentrum Gretel-Egner-Haus in Dudenhofen.

Nach Angaben von Anke van den Bergh hat der Beratungsbedarf bei Senioren in den letzten Jahren stark zugenommen. Es werde eine steigende Zahl von Menschen beobachtet, die in ihrer Wohnung vereinsamen. Auch die Zahl der Senioren mit psychischen Erkrankungen (Angststörungen, Depression, Antriebsstörungen) steige weiter an, der Anstieg von Suchterkrankungen (Tabletten, Alkohol) sei besorgniserregend.

VON MICHAEL HOFMANN

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