Erinnerung wachhalten

„Stolpersteine in Seligenstadt“ erzählt Schicksale der Juden  

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Hildegard Haas und Thorwald Ritter stellen die neue Publikation „Stolpersteine in Seligenstadt“ vor.

Max Schuster zog 1932 mit seiner Frau Erna nach Seligenstadt, um sich dort eine Existenz als Bäcker aufzubauen. Im folgenden Jahr wurde Sohn Ernst geboren. Vom ersten Nazi-Boykott am 1. April 1933 bemerkte die jüdische Familie noch wenig. 

Seligenstadt – Das änderte sich allerdings schnell, und immer weniger Kunden frequentierten das Geschäft an der Aschaffenburger Straße 65.

Auf den drei Stolpersteinen, die heute vor dem Haus an die Familie erinnern, findet sich der Vermerk „überlebt“. Im November 1935 wanderten die Schusters nach Argentinien aus, wo Max zunächst weiter als Bäcker, später als Angestellter der Stadt Buenos Aires arbeitete. Er starb 1977.

Seit 2007 werden in Seligenstadt Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig verlegt, die vor den ehemaligen Wohnhäusern jüdischer Familien an deren Schicksale erinnern. Bis dato sind es 96 Stolpersteine, die nun in einer neuen Buchpublikation dokumentiert werden. Hildegard Haas und Thorwald Ritter von der Bürgerinitiative Synagogenplatz haben die Geschichte der jüdischen Mitbürger in Seligenstadt auf 200 Seiten fortgeschrieben. Am Mittwochabend stellten die Autoren das Buch „Stolpersteine in Seligenstadt“ im voll besetzten Sitzungssaal des Seligenstädter Rathauses vor. Bürgermeister Dr. Daniell Bastian erinnerte daran, dass Gunter Demnig nach Beschluss des Magistrats am 7. März 2007 den ersten Stein verlegt hatte.

Das Buch ist eine Fortführung der Veröffentlichung von Dr. Dietrich Fichtner (gestorben 2008), der das Fundament dafür aus der Dokumentation „Geschichte der Seligenstädter Juden“ von Marcellin Spahn entnommen hatte.

In akribischer Recherche haben die beiden Autoren die Familiengeschichten der Seligenstädter Juden vor und nach dem Zweiten Weltkrieg recherchiert, haben Katasterunterlagen, Melderegister, Adressbücher und Briefe studiert und eigene Interviews mit Überlebenden geführt. Das Buch enthält einen Rundgang zu Wohnhäusern, Synagogenplatz und jüdischem Friedhof.

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebte in Seligenstadt die größte jüdische Gemeinde im Kreis Offenbach. Im Jahr 1933 waren unter den 5816 Einwohnern 146 jüdische Mitbürger, was 2,5 Prozent der Bevölkerung entspricht. Viele erkannten frühzeitig die Gefahr und verließen ihre Heimat. Auf einer handschriftlichen „Auswandererliste“ der Stadtverwaltung sind 43 Personen vermerkt, die sich zwischen 1935 und 1940 abgemeldet haben. 36 gingen nach Amerika, vier nach England, drei nach Holland. Im September 1942 wurden die letzten noch verbliebenen Juden deportiert.

Darunter waren auch Sally Hamburger und sein Bruder Isaak. Sally war gehbehindert, hatte als Soldat im Ersten Weltkrieg an der Westfront ein Bein verloren. Isaak hatte von 1906 bis 1933 den Chor der Gesellschaft der Freunde geleitet. Beide kamen nach Theresienstadt und kehrten nach der Befreiung im Juni 1945 zurück nach Seligenstadt in ihr Haus an der Steinheimer Straße 16 („Haus Hamburger“). Die Schwestern Lina, Paula, Emma und Jenny und Isaaks Sohn Julius wurden in Lagern ermordet.

Angehörige der überlebenden Familien oder deren Nachkommen haben Seligenstadt später Besuche abgestattet. Ernst Schuster, der Sohn von Max und Erna, packte 1990 seine Koffer für die Reise. Auch seine Mutter hätte die Stadt gerne noch einmal gesehen, verzichtete aber wegen ihres hohen Alters darauf.

Die BI Synagogenplatz plant für die Zukunft auch Stolpersteine für Menschen, die Opfer der sogenannten Euthanasie-Aktion der Nationalsozialisten wurden. Im letzten Kapitel des Buches sind sechs dieser Opfer aufgeführt, deren Namen und Herkunft in Dokumenten der Gedenkstätte Hadamar überliefert sind. In der Heil- und Pflegeanstalt Hadamar ließen die Nazis Behinderte und psychisch Kranke ermorden; die wahre Todesursache wurde in Briefen an die Angehörigen verschleiert.

Einen solchen Brief erhielt 1941 auch die Familie von Johann Ruppel, genannt Jean, der ab 1930 im psychiatrischen Krankenhaus in Goddelau untergebracht war. Als die Todesnachricht eintraf, wagte sein Bruder die Aussage gegenüber Freunden: „Die haben den Jean umgebracht.“

Buch:„Stolpersteine in Seligenstadt“, Verlag Brandes & Apsel, 200 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 973-3-99998-254-8.

VON KATRIN STASSIG UND ARMIN WRONSKI

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