„Geknechtet und ruiniert“

Dr. Ingrid Firner blickt für Festschrift zum Geleitsfest auf 1919 zurück

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Dr. Ingrid Firner lässt für die Festschrift die Zeit um 1919 in Seligenstadt lebendig werden.

Karl Rettinger war Kunstmaler und Gastwirt. Im dritten und letzten Band der „Seligenstädter Löffelbücher“, die die Historikerin Dr. Ingrid Firner überarbeitet hat, kommt er ausführlich zu Wort und schildert die Situation in seiner Heimatstadt im Jahr 1919, ein Jahr nach Ende des Ersten Weltkrieges.

Seligenstadt – Firner nennt Rettinger „eine aussagekräftige Quelle, um die damalige Stimmung in Seligenstadt und vergleichbar auch in weiten Teilen Deutschland möglichst wirklichkeitsnah nachvollziehen zu können“. In der neuen Heimatbund-Publikation „Geleit 2019“ publiziert sie ihren Aufsatz „Vor hundert Jahren - Karl Rettingers Notizen im Löffelbuch: „Deutschland ist geknechtet und ruiniert. “ Die OP veröffentlich Auszüge:.

Rettinger (1852-1939), der damals in der Großen Maingasse wohnte, bezieht sich in seinen Einschätzungen wohl hauptsächlich auf die Tagespresse, den „Seligenstädter Anzeiger“. Er hatte den traditionsreichen großen Augsburger Trinklöffel mit den drei zugehörigen Löffelbüchern aus dem Wirtshaus „Zur Krone“ geerbt. Diese uralten Artefakte hütet er im Bewusstsein ihres historischen Wertes und bestimmt, wer die Ehre haben soll, aus dem Löffel Wein trinken und sich in das Löffelbuch eintragen zu dürfen. Während die Löffelbücher ursprünglich den durchreisenden Fernhändlern dienten, die auf ihrem Weg zur Frankfurter Messe ihren Trunk aus dem großen Löffel schriftlich protokollierten, stellt das letzte überlieferte Buch für Rettinger ein Gäste- oder Stammbuch dar, das er durch persönliche Bemerkungen zugleich zu seinem Tagebuch macht.

In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts dürfen sich Radtouristen im Löffelbuch verewigen, ebenso Teilnehmer an Vergnügungs- und Bäderreisen oder Dampferfahrten auf dem Main. Familienfeste werden gefeiert, bei denen auch schon mal Champagner aus dem großen Löffel fließt - dokumentiert im Löffelbuch, das Rettinger zu besonderen Anlässen an Seligenstädter Wirtshäuser ausleiht. Angehende Seligenstädter Akademiker zeichnen bei solchen Gelegenheiten ihre Burschenschaftszirkel hinter ihre Familiennamen, etwa Ludwig Seibert, Alfred Binsack, die Mediziner Euteneuer und Kappen. In alle Welt verstreute Familien treffen sich mit Angehörigen in der Heimatstadt, werden von Rettinger zum Löffel geführt und hinterlassen ihre Eintragungen im Löffelbuch, so etwa Raymond Bacharach aus Brüssel. Seligenstadt entwickelt sich in der Gründerzeit zum beliebten Ausflugsort, und der große Löffel wird zu einer wichtigen lokalen Sehenswürdigkeit.

Mit dem Kriegsausbruch Anfang August 1914 endet die gute Zeit. Karl Rettinger bemerkt, dass die europäischen Fürsten wohl nur auf einen Anlass gewartet hätten, um sich gegenseitig den Krieg zu erklären. Dieser Anlass sei mit der Ermordung des habsburgischen Thronfolgers gegeben. Den Großmächten ginge es um Gebietsansprüche und Grenzbereinigungen in Europa, um Vorherrschaft, Märkte und Einflussbereiche in der Welt. Rettinger dokumentiert die ersten Kriegsmonate durch tägliche kurzgefasste Angaben über militärische Erfolge der kaiserlichen Armee und ihrer Verbündeten, die er wohl der Tagespresse entnimmt.

Als Rettingers jüngster Sohn Heinrich, erst 21 Jahre alt, Ende Januar 1915 in Frankreich fällt, schlägt die einst zuversichtliche Stimmung seines Vaters in Verbitterung und Wut um.

Wachsende Armut und Mangel an allen Gütern des täglichen Bedarfs, Einquartierungen von Infanteristen zur Ausbildung vor ihrem Einsatz in Russland und Frankreich verschärfen die Lage auch in Seligenstadt, so dass im letzten Kriegsjahr Soldaten nur noch in Schul- und Tanzsälen untergebracht und aus einer Militärküche im Gasthaus Zum Schützenhof verpflegt werden. Die Ablieferung von Gegenständen, Rohstoffen und landwirtschaftlichen Produkten wird immer häufiger gefordert. Die wenigen Besucher des großen Löffels trinken nur noch Dünnbier: „Denn die Zeit ist teuer und schwer“.

Nach Kriegsende führt Rettinger 146 Seligenstädter Gefallene namentlich im Löffelbuch auf, unterteilt in Katholiken, Evangelische und Juden, und fährt fort, nachdem am „Samstag, 28. Juni 1919, nachmittags 3 Uhr, Friede in Versailles geschlossen worden war (...)“. Deutschland ist geknechtet und ruiniert (...)-

Tiefe Enttäuschung, hartnäckige Feindbilder, Gefühle nationaler Schande und Demütigung spiegeln sich in in den folgenden Monaten in Rettingers Löffelbucheintragungen wider. Zur Bekämpfung der Armut werden in der Tagespresse die Verteilungsstellen von Lebensmitteln wie Butter, Kartoffeln, Honig und Nudeln mitgeteilt. Etwaige Überschüsse an Kartoffeln sollen die Bauern abliefern, um sie der übrigen Bevölkerung zuzuteilen. Die Anlage von Kleingärten wird empfohlen.

Am 9. August 1919 berichtet der „Anzeiger“ über die Heimkehr von Kriegsgefangenen nach Seligenstadt. Mit der Versorgung der Kriegsversehrten kommt eine weitere schwere finanzielle Belastung auf die Kommune zu.

Rettinger nimmt auch in de folgenden Jahren am politischen Geschehen teil. Als im Jahr 1937 im Rahmen des Projektes „Ahnenerbe“ ein erstes Geleitsfest mit Festumzug und Festplatz am Palatium, gefeiert wird, kritisiert er den Ablauf im Löffelbuch. Es fehlten die Geleitskutschen zur Beförderung der Kaufleute und die Geleitsreiter zur Begleitung der Frachtwagen; man hätte ihn (Rettinger) fragen sollen, den „vieles war mehr der Faßnacht geeignet als einem ernsten historischen Festzuge“.

Nach seinem Tod im Dezember 1939 führt seine Tochter Margarete Volkmann (1896-1978) das Löffelbuch weiter.  sig

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