Stadt widerspricht

Klimaschutz scheitert am Baugesetz: Hausherr beklagt geringen Wirkungsgrad von Solaranlage

Analogbebauung an der Steinerstraße: Das Dach des neuen Hauses um 90 Grad drehen, um einen vernünftigen Wirkungsgrad der Solaranlage zu erreichen? Foto: hofmann
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Analogbebauung an der Steinerstraße in Seligenstadt: Das Dach des neuen Hauses um 90 Grad drehen, um einen vernünftigen Wirkungsgrad der Solaranlage zu erreichen?

In Seligenstadt scheitert der Klimaschutz am Baugesetzbuch. Das behauptet zumindest Klaus Böttner. Er will eine Solaranlage aufs Dach bauen.

Seligenstadt – Klimaschutz scheitert am Baugesetzbuch! Diese These vertritt Klaus Böttner aus Seligenstadt (Landkreis Offenbach), dessen Ideen zu Klimaschutz und Gewinnung erneuerbarer Energien beim Bau seines Hauses an der Steinerstraße an Paragraf 34 scheiterten. Die Stadt sieht das anders: Auch bei nicht ganz idealer Ost-West-Ausrichtung der Dachflächen sei es möglich, Solaranlagen anzubringen.

Das Wohngebiet im Süden der Einhardstadt, ausgewiesen Ende der 1950er/Anfang der 1960er Jahre, wurde damals komplett bebaut. Inzwischen sind einige Besitzer gestorben, Häuser und Grundstücke gingen an neue Eigentümer. Die Gebäude werden saniert oder weichen Neubauten, weil eine Sanierung unwirtschaftlich ist. Die neuen Bauherren, zu denen Böttner zählt, wollten etwas für den Klimaschutz tun und eine Solaranlage aufs Dach setzen. Dafür müsse das Dach nicht wie das alte parallel zur Straße verlaufen, sondern um 90 Grad gedreht werden, um einigermaßen vernünftige Wirtschaftlichkeit und Wirkungsgrad zu erreichen, argumentiert Böttner.

Diesen Zahn zog ihm sein Architekt recht schnell, und zwar mit Verweis auf den Baugesetzbuch-Paragrafen 34. Der besagt, dass in einem Wohngebiet, für das es keinen Bebauungsplan gibt, der Nachbarschaft angepasstes Bauen nötig ist. Und zwar nur analog den direkten Nachbarn links und rechts, nicht zum übernächsten und nicht zum Gegenüber. Haus und Dach müssen deshalb genauso gebaut werden wie das alte, also wie in der Nachbarschaft. In einer Stadt wie Seligenstadt ist das laut Böttner an der Tagesordnung. „Wann ändern Sie den Paragrafen?“ fragt er daher die Politiker. Bisher habe er allerdings noch von keiner Partei etwas dazu gehört. Nun stehen die Häuser links und rechts von Böttners Domizil, das ebenfalls inzwischen fertiggestellt ist, tatsächlich in Ost-/Westausrichtung, allerdings nicht in einer Flucht. Lediglich das Gebäude an der Ecke Steiner- und Brentanostraße wurde stirnseitig zur Steinerstraße errichtet.

Die ideale Dachausrichtung zeigt nach Süden, liegt also bei 0 Grad Azimutwinkel (Abweichung von der optimalen Süd-Ausrichtung), räumt die Stadtverwaltung ein. Aber: Auch bei einer Ost-/West-Ausrichtung sei die Anbringung von Solaranlagen möglich. Nur die wenigsten Häuser, so die Verwaltung weiter, seien optimal gen Süden ausgerichtet. „Das macht aber nichts, denn die zu erwartenden Einbußen bei leichten Abweichungen sind gar nicht so groß.“ Sogar bei einer Ausrichtung nach Südwesten oder Südosten, also einer Abweichung von 45 Grad, lägen die Ertragseinbußen – in Abhängigkeit vom Neigungswinkel – bei fünf Prozent.

Selbst bei reiner West- oder Ostausrichtung seien ordentliche Erträge zu erzielen. Die Ertragsminderung gegenüber Süden liege bei etwa 20 Prozent, könne aber durch eine größere Fläche ausgeglichen werden. Im konkreten Fall komme hinzu, dass beide Dachflächen (nach Osten und nach Westen) für die Fotovoltaikanlage genutzt werden können, was zu einer gleichmäßigeren Verteilung der Stromerzeugung über den Tag und somit zu einem höheren Eigenverbrauchsanteil des selbst erzeugten Solarstroms führe. „Denn statt eines Ertragsmaximums am Mittag gibt es vor- und nachmittags zwei kleinere Maxima“, zitiert die Seligenstädter Verwaltung einen Solaranlagen-Ratgeber.

Nach Ansicht der Stadt könnte bei der Drehung der Firstrichtung freilich ein ganz anderes Problem entstehen: „Um die Wohnnutzung im Ober- und Dachgeschoss zu erhalten, muss aufgestockt werden. Dadurch entsteht ein zweigeschossiges Gebäude.“ In der Umgebung gibt es aber nur eingeschossige Häuser.

VON MICHAEL HOFMANN

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