Seligenstadt

Keine Auftrittsmöglichkeiten - so überleben Berufsmusiker die Coronakrise

Wie meistern Künstler die Coronakrise ohne Auftrittsmöglichkeiten? Drei Künstler aus Seligenstadt berichten. Abgebildet ist Stefan Weilmünster.

Wie meistern Künstler die Coronakrise ohne Auftrittsmöglichkeiten? Drei Künstler aus Seligenstadt berichten.

Seligenstadt – Was macht der ausübende Musiker, wenn er keine Auftrittsmöglichkeiten hat? Die Corona-Krise stellt Profis vor bisher ungekannte Herausforderungen. 

Wie sichern sie ihre Einkünfte – und wie nutzen sie die unfreiwillig gewonnene Zeit? Wir haben dazu drei betroffene Seligenstädter befragt: Thomas Gabriel, Sven Garrecht und Stefan Weilmünster.

„Ehrlich gesagt gar nicht so schlecht“ findet Thomas Gabriel die Bühnenzwangspause. Der Leiter des Musikzentrums St. Gabriel in Hainburg ist daheim, „im Labor“, wie der 62-Jährige („Ich zähle zur Risikogruppe“) das nennt, zwischen zwei Dienstgesprächen. Gabriel, der den öffentlichen Anteil seiner Arbeit mit 50 Prozent angibt, nutzt die unverhoffte Zeit, sich mit einem Theologen „neue Formate zu überlegen, die Menschen in dieser völlig neuen Situation brauchen“.

Thomas Gabriel

Für den früheren Seligenstädter Regionalkantor heißt das: Konzepte entwickeln, das Wort Gottes mit Musik im Netz zu verbreiten. So hat er mit Sven Garrecht, Johannes Wallbaum und 250 Mitwirkenden für das Bistum Mainz ein „Virtuelles Abendlob in der Osterzeit“ produziert, das auf Youtube eine fünfstellige Klickzahl erreichte. In die Zielgerade biegt die Pfingstnovene, die am Sonntag um 10 Uhr in einen virtuellen Gottesdienst aus dem Ex-Kloster St. Gabriel mündet, zu sehen auf dessen Youtube-Kanal. Das Motto lautet „Anders als erwartet“.

„Das hygienischste Konzert der Welt – gleichzeitig aus Köln, Mannheim, Darmstadt und Seligenstadt“ hat Liedermacher Sven Garrecht ins Internet gestellt. Möglich gemacht hat es eine Plattform mit dem coronabezogenen Namen „Die Flache Kurve – Onlinefestival“, bei der das dreiviertelstündige Video abzurufen ist, wie auch auf Garrechts eigener Webseite. Mit seinen Kollegen hat er auf Spendenbasis musiziert, ein virtueller Hut geht rum.

Sven Garrecht

Sein neues Programm mit dem Titel „Wenn nicht jetzt, wo sonst?“ wollte Garrecht an diesem Sonntag bei der Kulturinitiave „Zu guter Letzt/31“ im Riesen vorstellen. Einstweilen ist die Premiere auf den 13. November verschoben. Im übrigen habe er „massenhaft Ideen“, versichert der junge Sänger, Pianist und Saxofonist. Dazu gehört etwa eine Online-Weinverkostung mit Musik. Zudem hat er „Ablage gemacht, unangenehmes Zeug, wozu mich sonst nichts in der Welt gebracht hätte“. Stichwort: Steuererklärung...

Das Konzertjahr 2020 hat Stefan Weilmünster bereits abgehakt. Der Saxofonist hat eine erste Zwischenbilanz gezogen. „Bis November habe ich 36 Absagen bekommen.“ Heißt: Ihm ist wirklich alles weggebrochen. Denn für das gern gegebene Versprechen „Wir holen das nach“ kann er sich nichts kaufen. „Kein Veranstalter holt ein Frühlingskonzert im Herbst nach.“ In der Konsequenz bedeute das: Ein Termin am letzten Maiwochenende werde aufs letzte Maiwochenende 2021 verlegt. „Da hätte ich aber sonst einen anderen Auftritt.“

Seine Lehrtätigkeit an der Musikschule Seligenstadt-Hainburg-Mainhausen, wo er eine halbe feste Stelle hat, konnte Weilmünster unter strenger Einhaltung von Schutzvorkehrungen mittlerweile wieder aufnehmen; in der Zwischenzeit hat er Online-Formate für den Unterricht entwickelt. Während er unter der Woche gut zu tun hat, genießt er unfreiwillig viele lange Wochenenden: Alle Workshops im Mai und Juni sind abgesagt. Und wie es im nächsten Semester an den beiden Hochschulen weitergeht, mit denen der Seligenstädter Verträge hat, ist noch nicht abschließend geklärt. Dafür kann Weilmünster zur Freude seiner Frau öfter den Rasen mähen. „Unser Garten blitzt wie nie!“

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