Kultur

Ausstellung in Seligenstadt: Körperlichkeit ohne Abstand

Claudia Kaak, „The Wolves are at my Door“, zu sehen in der Seligenstädter Galerie Altes Haus
+
Claudia Kaak, „The Wolves are at my Door“, zu sehen in der Seligenstädter Galerie Altes Haus

Im Seligenstädter Kunstforum zeigt die neue Ausstellung „Von Helden und anderen Menschen“ zeitgenössische Kunst in der Corona-Krise.

Seligenstadt – Offensichtlich setzt die Corona-Krise beim Seligenstädter Kunstforum schöpferische Kräfte frei, zu bewundern in der Galerie Altes Haus. Kuratorin Birgit Malsy-Grimm hat mit Sabine Ries und Angela Beike vom Keller bis unters Dach ein überwältigendes Panorama zeitgenössischer Kunst zum Thema „Von Helden und anderen Menschen“ aufgebaut: Bronzen der Reinheimerin Gudrun Cornford, berührende Motive der Hofheimerin Ingrid Jureit, autobiografisch fundierte Menschenbilder der Heppenheimerin Claudia Kaak, virtuose Porträts des Großauheimers Manfred Maria Rubrecht, Fotos der Berlinerin Corinna Rosteck, farbkräftige Zyklen der Offenbacherin Katja M. Schneider.

Gudrun Cornford ist Designerin und Illustratorin medizinischer Werke. Ihren Figuren wie „Movement“, „Skinny Touch“ oder „Lara“ ist anzusehen, dass sich die Dozentin mit der Anatomie von Trapezmuskeln und Knochen ebenso auskennt wie mit Aktzeichnen und französischer Bildhauerei. Es geht ihr um schöne Form wie weiblichen Eros und Vermittlung ihrer eigenen Emotionen.

Ingrid Jureit geht dahin, wo es wehtut. Wirken die feinen Liniengespinste und Übermalungen ihrer Radierungen fast zerbrechlich, arbeitet sie auf großen Malgründen mit gedeckten Braun- und Grautönen, breitem Pinsel und expressiven Konturen. Bei der Formfindung baut sie auf ihr „Körpergedächtnis“. Thema ist das menschliche Leid, ausgelöst durch private Katastrophen, Kriege und Krankheit. Zu Serien wie „Gemeinsam einsam“ und „Festhalten“ sagt sie: „Meine Auseinandersetzungen sind wie ein Tagebuch, unterbrechen meine Sprachlosigkeit, lassen mich erstaunen oder erschrecken.“

Voller Empathie ist Claudia Kaak: „Wenn ich mit Menschen rede, beobachte ich jede Regung. Ich frage mich, ob andere die Welt ebenso wahrnehmen wie ich.“ Im Ringen um Identität lässt die Trägerin internationaler Preise beim fotorealistischen Malen tiefe Gefühle zu, die sie technisch perfekt in Öl auf Tuch bannt. Motive wie „Survivor“, „Left behind“, „Carved“ oder „The Wolves are at my Door“ springen einen förmlich an, öffnen Fenster zur Selbsterkenntnis. Manches erinnert an Filmszenen.

Psychologe mit dem Pinsel ist Kulturpreisträger Manfred M. Rubrecht. Porträts nennt er die Königsklasse der Malerei. Menschen malt er weniger, um sie abzubilden; er reflektiert und interpretiert ihr Inneres, auch bei populären Modellen: Claus Theo Gärtner, Mario Adorf, Stan Laurel und Oliver Hardy. Spaß hat er an Grimasse, Maskerade und Überzeichnung. In der Serie „Stadtmensch“ verzichtet er auf Erkennbarkeit – umso mehr glänzt die Technik.

Ein Coup ist dem Kunstforum mit Corinna Rosteck gelungen, deren malerische Fotoserie sich mit dem „Orfeo“ des Kasseler Tanztheaters befasst. Anders als in ihrem poetischen Engel-Tanz-Video ist die Musik nicht zu hören – aber sichtbar, gespiegelt in Gesten auf metallischen Flächen. Rhythmus, Bewegung, Stimmung sind visualisiert im Spiel mit Licht, in fließenden Formen fast abstrakter Figuren. Mehrfach belichtete, überblendete Gruppen („Mänaden“) und Figuren („Euridike“) erzeugen ein Gefühl beunruhigender Realität.

Infos im Internet

„Von Helden und anderen Menschen“, Kunstforum Seligenstadt, Galerie Altes Haus, Frankfurter Straße 13. Geöffnet bis 13. Dezember Freitag, Samstag, Sonntag 15 bis 18 Uhr und nach Absprache (z 06182 924451)

Katja M. Schneider setzt Fußballer dekorativ ins Bild. Verehrung und Schmähung liegen dicht beieinander. Als Kennerin Alter Meister weiß sie ein Bild zu komponieren. Dazu schneidet sie Sportfotos aus Zeitungen aus. Nach einer Reifezeit werden sie eingescannt, am Computer zerschnitten und moduliert. Pixel werden auf Papier collagiert, überzeichnet und übermalt. Das Ergebnis überträgt Schneider in altmeisterlicher Lasur auf Leinwand. Resultat sind köstliche Choreografien mit renaissancehaften Faltenwürfen, eigentümlichen Tätowierungen und jugendstilartigen Ornamenten. Bei aller Ironie über lustvoll kolorierte, oft gesichtslose Sportler, die sich herzen, küssen oder ineinander verschlungen sind: Der schmunzelnde Fan spürt, was ihm in unserer Abstandsgesellschaft fehlt... Von Reinhold Gries

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare