Kunstforum 

Einblicke in geheime Sphären

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Ulrike Rothamel, gemalter Filmstreifen

Das Kunstforum Seligenstadt zeigt bis zum 4. April eine neue Ausstellung mit dem Titel „geheimgeheim“. 

Seligenstadt - Das Kunstforum Seligenstadt eröffnet das Jahrzehnt in seiner Galerie mit Werken von sechs gestandenen Künstlerinnen: Juliana Jaeger, Gabriele Nold, Ulrike Rothamel, Karina Wellmer-Schnell, Christine König und Andrea Klinger zeigen Bilder, Objekte und Mixed Media zum Thema „geheimgeheim“, wagen Blicke in Intimes, Privates und Vertrautes ihres Lebens wie der Biografie anderer. So setzen die Kuratorinnen Birgit Malsy-Grimm und Bärbel Helf einen Gegenpol zur allgegenwärtigen Bilderflut. Die Protagonistinnen vom Bund Bildender Künstler (BBK) Darmstadt einigten sich auf die Visualisierung von Geheimnissen, die jeder mit sich herumträgt – auf eigene wie eigensinnige Art.

Seligenstadt: Bilder zum Thema „geheimgeheim“ 

Gabriele Nold (geboren 1962) zeigt teils collagierte Tafeln in Acryl, inspiriert von eigenen wie fremden Fotoalben. Bezüge zu Schwarz-Weiß-Fotos der 1950er, 60er und 70er Jahre sind offensichtlich, Verweise auf ihre Familie räumt Nold ungern ein. „Man öffnet sich, gibt Verschwiegenes preis, das ist nicht einfach“, sagt sie. Es gelingt ihr, aus subtil gemalten Grauwerten und wenigen Grundfarben zur Allgemeingültigkeit vorzustoßen. Was sie zeigt, hat viel Atmosphäre, packt den Betrachter bei seinen Gefühlen und Sehnsüchten. Passend kommentieren Bildtitel Emotionen in „Glück Schmerz Anfang Ende“, „Im Glanz der Schattenstunden“, „Stadtwandler“ oder „Zeitspuren“. Nach langer Reife haben ihre Kompositionen und Bildideen nichts Momenthaftes mehr.

Gabriele Nold, „Im Glanz der Schattenstunden“

Ebenso begabt ist Juliana Jaeger (Jahrgang 1947), an der Städelschule ausgebildete Dozentin für Malerei mit Ateliers in Frankfurt und Paris. Die französische Metropole ist kein dekoratives Beiwerk ihrer Vita: Jaeger braucht ihre Flohmärkte und Kunstszene als Fundgrube. Wie eine Zauberin entwickelt sie aus Kleidung, Hausrat, Büchern, Skulpturen, Drucken und Fotoalben ihre Geschichten. „Ich betreibe eine forschende Malerei“, sagt sie. Kürzlich stand sie nach langen Recherchen zu einer Pariserin vom Montmartre, deren Album ihr in die Hände gefallen war, vor dem Haus der gerade verstorbenen Frau. 

Seligenstadt: Kunstforum zeigt Werke von sechs gestandenen Künstlerinnen 

Dieser Renée Rusca, wie sie sie nennt, hat sie ein Denkmal gesetzt, Fotos in Gemälde verwandelt, Kondolenzbriefumschläge in ein Raster gesetzt. Gedachte Szenen aus dem Leben der Verblichenen führen den Betrachter heran an Madame X, ohne dass er das Leben dahinter zu fassen bekommt. Beste Malkunst verrät die Komposition „Reitet auf Elefant“ in Erinnerung an ein Deckengemälde von Caravaggio. Das dramatische Szenario von „Küstenwache“ kontrastiert mit frei komponierten Maschinen-Stillleben, die Ruhe ausstrahlen.

Dritte im Bunde ist Ulrike Rothamel (geboren 1968), Absolventin der Offenbacher Hochschule für Gestaltung (HfG). Ihrer Maltafel-Serie „Répondez s’il vous plaît“ liegen viele E-Mails, Fotos, Kopien, Skizzen oder Texte anderer Menschen zugrunde, um die sie Unbekannte gebeten hat. Aus diesem Schmelztiegel von Inspirationen schöpft sie seltsam entrückt oder merkwürdig nah wirkenden Szenerien. Viele zeigen drückende Rottöne. In der 30-teiligen Serie „all human“ malt sie Porträts in verschobenen Konturen, oft verunklart und verwaschen.

Kuratorin Birgit Malsy-Grimm mit den Künstlerinnen Juliana Jaeger und Gabriele Nold (von links) vor Jaegers Gemälde „Küstenwache“ Fotos (3): gries

An Rätselhaftigkeit und Intensität können die aus geschabtem, transparentem Rohleder geformten, archaischen Skulpturen und Objekte Karina Wellmer-Schnells (geboren 1950) mithalten. Über Eisengestänge feucht aufgezogene und getrocknete Rinderhäute, an den Kanten vernäht, bilden ein Kabinett für Tod, Leben und menschliche Beziehungen. In ihrer „Inkognito“-Installation im Kellergewölbe hängen 100 Tierhautmasken im Kreis, hinter die sich der Betrachter stellen kann – ein anziehendes Spiel mit Identität, im Video fortgesetzt.

Kunstforum Seligenstadt: Subtile Arbeiten von Andreas Klinger

Weniger raumgreifend sind die subtilen Arbeiten Andrea Klingers (geboren 1965). Die gelernte Elfenbeinschnitzerin erfindet tierische Wesen mit menschlichen Zügen. Mit gekonnten Umrisslinien bringt sie Affen-Menschen-Hasen in einem Zug aufs Blatt, formt ein Bestiarium aus Ton, Steinzeug und Gips, zeichnet Schablonengraffiti, schneidet Papier. Das erinnert an Plüschtiere und Comicfiguren. Der Inhalt bewegt sich zwischen Märchen und karger „Arte povera“.

Christine König (Jahrgang 1957) zeigt Metallschatullen mit fragil gezeichneten und aquarellierten Figuren, so überlagert, dass die unteren unsichtbar sind. Künstlerbücher und Impressionen zu den Fischen aus der überschwemmten Franziskus-Kapelle in Ravenna sind so vielschichtig wie geheimnisvoll. Da geht es um die Kunst des Zeigens und des Verbergens.

Ausstellung

„geheimgeheim“, bis 4. April in der Galerie Kunstforum Altes Haus, Frankfurter Straße 13, Seligenstadt. Vernissage Sonntag, 19. Januar, 17 Uhr. Geöffnet Freitag, Samstag, Sonntag, Feiertag, 15 bis 18 Uhr, Vereinbarung unter Tel.: 06182/924451     VON REINHOLD GRIES

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