„Das ziehen wir jetzt durch“

Marktleute meutern, wollen Freihof als Ausweichfläche

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Weinmarkt-Ausweichquartier Stadtwerke-Parkplatz: Testphase missglückt.

Seligenstadt - Der Seligenstädter Marktplatz gehört am Mittwoch und am Samstag den Marktleuten. Weil die Beschicker an einigen Veranstaltungs-Wochenenden auf den Stadtwerke-Parkplatz ausweichen sollen, gibt’s seit Monaten Zoff. Eine Testphase verlief unbefriedigend, eine Lösung zeichnet sich nicht ab. Von Michael Hofmann

Es gibt Themen in Seligenstadt, die scheinen von allem Seite so vernagelt, dass auch nach intensiven Bemühungen keinerlei Lösung in Sicht ist. Bei einem dieser Themen stehen die Standbesitzer des Wochenmarkts am Mittwoch (acht Stände) und am Samstag (13 Stände) im Fokus. Seit sie - an einigen wenigen Terminen - vom Stammplatz Marktplatz auf den ungeliebten neuen Parkplatz auf dem früheren Stadtwerkegelände an der Steinheimer Straße ausweichen müssen, gibt’s Zoff. Zuletzt beim Frühlingsmarkt am vergangenen Wochenende, bei dem nur etwa die Hälfte ihre Stände dort aufgebaut hatte. Dazu erreichte Bürgermeister Dr. Daniell Bastian „ein im Ton freundlicher, aber im Inhalt bestimmter Brief“, nach dem sie den deutlich größeren Parkplatz glatt ablehnen und im Ausweichfall ihre Waren lieber auf dem Freihofplatz verkaufen wollen, wo dies jahrelang vor der Neuregelung der Fall war.

Für den Bürgermeister fängt die ganze Marktbeschicker-Misere schon damit an, dass „von interessierter Seite“ absichtlich und wahrheitswidrig immer wieder in der Stadt herumerzählt werde, die Marktbeschickter seien nicht nur an einigen Tagen im Jahr, sondern auf Dauer auf den Stadtwerke-Parkplatz verbannt. Und das ärgere ihn gewaltig, ebenso wie „krude Behauptungen dazu auf Facebook“.

Der Rathauschef verwies gestern auf einen entsprechenden Stadtverordnetenbeschluss zum Ausweichstandort (nach einer Initiative des Gewerbevereins) und darauf, dass im vergangenen Jahr dazu eine „Testphase“ vereinbart worden war. Dieser Testfall trat zweimal ein: am Weinmark-Wochenende im Herbst und beim Adventsmarkt-Wochenende. In beiden Fällen, so räumt Bastian ein, sei die Aktion allerdings „nicht besonders glücklich verlaufen“. Vor allem sei das Wetter schlecht gewesen, in der Folge die Stimmung bei Verkäufern und Kunden wenig euphorisch. Mitte Dezember hatten sich Politiker der Koalition (SPD, FDP, FWS) mit den Marktleuten unterhalten und erfahren, dass die Umsätze auf dem Stadtwerkegelände stark zurückgegangen seien.

Bastian lässt keinen Zweifel: „Der Markt am Mittwoch und am Samstag ist ein wesentlicher Faktor in unserer Altstadt.“ Gleichwohl will er jetzt keinen „Rückzieher“ machen. Statt dessen planen er und Erste Stadträtin Claudia Bicherl die Testphase für die beiden 2018er-Feste zu verlängern: also nach dem Frühlingsmarkt auch über das Fun-Wochenende „Sommer in der Stadt“: „Das ziehen wir jetzt durch, wir können doch nicht ständig den Standort verlegen.“ An diesem Wochenende, so fügt der Bürgermeister hinzu, trete für die Beschicker sogar eine Verbesserung im Vergleich zum Vorjahr ein, denn damals sei deren Samstags-Verkauf wegen des blockierten Markt- und Freihofplatzes komplett ausgefallen.

Gleichwohl ist Bastian ziemlich skeptisch, ob es am Ende der verlängerten Testphase ein Happy End geben wird. Zu unterschiedlich und gegenläufig sind die Interessen: Da sind die rigiden Marktplatz-Verteidiger, die nicht akzeptieren wollen, dass die Beschicker überhaupt ihren Lieblingsstandort vor dem Rathaus räumen. Ihnen gegenüber stehen Marktplatzbewohner, denen die Veranstaltungsorgie den ganzen Sommer über viel zu viel ist. Dann sind da natürlich die Beschicker selbst, die zum Teil von ihren Stammkunden leben, zum größeren Teil aber von der Laufkundschaft, die beim Einkauf auch den Markt einbezieht. Genau diese Klientel, so das Argument der Standbetreiber, gehe auf dem dezentralen Parkplatz ohne Sichtkontakt zum Marktplatz verloren. Schließlich gibt es die Gastronomen und den Gewerbeverein, die die (dann zu kleine) Freihoffläche mit Bestuhlung und ihren Geschäften nicht unbedingt mit den Beschickern teilen möchten. Es habe, so der Bürgermeister, eine Initiative des Gewerbevereins gegeben, die Beschicker in dessen Veranstaltungsprogramm (Frühlingsmarkt, Weinmarkt) zu integrieren. Bedeutet freilich, dass die Marktstände so lange geöffnet haben sollten wie die anderen Geschäfte und nicht schon um 14 Uhr Feierabend machen können. Das wiederum wäre für sie kontraproduktiv: Wer will schon am Nachmittag noch Obst oder Gemüse?

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Gibt’s denn überhaupt keine Standort-Alternativen? Doch, aber sie überzeugen nicht. Der vordere Klosterbereich: Probleme bei der Andienung, außerdem verläuft dort die Feuerwehrzufahrt, auch gibt es keine Starkstromanbindung. Am Mainufer: Stößt bei den Marktleuten auch auf Vorbehalte, weil der Standort dezentral und abseits der Laufkundschaft-Einkaufwege liegt.

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