Gedenkfeier nach Hanau

Erinnerung ist nicht ausgelöscht: Lokale Gedenkfeier in Seligenstadt

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Für Gemeinschaft, Mitmenschlichkeit und Frieden: Gedenkveranstaltung (rechts Pfarrer Holger Allmenroeder) gegen alle Widernisse. 

In Seligenstadt haben verschiedene Vereine und Organisationen eine lokale Gedenkfeier für die Opfer des rassistischen Anschlags in Hanau organisiert. 

Seligenstadt – Wie können Bürger aus der Nachbarschaft ihre Betroffenheit, ihre Erschütterung, ihre Fassungslosigkeit, vielleicht auch Scham und Schmerz, sicher aber Solidarität und Mitgefühl mit den Opfern der so wahnsinnigen wie rassistischen Untaten von Hanau zum Ausdruck bringen? Indem ein gutes Dutzend Vereine und Organisationen um den Lions-Club Seligenstadt und das Musikzentrum St. Gabriel Hainstadt spontan eine Gedenkveranstaltung vereinbaren. Und indem die Bürgerschaft – Virusangst hin oder her – diesen denkwürdigen Abend in der Kirche St. Marien in großer Zahl besucht, miterlebt und miterleidet. Sie alle werden Zeugen einer der wohl wichtigsten Veranstaltungen der Einhardstadt in diesem Jahr. .

Wenige Stunden nach der großen Trauerfeier in Hanau lastet ein Gefühl von Hilf-, Macht- und Trostlosigkeit bleischwer über intensiven Wortbeiträgen, Gebeten und internationalen Liedern im bis auf wenige Bankreihen voll besetzten Seligenstädter Gotteshaus. Tödliche Schüsse auf Menschen aus unserer Mitte. Wie diese sinnlosen Taten verarbeiten? Wie den Angehörigen Trost spenden?

Doch aller Tristesse und Niedergeschlagenheit an diesem Abend zum Trotz ist ein Appell unüberhörbar: Trotzdem, wiederholt Pfarrer Holger Allmenroeder, der die Feierstunde moderiert, das Motto in vielen Sprachen. Hass dürfe nicht die Oberhand gewinnen und die Menschen verwirren, auch wenn „die Sinnfrage dessen, was passiert ist, sich nicht erschließt“. Bürger mit unterschiedlichen Pässen seien an diesem Abend zusammengekommen, um in Verbundenheit zu trauern: „Menschen wurden ermordet, aber die Erinnerung an sie ist nicht ausgelöscht.“

Stehend verfolgen alle Kirchenbesucher, wie Allmenroeder, sichtlich bewegt, jedes einzelne junge Opfer vorstellt, Lebenswege schildert, oft liebevolle Charakterisierungen von Verwandten und Freunden vorträgt, Hobbys sowie Berufs- und Lebenswünsche hinzufügt.

Bürgermeister Daniell Bastian (FDP), der die Schirmherrschaft übernommen hat, sagt mit Blick auf die dicht besetzten Bankreihen, er sei gerührt, dass engagierte Bürger mit dieser Gedenkstunde in kurzer Zeit „ein sichtbares Zeichen gegen Hass und für eine freie, offene und bunte Stadtgesellschaft gesetzt haben. Es wird Zeit, dass wir die Stimme erheben. Wir stehen zusammen, laufen nicht auseinander, und wir trauern. Halten wir dagegen, wenn Einzelnen oder Gruppen die Würde genommen wird!“

Kultur des Zusammenlebens: Internationale Musiker in der Kirche St. Marien.

Musiker aus Marokko, der Türkei, dem Iran und Kurdistan stellen Instrumente und Lieder aus ihrer Heimat vor. Sie alle sowie die Auftritte von Sängerin Sophie van der Smissen, Johannes Wallbaum (Klavier) und Sven Garrecht (Saxofon), so Bastian weiter, zeigten anschaulich „die vielfältige Kultur des Zusammenlebens“. Die Verantwortung dafür, wie wir miteinander umgehen, trage jeder Einzelne, so der Rathauchef weiter, der einräumte, dass der Ton rauer geworden, Toleranz schnell aufgebraucht sei. Eine entscheidende Rolle spielten die sozialen Medien.

Während einer Studienreise in Isreal hat Pfarrer Thomas Reitz aus der evangelischen Kirchengemeinde von den Attentaten erfahren. Er habe dort ein starkes Gefühl der Machtlosigkeit verspürt. Gegen diese Ohnmacht helfe das Gebet: „Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte. Wir rufen es dir zu, denn die Toten schweigen“, so Thomas Reitz auf der Grundlage von Psalm 25, Vers 6.

Direkt von der Trauerfeier in Hanau kommt Mehmet Tanriverdi, stellvertretender Bundesvorsitzender der Kurdischen Gemeinde, nach Seligenstadt. Er erzählt von einer bewegenden Veranstaltung und davon, „dass diese Anschläge das Leben in Deutschland ein Stück verändert haben“. Tanriverdi appelliert an Politik und Gesellschaft, gegen Hass und Rassismus aufzustehen.

Dass beim Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke sowie den Anschlägen von Halle und Hanau Sportschützen die Täter gewesen seien, spricht er ebenfalls an. Die Frage sei, ob Sportschützen ihre Waffen unbedingt mit nach Hause nehmen müssten.

Die neun jungen Hanauer, so der Kurden-Politiker weiter, seien ganz normale Bürger gewesen, teilweise keine besonders gläubigen Menschen. Und: „Die Opfer von Hanau waren Deutsche. Warum ruft Bundeskanzlerin Merkel den türkischen Staatspräsidenten Erdogan an, um ihre Anteilnahme auszusprechen?“

Kirchenmusiker Thomas Gabriel und Gastwirt Kadri Akdag tragen das Gedicht „Memleket isterim“ von Cahit Sitki Taranci (1910-1954) vor, übersetzt „Ich wünsche mir ein Land“. Akdag liest das türkische Original, Gabriel die deutsche Übersetzung. Eine Passage lautet: „Ich wünsche mir ein Land / Ohne Sorge und Sehnsucht in Kopf und Herz / Zwischen Geschwistern kein Streit.“

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