Tränenausbruch auf dem Berg

Unglaubliche Leistung: Mann aus Seligenstadt besteigt mit einem Bein den Kilimandscharo

Rudern in Kroatien ist wie Bergsteigen in Afrika: Tom Belz ist der lebensfrohe Beweis für diese steile These.
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Rudern in Kroatien ist wie Bergsteigen in Afrika: Tom Belz ist der lebensfrohe Beweis für diese steile These.

Tom Belz aus Seligenstadt nahe Offenbach tut, was er nicht kann, und hat darüber ein Buch geschrieben. Dem 34-Jährigen wurde als Kind ein Bein amputiert, trotzdem bestieg er den Kilimandscharo.

Seligenstadt – „Was mein achtjähriges Ich sagen würde, wenn es mich heute sehen könnte? Wahrscheinlich gar nichts.“ Der inzwischen 34-jährige Tom Belz aus Seligenstadt hätte mit acht Jahren nie geglaubt, dass ein fehlendes Bein der Schlüssel dazu sein kann, über sich selbst hinauszuwachsen. Als ihm damals wegen Knochenkrebs sein Bein amputiert wurde, war es für ihn an der Zeit, alles neu zu lernen. Die Prothese wurde ihm von allen Seiten als einzig wahres Wundermittel angepriesen.

Schon für den Achtjährigen allerdings fühlte sich die Prothese – zu der er sich nur hatte überreden lassen, weil die Belohnung eine coole neue Jeans war – nicht wie ein Teil von ihm an. Vielmehr kam er sich wie der Terminator vor, konnte sich aber nicht vorstellen, wie er damit laufen sollte. Daher seine Entscheidung, sie einfach wegzulassen und stattdessen mit Krücken zu laufen. Das funktionierte auch.

Seligenstadt nahe Offenbach: Tom Belz fährt Fahrrad mit einem Bein

Radeln mit einem Bein? Das können sich viele nicht vorstellen: Sie würden im Slalom durch die Gegend eiern, denken sie. „Letztlich war’s ein Klacks“, findet Belz. Als er erstmals auf zwei Rädern fuhr, und zwar nicht in Schlangenlinien, merkte er, dass er geschafft hatte, woran keiner glaubte. Und dass es unmöglich ist zu wissen, wie sich’s mit einem Bein lebt, wenn man zwei hat.

Beim Radfahren blieb es nicht. „Dass im Kleingedruckten stand, ich würde den Kopf nie voll genug kriegen, wenn ich mein Bein abgebe, wusste ich mit acht noch nicht.“ Dass das Kleingedruckte hielt, was es versprach, beweist Belz’ Entschluss, den Kilimandscharo zu besteigen. Das heißt, so einfach war es nicht.

Jene Afrika-Dokumentation oder der Zeichentrickfilm „König der Löwen“, die Belz überhaupt erst auf diese Idee brachten, hatten die Schattenseiten einer solchen Expedition freilich nicht vorausgesagt. Wer aber um vier Uhr früh bei Eiseskälte zu Acht auf diesem höchsten Berg Afrikas steht und Schmerzen hat, dem kann es passieren, dass er nicht mehr kann. Da aber bis dahin das Einzige, was bei Belz nach eigenen Aussagen so überhaupt nicht geklappt hatte, die Steuererklärung war, und da das auch so bleiben sollte, kam Aufgeben nicht in Frage.

Tom Belz aus Seligenstadt nahe Offenbach: Tränenausbruch auf dem Berg

„O Mist, ich muss den ganzen Weg ja auch wieder zurück!“ Und: „Ich glaube, ich breche gleich zusammen...“ Das waren Belz’ erste Gedanken, als er nach sieben Tagen oben stand. Trotzdem mischte sich ein schönes Gefühl dazu, das einem Tränenausbruch vergleichbar ist. „Guck mal, Tommy, ich glaube an dich.“ Das hätte Belz seinem achtjährigen Ich, das sich so etwas nicht im Traum hätte vorstellen können, gern rückwirkend gesagt.

Einen Fast-Sechstausender zu besteigen ist sicher nicht jedermanns Lebensziel. Trotzdem ist Belz überzeugt, dass jeder seinen eigenen Kilimandscharo zu erklimmen hat, also etwas erreichen will, das für ihn eine Herausforderung darstellt und das andere ihm nicht zutrauen. Deshalb möchte Belz, in dem auch ein Musiker steckt, seine Erfahrungen weitergeben, sie wie ein Künstler mit anderen teilen. Dann merke vielleicht der eine oder andere, dessen Leben sich wie seins von einem Tag zum anderen gewendet hat: „Wenn sogar der einbeinige Tom da hochgeklettert ist, stell’ ich mich mal nicht so an.“

Auf Instagram und YouTube teilt Tom Belz aus Seligenstadt nahe Offenbach sein Leben

Von allein teilen sich solche Erfahrungen nicht. Neben einem Instagram-Kanal (@tomnative), dessen Follower vom unterm Autositz eingeklemmten Handy bis zum Rudern in Kroatien einiges über sein Leben erfahren, besitzt Tom einen YouTube-Kanal. Und veröffentlichte kürzlich im renommierten Verlag S. Fischer sein Buch „Do what you can’t“, das im Fachhandel erhältlich ist. Nach mehr als 20 Jahren hat er sich entschieden, auf seine Mutter zu hören, die ihm schon seit Kindesalter riet, Tagebuch zu führen.

In seiner Autobiografie, auf Deutsch so viel wie „Tu, was du nicht kannst“ (also „Fahr mit einem Bein Rad“ oder „Erklimme den Kilimandscharo, auch wenn andere es dir nicht zutrauen“), zeigt er seinen Lesern die Möglichkeiten, die jeder in sich trägt, indem er seine eigene Geschichte teilt. „Den Kilimandscharo muss ja niemand gleich besteigen, aber wenn er abends lächelnd im Bett liegt, hat das Buch getan, was es sollte“, meint Belz. „Und wenn nicht, wird es als Türstopper bestimmt eine gute Figur machen!“

An diesem Punkt wäre der achtjährige Tom wohl endgültig sprachlos. Nicht nur darüber, dass er irgendwann freiwillig ein Buch lesen würde. Sondern vor allem darüber, dass es sein eigenes ist. (Lucy Gruss)

Buchtipp

Tom Belz: „Do what you can’t. Mit einem Bein auf den Kilimandscharo.“ Fischer Taschenbuch, 240 Seiten, 15 Euro

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