Die Erbarmungswürdige

Schiffsbrücke in Seligenstadt: Planken sind morsch und rissig

Claus Burys begehbare Schiffsbrücke: Eltern haften für ihre Kinder.
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Claus Burys begehbare Schiffsbrücke: Eltern haften für ihre Kinder.

Ein Detailfoto der Schiffsbrücke, eine von Claus Burys weithin bekannten monumentalen architektonischen Skulpturen, versetzte Seligenstädter Kunstfreunden einen regelrechten Stich ins Herz.

Seligenstadt – Die Planken morsch und rissig, das Holz ausgebleicht und trocken - das gewaltige Artefakt, das im Jahr 2003 seinen Platz abseits des Zentrums am Standort Schleifbach/Regionalparkweg gefunden hatte, macht inzwischen einen erbarmungswürdigen Eindruck. So, wie Holzkonstruktionen aussehen, wenn sie kaum Pflege erfahren, wenn sich niemand richtig um sie kümmert. Dabei hatte das Kunstforum diese Skulptur einst ganz offiziell „den Bürgern der Stadt“ übereignet, was auch die Frage der Fürsorgepflicht aufwirft.

Ob‘s für die Bürger bestimmt war oder explizit „die Stadt“ - Kunstwerke als Geschenke, vor allem solche, die Pflege benötigen, Geld kosten oder Umstände bereiten (Versicherung), waren im Seligenstädter Rathaus noch nie der große Renner. Nur die Angst vor Skandalen verhinderte im einen oder anderen Fall eine glatte Zurückweisung.

Nun sind Rathauschefs im Allgemeinen eher selten von irgendeiner Muse geküsst, da ist die Einhardstadt, was die männliche Linie der vergangenen Jahrzehnte betrifft, keine Ausnahme. Ein überbordendes Verständnis für Zusatz-Probleme/-kosten, verursacht von feingeistigem Wirken oder inniger Freundschaft zu schönen Künsten, ist da schwer auszumachen.

Wie groß doch der Kontrast zwischen jener glanzvollen Präsentation der Schiffsbrücken-Skulptur im Zuge der 15. Freiluftausstellung 2002 im Klosterhof, als sie in sich gegenseitig übertreffender maritimer Laudatoren-Metaphorik (Hafen, Brücken in eine neue Welt) geadelt wurde - und dem jähen Absturz. Den leitete die Schlösserverwaltung stante pede ein, als sie den Verbleib der Brücke, damals einziges Exponat der Präsentation, auf ihrem Gelände ablehnte. „Wäre ich konsequent gewesen, hätte sich sie zerstören müssen“, sagte Bury damals. Da sich zudem eine Aufstellung der imponierenden fast 17 Meter langen Douglasienholz-Konstruktion am Main wegen Hochwassergefahr nicht realisieren ließ, war die Kernstadt als Schiffsbrücken-Standort draußen.

Nach monatelangen Irrungen und Wirrungen fand sich schließlich der Standort Schleifbach in der Nähe des Mains. Nur einen Steinwurf vom Fluss entfernt, der Regionalparkweg hinauf zum Wasserschloss nebenan, das schien ein repräsentatives und akzeptables Umfeld. Auch von darob zu erwartendem Publikumsverkehr war die Rede. Dieser Zweckoptimismus indes blieb graue Theorie.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass der Künstler mit dem Standort Schleifbach/Regionaparkweg nicht unzufrieden war. Bury störte lediglich die flugs aufgestellten Schilder „Betreten verboten - Eltern haften für ihre Kinder“ seitens der Stadt, die diese Kunst als etwas Lebensbedrohliches erscheinen ließ. Dabei war das Werk doch ausdrücklich als begehbares Objekt angelegt „und hat auf Grund seiner Bauweise mit ihren verblüffenden Perspektiven einen gewissen Erlebniswert“, schrieb unsere Zeitung damals. Aus Sicht der Stadt war die Beschilderung indes unumgänglich, habe doch die Versicherung darauf bestanden und gedroht ansonsten keine Haftung zu übernehmen. Das Schild steht noch heute.

Stich ins Herz: Die Planken morsch und rissig.

Nun mildert im Falle der immer mehr verrottenden Schiffsbrücke die Philosophie des Künstlers Claus Bury den Frevel etwas ab, denn aus seiner Sicht war es normal, dass die aus Holz gefertigten Skulpturen der Vergänglichkeit anheimfallen. Das war bei der Skulptur „Engpass“ so, die 25 Jahre lang ein Blickfang am Mainufer unterhalb von Hanaus Schloss Philippsruhe war, und das dürfte bei der Schiffsbücke nicht großartig anders werden.

Die Holzskulptur „Engpass“ übrigens, geschaffen im Jahr 1990, mit der Bury damals den „Hanauer Stadtbildhauerwettbewerb“ gewann, wurde vor fünf Jahren in einer Nacht- und Nebelaktion demontiert. Der Seligenstädter Schiffsbrücke, so war zu hören, steht im Herbst ein ähnliches Ende bevor, hoffentlich ohne Nacht und Nebel.

Da aber gerade jetzt nach vielen Jahren das Interesse an der Schiffsbrücke ein ganz klein wenig wieder aufflackert, ist dies vielleicht eine gute Gelegenheit, den gleichgültigen bis ignoranten Umgang der Stadt mit Kunstwerken kritisch zu hinterfragen. Eine Bilanz dürfte überraschend mau ausfallen für eine Kommune, die sich mit Einhard im Namenszusatz schmückt und auch sonst gerne in Kunst- und Kulturleistungen sonnt.

Aber mit den Schenkungen ist das in Seligenstadt so ‘ne Sache. In diesem Zusammenhang fällt uns mit Maksymilian Biskupskis „Christus aller Opfer“ ein weiteres, einst höchst umstrittenes und heiß diskutiertes Objekt ein, ein Kunstforum-Geschenk an die Gemeinde St. Marien und damit ans Bistum. Beteiligte erinnern sich noch heute sehr lebhaft an die ebenso unnachgiebigen wie peniblen Vertragsverhandlungspartner aus Mainz. Damals sei alles, aber auch alles, bis ins letzte Detail festgelegt worden. Sogar, wann der Rasen um das Kunstwerk gemäht werden muss. Die Wiese gehört der Stadt, und sie war - Gott sei Dank - damit einverstanden.

VON MICHAEL HOFMANN

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