„Eine erhebende Feierlichkeit“

Seligenstadt und seine traditionsreiche Wallfahrtsgeschichte

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Wallfahrt vor der Seligenstädter Basilika mit Anbetung des Reliqienschreins. Das Foto stammt vom vergangenen Jahr.

Seligenstadt - Den 125. Jahrestag zur Wiedereinführung der Wallfahrt feiert Seligenstadt am 3. Juni. Daten zur Historie der Wallfahrt zu Ehren der Heiligen Marcellinus und Petrus hat Heimatforscher Karl Ewald zusammengetragen.

Die erste Wallfahrtsprozession zu Ehren der Heiligen datiert auf den 16./17. Januar 828. Es war die Übertragung („Translatio“) der Reliquien von Marcellinus und Petrus von Michelstadt nach Seligenstadt (damals Obermulinheim). Einhard, Berater am Hofe Karls des Großen und Ludwig des Frommen, berichtete bekanntlich ausführlich über dieses Geschehen. Die Übertragung der Reliquien dauerte zwei Tage, der Weg führt auf etwa 60 Kilometern Länge vom Odenwald zum Main. Heute erinnert der „Einhardwanderweg“ an den Prozessionsverlauf. Die erste Teilstrecke des Prozessionsweges wurde am 22. Mai 1993 von Michelstadt-Steinbach bis nach Großostheim als Fußwallfahrt von über 170 Mitgliedern der Basilika-Pfarrei Seligenstadt durchwandert. Dabei wurde auch der Reliquienschrein von Marcellinus und Petrus mitgeführt. Der Anlass dieser Reliquienprozession war das 100-jährige Bestehen zur Wiedereinführung der Seligenstädter Wallfahrt im Jahr 1893. Die zweite Etappe der Wallfahrt von Großostheim nach Seligenstadt fand am 28. Mai 1984 statt.

Bischof Wilhelm Emanuel von Ketteler.

Seligenstadt entwickelte sich zu einem bedeutenden Wallfahrtsort im Franken-reich, so wie es sich Einhard gewünscht hatte. Man kann davon ausgehen, dass besonders im Mittelalter viele Menschen als Wallfahrer zu den Reliquien der Märtyrer Marcellinus und Petrus pilgerten. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde die Wallfahrt unterbrochen, als zum 1. April 1803 Kloster und die Klosterkirche säkularisiert wurden. Dies erfolgte gemäß des „Regensburger Reichsdeputationshauptschlusses“ von 1802/03. Kloster und Klosterkirche wurden vom Darmstädter Landgrafen Ludwig X. von Hessen übernommen. Die verbliebenen 18 Mönche wurden in andere Pfarreien integriert oder in den Ruhestand versetzt. Nur Abt Marcellin II. Molitor durfte bleiben. Ihm war gestattet, in der Klosterkirche täglich die Messe zu halten. Er starb am 20. Januar 1815.

Die renovierungsbedürftige Abteikirche wurde 1812 vom Darmstädter Ludewig I. von Hessen und bei Rhein – jetzt mit dem Titel Großherzog versehen – als Stadtpfarrkirche der katholischen Pfarrgemeinde übereignet, mit der Maßgabe, die alte Pfarrkirche auf dem Friedhof abzureißen.

Der Mainzer Bischof Wilhelm Emanuel von Ketteler (Amtszeit von 1850 bis 1877) hatte den Wunsch, nach seiner letzten Romreise 1877 die „Seligenstädter Wallfahrt“ wieder einzuführen: „Das Heiligtum zu Seligenstadt ist das älteste und größte in meiner Diözese, die Wallfahrt zu demselben möchte ich vor meinem Tod wieder herstellen.“ Dazu kam es allerdings nicht mehr, er starb auf der Rückkehr von seiner Romreise am 13. Juli 1877 in Burghausen bei Altötting.

Bischof Dr. Paul Leopold Haffner

Nach langer Vakanz wurde am 10. Juni 1886 Dr. Paul Leopold Haffner zum neuen Mainzer Bischof gewählt und in sein Amt eingeführt. Mittlerweile wurde Dr. Weckerle, der ehemalige Rektor der Lateinschule, Stadtpfarrer in Seligenstadt (1887). Er wollte Kettelers Wallfahrts-Wunsch umsetzen. Das war zwar mit einigen Schwierigkeiten verbunden, gelang aber doch noch: Nach Schilderungen im Seligenstädter Anzeiger vom 7. Juni 1893 war der Hauptgottesdienst am Sonntag „so massenhaft besucht, dass zahlreiche Gläubige, namentlich weibliche Personen, von Unwohlsein befallen wurden und das überfüllte Gottes-haus verlassen mussten, oder selbst aus demselben getragen wurden. Die meisten dieser Personen fanden die nötigen Erfrischungen in der benachbarten Lehrerwohnung.“ Die Wallfahrteröffnung wird als „wahrhaft großartige und erhebende kirchliche Feierlichkeit“ bezeichnet. Aus allen Himmelsrichtungen waren Scharen von Gläubigen in Prozessionen zum Silberschrein mit den Gebeinen der römischen Glaubenshelden gepilgert. Von 6 Uhr an bis 10 Uhr wurden an den fünf Altären der Pfarrkirche ununterbrochen Heilige Messen gelesen. Bischof Haffner zelebrierte um 8 Uhr am glanzerfüllten Hochaltar vor dem Reliquienschrein das Messopfer.

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Der Umzug durch die reich geschmückte Stadt dauerte über eine Stunde. Erst gegen 13 Uhr waren die Hauptfeierlichkeiten beendet, und es begann der Heimzug der auswärtigen Prozessionen. Aber auch später noch besuchten zahllose Menschen die Reliquien der Schutzheiligen. Die Wallfahrt dauerte bis zum 9. Juni. Die Eröffnungsfeier übertraf jedoch selbst die kühnsten Erwartungen. (kd)

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