Seligenstadt

Schicksal von jungem NS-Flüchtling geklärt

Ferienspiele des Israelitischen Waisenhauses am Offenbacher Schultheiß-Weiher im Sommer 1938. Hermann Bacharach ist in der dritten Reihe als dritter von links zu sehen.
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Ferienspiele des Israelitischen Waisenhauses am Offenbacher Schultheiß-Weiher im Sommer 1938. Hermann Bacharach ist in der dritten Reihe als dritter von links zu sehen.

Seligenstadt – Mit dem zweiten Teil der Stolpersteinverlegung am Samstag erinnern nun in Seligenstadt 120 Gedenksteine an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Der Künstler Gunter Demnig konnte diesmal nicht dabei sein, hatte aber beim Termin am 18. Juli Steine der Bürgerinitiative Synagogenplatz überlassen, die nun Peter Seitz vom städtischen Bauhof fachmännisch verlegte Er ließ sie vor Häusern in den Boden ein, an denen bereits weitere Stolpersteine an jüdische Angehörige oder Mitbewohner erinnern.

Trotz großer Hitze kam eine ansehnliche Gruppe engagierter Bürger zusammen, die mit den jeweils Vortragenden das Schicksal der Opfer des Nationalsozialismus würdigten und auch den Bogen in die Gegenwart spannten und mahnten, Unrecht und Ausgrenzung etwas entgegen zu setzen.

Die Gruppe gedachte Menschen, die mit ihren Angehörigen deportiert und ermordet wurden, wie zum Beispiel Edith Jaffé, Johanna Bacharach, Jakob Friedrich Kleeblatt und Justin Lilie, aber auch an Menschen, denen eine Flucht noch als Jugendliche gelang, wie Karl, Luci, Ruth und Ilse Rebekka Kleeblatt. An ihre Schicksale soll zu einem späteren Zeitpunkt ausführlich berichtet werden.

Den Nachforschungen der Frankfurterin Renate Hebauf ist es zu verdanken, dass an der Steinheimer Straße 11 ein Gedenkstein für Hermann Bacharach neben dem seiner Mutter Selma verlegt werden konnte.

An der Steinheimer Straße 11 erinnert nun auch ein Stolperstein an Hermann Bacharach.

Über den 1926 geborenen Hermann war in Seligenstadt bislang nichts bekannt, berichtete am Samstag Hildegard Haas von der Bürgerinitiative. Informationen über sein Schicksal waren aber die Voraussetzung für die Verlegung eines Stolpersteins. Renate Hebauf stieß im Zuge von Recherchen für ihr Buchprojekt zum Thema „Frankfurter jüdische Kinder, die während der NS-Zeit in die USA gerettet wurden“ auf Informationen über das Leben von Hermann Bacharach. Bis dato war nur bekannt, dass Selma Bacharach, die Witwe des Metzgermeisters Bernhard Bacharach, die in Seligenstadt schlimmste Demütigungen erlitt, mit ihrem Sohn etwa 1935 Seligenstadt verließ.

Renate Hebauf fand heraus, dass der Junge in die Obhut des Israelitischen Waisenhauses am Röderbergweg in Frankfurt kam. Isidor Marx, der Leiter des Waisenhauses, bemühte sich, mit Hilfe von Organisationen so viele seiner Schützlinge wie möglich im Ausland in Sicherheit zu bringen. Hermann kommt zunächst in einem Heim bei Paris unter, später lebt er im Limoges. Dort wächst aber zunehmend die Bedrohung, denn das Vichy-Regime kollaboriert mit den Deutschen und interniert jüdische Emigranten ab 16 Jahren. Das bedeutet, dass die älteren Kinder nicht mehr sicher sind und sich im Wald verstecken, wenn französische Miliz nahte. 1941 organisiert eine amerikanische Kinderhilfsorganisation die Flucht in die USA.

Hermann kommt dort am 21. Juni an und lebt fortan bei einer Pflegefamilie in Maryland im Staate New York. Ob er Kontakt zu seiner Mutter hatte und von ihrer Deportation und Ermordung 1941 wusste, ist nicht bekannt. Es gibt nur wenige Informationen über sein Leben in den USA. Er heiratet eine Amerikanerin und nimmt noch am Zweiten Weltkrieg sowie an den Kriegen in Korea und Vietnam teil. Als er 1969 mit nur 43 Jahren in den USA stirbt, ist das Interesse für gerettete Kinder, die zwar dem Holocaust entgingen, aber nicht im KZ waren, noch nicht so groß. Auch von seinem Besuch in seiner Heimatstadt Seligenstadt sind keine Nachrichten überliefert. Für ihr Buch sucht Renate Hebauf übrigens noch einen Verlag. (Oliver Signus)

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