Prozess geht vors Landgericht

Schwimmbad-Vorfall: „Unfall hat sensibilisiert“

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Aschaffenburg / Seligenstadt - Der Schwimmunfall im Kleinostheimer Hallenbad, bei dem vor über einem Jahr ein Seligenstädter Schüler beinahe ertrunken ist, wird die Justiz noch weiter beschäftigen. Von Sabine Müller

Nachdem das Amtsgericht Aschaffenburg die Sportlehrerin zu einer Geldstrafe verurteilt hatte, wurde nun gleich zweifach Berufung eingelegt. Laut Offenbachs Schulamtsleiter hat der Vorfall den Blick für die Aufsichtspflichtverordnung geschärft.

Wie berichtet, hatte die Richterin der 46-jährigen Lehrerin aus Hessen nach einem zweitägigen Prozess am Amtsgericht Aschaffenburg eine Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu je zehn Euro auferlegt. Nach Auskunft des Leitenden Oberstaatsanwalts in Aschaffenburg, Burkhard Pöpperl, haben jetzt sowohl Verteidigung als auch Staatsanwaltschaft Berufung gegen das Urteil eingelegt. Die Staatsanwältin hatte der Lehrkraft, in deren Schwimmunterricht der damals Achtjährige erhebliche gesundheitliche Schäden erlitten hat, fahrlässige Körperverletzung vorgeworfen und eine Bewährungsstrafe von sechs Monaten gefordert. Der Verteidiger der Lehrerin hatte auf Freispruch plädiert.

Lehrerin wehrt sich

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Minutenlang regungslos am Beckenboden

Die Lehrerin wehrt sich dagegen, zusammen mit ihrem Kollegen die alleinige Verantwortung für den Unfall im Oktober 2013 zu tragen. Damals wurde der Schüler im „Vitamar“ in Kleinostheim von der Schwimmmeisterin leblos vom 2,40 Meter tiefen Beckenboden gerettet und reanimiert, nachdem dies den beiden betreuenden Lehrkräften nicht gelungen war (wir berichteten). Im Gegensatz zu dem Lehrer hatte die Lehrerin gegen den Strafbefehl, der der Verhandlung vorausging, Einspruch eingelegt: Wenn sie über den stark verzögerten Entwicklungsstand des Kindes informiert gewesen wäre, hätte sie nicht die Verantwortung für den Schwimmunterricht übernommen, sagte sie dann vor Gericht. Sie sieht bei der Don-Bosco-Förderschule in Klein-Welzheim und beim Schulamt eine Mitschuld. Für die Vorsitzende Richterin aber war in erster Linie die Verletzung der Aufsichtspflicht relevant.

„Die Kinder der Don-Bosco-Schule haben alle ein gewisses Handicap“, sagt Dr. Peter Bieniussa, Leiter des Staatlichen Schulamtes für Stadt und Landkreis Offenbach, auf Anfrage unserer Zeitung. In Ausnahmefällen sei auch die geistige Entwicklung beeinträchtigt. Dies habe die Lehrerin, die schon oft Schwimmunterricht gegeben habe, gewusst. „Der Junge war zum ersten Mal dabei, es war klar, dass man auf ihn mehr zu achten hatte.“ Außerdem informiere die Schulleitung üblicherweise die Lehrer. Peter Bieniussa betont aber auch, dass der Vorfall ein massiver Einbruch im Leben der beiden Lehrkräfte sei. Die Lehrerin, die eine Aushilfskraft und nicht verbeamtet war, ist nicht mehr im Dienst. Der Lehrer sei ebenfalls nicht mehr an der Schule, werde wohl auch aus Altersgründen nicht zurückkehren.

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In der Schullandschaft hat das Schwimmbad-Unglück laut Bieniussa Wellen geschlagen: „Ich gehe davon aus, dass der Vorfall zur Sensibilisierung geführt hat.“ So seien in der Aufsichtspflichtverordnung festgelegte Regelungen konkretisiert worden, indem etwa verschärft auf einen aktuellen Schwimmschein geachtet werde. Dieser musste zwar auch bisher schon alle fünf Jahre aufgefrischt werden, doch das sei nicht immer passiert. „In Dienstbesprechungen wurden die Schulleitungen noch einmal auf die Voraussetzungen hingewiesen; außerdem wurden unsere Sportbeauftragten unterwiesen.“

Oberstaatsanwalt Burkhard Pöpperl informiert, dass nach der Berufung gegen das Urteil des Amtsgerichts nun das Landgericht über den Fall zu entscheiden habe. Er rechnet damit frühestens in drei Monaten.

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