Seligenstadt unter Beschuss

+
US-Panzer in der Seligenstädter Altstadt: Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bekam die Stadt vorübergehend einen amerikanischen Stadtkommandanten.

Seligenstadt ‐ Bomben auf Seligenstadt: In wenigen Wochen, am 25. März, jährt sich der Tag des amerikanischen Einmarsches zum 65. Mal. Lange Kriegsjahre waren endlich vorbei, Leid und Zerstörung hatten ein Ende. Von Thomas Hanel

Es gab zwar keine systematischen Fliegerangriffe auf die Einhardstadt, dennoch waren die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs auch im beschaulich-ländlichen Seligenstadt zu spüren. So berichtet der damalige Pfarrer Zilles in der evangelischen Pfarrchronik: „Am 24. und 25. November 1943 erfolgte ein erster Angriff auf Seligenstadt. Brandbomben wurden geworfen, in der Rosengasse und der Pfortengasse brennen in der Nacht fünf Scheunen.“ Das Feuer griff auch auf Stallungen über und das Vieh musste in Sicherheit gebracht werden. Trotz der engen Bebauung der Altstadt bekamen die Seligenstädter das Feuer in den Griff. In einem späteren Eintrag schreibt der Pfarrer, dass beispielsweise am 10. September 1944 der Gottesdienst bei Beginn der Predigt wegen Fliegeralarms abgebrochen werden musste. Und auch der Schulunterricht wurde beeinträchtigt: „Montag, 1. September 1944, war viel Alarm“, schreibt Pfarrer Zilles. „In der Mittagszeit flogen etwa 1300 Flugzeuge über der Stadt, stundenlang mussten die Kinder in den Luftschutzräumen bleiben.“

Eine für die Region bezeichnende, für den Krieg aber keine bedeutende Rolle, spielte in dieser Zeit der Flughafen Zellhausen. Für Seligenstadt und Umgebung wurde ihm eine Funktion für das Wirtschaftsleben angerechnet - aus internationaler Sicht war seine Rolle eher banal. Der Flugplatz bot Arbeitsplätze für die darbende Zivilbevölkerung, die dort stationierten jungen Flieger verfehlten ihren Reiz auf die Damenwelt ebenfalls nicht. Bezeichnend: Von den amerikanischen Soldaten wurde der Flughafen Zellhausen zufällig entdeckt, das Flugfeld war nicht einmal auf amerikanischen Militärkarten verzeichnet.

Angriff auf den Flugplatz Zellhausen

Und dennoch gab es einen Zwischenfall, an den sich noch lebende Zeitgenossen erinnern können. Es war der 14. September 1944. Vormittags wieder Fliegeralarm. Dies war für Seligenstadt und Zellhausen nichts Besonderes, aber diesmal galt der Angriff dem Flugplatz Zellhausen. Abwehrfeuer schlug den amerikanischen Jagdflugzeugen vom Typ „Thunderbird“ entgegen. Die Maschine des Schwadron-Führers Leutnant Emmet C. Wyttenbach wurde getroffen. Der Pilot konnte sich mit dem Fallschirm retten und landete auf dem Dach der Scheune des Hauses am Marktplatz 9.

Quelle: Auf überwachsenen Pfaden, Chronik der Familie Neubauer, von Franz-Friedrich, Peter und Andreas Neubauer. Recherchen: Marcellin Spahn, Dieter Burkhard, Thomas Laube.

Die brennende Maschine stürzte auf Häuser zwischen Graben- und Wallstraße. Überliefert ist, was dann geschah: Wyttenbach, schwer verletzt durch Brandwunden, kletterte vom Scheunendach und sah sich umringt von Soldaten aus dem nahe gelegenen Lazarett im „Riesen“ und aufgebrachten Zivilisten, die den „Terror-Ami“ lynchen wollten. Es war der deutsche LeutnantKarl Huth - nach Augenzeugenberichten - der dies verhinderte. Wyttenbach wurde ins Lazarett im Riesen gebracht und versorgt. Es folgten Gefangenschaft und schließlich die Rückkehr des amerikanischen Piloten in sein Heimatland. Das Schicksal des damals 22-jährigen Piloten beschäftigte einige Seligenstädter. So Roland Geiger, einen Heimatforscher, der sich mit diesem Thema beschäftigte, und den Seligenstädter Marcellin Spahn, unvergessener Autor vieler Bücher über die Geschichte der Einhardstadt. Er nahm den Kontakt zu Wyttenbach, mittlerweile Oberst und Ausbilder deutscher Piloten in Amerika, auf. Lud ihn ein, nach Seligenstadt zu kommen. In die Stadt, in der er fast den Tod fand. Wyttenbach und seine Frau nahmen die Einladung an und haben nur schöne Erinnerungen an ihren Besuch.

Erste Granaten schlagen in Seligenstadt ein

25. März 1945. Tage zuvor rollte schon der Flüchtlingsstrom aus Offenbach und Frankfurt in Richtung Main; Bayern galt als sichere Zuflucht. Kurz nach 12 Uhr, so berichten Zeitzeugen, schlugen erste Granaten in Seligenstadt ein. Von Babenhausen kommend über Zellhausen wurde Seligenstadt umringt. Seligenstadt unter Beschuss. Gegen 19 Uhr an diesem Tag tauchten die ersten Panzer auf dem Freihof auf. Auch wenn Seligenstadt für die Amerikaner nur Durchmarsch-Station war - bei Hainstadt querten sie den Main - bekam die Einhardstadt einen amerikanischen Stadtkommandanten. „Hart, aber gerecht“, sei er gewesen, so eine Zeitzeugin. Viele Seligenstädter Nazi-Größen waren inzwischen geflüchtet, der von der NSDP eingesetzte Bürgermeister Dr. Georg Münchmeyer nahm sich das Leben.

Am 15. Mai 1945 begann das Leben in der Stadt wieder an Normalität zu gewinnen. „Seit Montag ist Karl Nover (Drogist) wieder Bürgermeister und Karl Klein sein Sekretär. Allmählich scheint es im Rathaus auch Ordnung zu geben…“ schreibt die Augenzeugin Elisabeth Zahn in ihren Aufzeichnungen.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare