Romanhafte Züge

Wissenschaftler präsentieren überarbeitete Translatio

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Auf Einhards Spuren: Pfarrer Stefan Selzer (2. von rechts) führte die Tübinger Wissenschaftler um Professor Dr. Steffen Patzold (3. von rechts) durch die Basilika; rechts Dorothea Henzler.  

Seligenstadt - Gleich in mehrfacher Hinsicht beleuchtet das Buch bislang kaum bekannte Aspekte, bringt neue ans Tageslicht und dürfte, wie beabsichtigt, in Bälde Geschichtsstudenten und an Geschichte Interessierte fesseln. Von Michael Hofmann 

Einhard-Gesellschaft (Druck, Herausgabe) und ein 14-köpfiges Wissenschaftlerteam um den Tübinger Geschichtsprofessor Dr. Steffen Patzold präsentieren zum Gedenktag der Heiligen Marcellinus und Petrus eine überarbeitete und zeitgenössisch übersetzte Translatio Einhards. Organisatoren und Wissenschaftlern gelang, eingebettet in das Seligenstädter und Michelstädter Jubiläumsjahr „1200 Jahre urkundliche Erwähnung“, eine Punktlandung. Wenige Tage von dem Heiligen-Gedenktag am 2. Juni „liegt nur 13 Monate nach der Idee das Buch auf dem Tisch“, so Dorothea Henzler, die Vorsitzende der Einhard-Gesellschaft, mit erkennbarem Stolz. Bei der Präsentation des „Gemeinschaftswerks“ am Donnerstag im Rathaus waren sich alle Beteiligten einig: „Eine wunderbare Erfahrung und ein unkompliziertes Miteinander“, sagte Patzold im Namen seiner Wissenschaftler-Crew; „ein großartiges Projekt“, lobte Bürgermeisterin Dagmar B. Nonn-Adams; und Dorothea Henzler sprach „von der großen Freude, daran teilhaben zu dürfen.“

Auf Henzlers Initiative hin entstand Ende April 2014 der Plan, Karl Esselborns Translatio-Übersetzung aus dem Jahr 1925, die längst nicht mehr unserem Sprachgebrauch entspricht, zu überarbeiten. Nach einem Patzold-Vortrag in Seligenstadt („Ich und Karl der Große. Das Leben des Höflings Einhard“) war dieser beim abendlichen Wein angetan von der Idee, neben Einhards Mittelalter-Bestseller, der Karls-Biographie, auch das zweite bemerkenswerte Werk, die Translatio, dem heutigen Leser zugänglich und dessen große kulturgeschichtliche Bedeutung erfahrbar zu machen. Genau das hatte sich die 2013 neu formierte Einhard-Gesellschaft neben der Konzentration auf die Person Einhards und dessen historischen Stellenwert auf die Fahnen geschrieben.

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In der Folge machten sich nicht weniger als 15 Mediävisten und Historiker der Uni Tübingen im Auftrage der Einhard-Gesellschaft ans Werk, optimierten die lateinische Version, arbeiteten an der Übersetzung, verfassten eine spannende Einleitung (Patzold, Thomas Kohl) und sorgten für einen wissenschaftlichen Apparat (Glossar, Chronologie, Zeittafel, Quellen- und Literaturverzeichnis, Register), der keine Fragen offen lässt. Mit der Herstellung des Buches waren Birgit Malsy-Grimm, Thomas Broll, Petra Diefenbach und Mirella Sciortino befasst, die auch Sonderwünsche der Tübinger prompt erfüllten. Um die Bebilderung und Kartenerstellung hat sich der Seligenstädter Thomas Laube (Einhard-Gesellschaft) verdient gemacht, der zudem Kontakte herstellte und die Koordination übernahm. So entstand eine in vieler Hinsicht neue Textgrundlage zu Heiligentransport, Reliquienhandel und Wunderglaube: „Einhard - Translation und Wunder der Heiligen Marcellinus und Petrus“.

In seiner lateinischen Schrift, die um das Jahr 830 entstanden ist, beschreibt Einhard bekanntlich anschaulich die Entnahme der Reliquien der Märtyrer Marcellinus und Petrus aus den Katakomben in Rom und die Überführung der Gebeine erst nach Michelstadt und dann nach Mulinheim, heute Seligenstadt.

Bei der Präsentation des neuen Werkes gab Patzold einen Vorgeschmack auf den aufbereiteten Text, der schon Züge eines Romans trage. Heraus kam nicht nur eine moderne Übersetzung des parallel abgedruckten überarbeiteten lateinischen Textes. Die Leser dürfen sich zudem auf eine kenntnisreiche wie lebendig verfasste Einführung mit zahlreichen kaum bekannten Details zum von Einhard eingefädelten Reliquienraub „der fränkischen Touristen“ um Einhards Notar Ratleik und einen verschlagenen Priester namens Hunus in Rom freuen. Sie erfahren auch, was in den Katakomben passierte, warum der Sarg des Märtyrers Tiburtius nicht aufging, ein zweiter Einbruch nötig war, um auch Petrus-Reliquien zu beschaffen, und warum Einhard schließlich 100 Goldmünzen zahlen musste, um beide Heiligen nach Seligenstadt zu bekommen.

Auf den Translatio-Text folgt Einhards Sammlung der Wunder (dazu: „Fürsprache der Märtyrer“), die, so Steffen Patzold begeistert, „einen einmaligen Einblick in die frühmittelalterliche Lebenswelt einfacher Leute“ gibt.Das neue Einhard-Buch ist für 19,50 Euro (Festeinband) oder 16,50 Euro (weicher Einband) in der Tourist-Info erhältlich.

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