„Wir waren keine Menschen mehr“

Wie sie den Holocaust überlebt hat: Zeitzeugin Éva Fahidi-Pusztai an Einhardschule

Zeitzeugin Éva Fahidi-Pusztai rät den Einhardschülern: „Schreibt, singt, tanzt und seid gut zueinander, das hilft.“ 
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Zeitzeugin Éva Fahidi-Pusztai rät den Einhardschülern: „Schreibt, singt, tanzt und seid gut zueinander, das hilft.“ 

Éva Fahidi-Pusztai hat viel erlebt in ihrem langen Leben. Unendlich viel Leid erfahren, Grausamkeiten gesehen und erduldet. Aber selbst die schlimmste Hölle, die sich Menschen ausdenken können, hat sie nicht gebrochen, im Gegenteil.

Seligenstadt – Die inzwischen 94 Jahre alte, imponierende Frau besucht als Zeitzeugin Schulen, diskutiert mit jungen Leuten, die – wie dieser Tage in der Seligenstädter Einhardschule – ein hohes Maß an Empathie für Menschen entwickeln, denen einst die Vernichtung drohte, deren Familien ohne jeden Grund ermordet wurden, deren Leben böswillig zerstört wurde.

Der Besuch war ihr zweiter in Seligenstadt. Im Juni 2015 sprach Fahidi-Pusztai morgens in der Merianschule, abends im Café K der evangelischen Gemeinde. Im Forum der Einhardschule unterhielt sie sich jetzt mit Schülern der Jahrgangsstufe zehn.

Fahidi-Pusztai wurde 1925 in Debrecen (Ostungarn) in eine jüdische Familie geboren. Ihr Vater war 1936 der Auffassung, Konversion zum Katholizismus könne die Rettung sein. Ein großer Irrtum! Am 19. März 1944 kamen die Deutschen nach Ungarn, am 21. März konfiszierte das Militär das Haus der Familie, es folgte die Deportation nach Auschwitz. „Erst da hatte ich verstanden, was es bedeutet, Jude zu sein“, sagt Fahidi-Pusztai.

Die Fahrt im Viehwaggon bis Auschwitz-Birkenau dauerte drei Tage. Eingepfercht mit 80 Menschen ohne Wasser, ohne Essen, mit einem Eimer als Toilette. Am Ziel wurde Éva binnen Minuten von ihrer Familie getrennt. In ihrem Buch „Die Seele der Dinge“ schreibt sie: „Für mich ist es die größte Tragödie, dass ich so schnell nicht begriff, dass ich in diesem Moment alle lieben Menschen für immer verloren hatte.“ Ihre Eltern, ihre jüngere Schwester und weitere 49 Verwandte wurden Opfer des NS-Regimes.

Éva war gerade 18 Jahre alt. Sie musste sich nackt ausziehen, bekam die Haare geschoren und wurde von der SS begutachtet, ob sie arbeitsfähig ist. „Könnt ihr euch vorstellen, dass ihr eure schönen Haare abgeschnitten bekommt? Könnt ihr euch vorstellen, wie wir jungen Mädchen uns gefühlt haben, nackt vor fremden Menschen zu stehen und begutachtet zu werden? Wir waren keine Menschen mehr, wir waren nichts wert, wir waren Juden“, so Fahidi-Pusztai.

Im August wurde sie mit 1000 Frauen zur Zwangsarbeit nach Münchmühle bei Allendorf transportiert, ein Außenlager des KZs Buchenwald. Im Rüstungsbetrieb der Firma Dynamit Nobel arbeitete sie unter gefährlichen Bedingungen. Die Fabrik war kurz nach der Machtübernahme Adolf Hitlers (1933) zur Herstellung von Sprengstoff errichtet worden. Éva Fahidi-Pusztai bezeichnet es als Glück, dass sie dorthin kam. „In Auschwitz hätte ich nicht überlebt, da hatte ich eine Chance.“

Im Gespräch kommt sie immer wieder auf ihre Schwester zurück. Sie spricht leise und langsam. Jeder in der Aula spürt, wie betroffen und ergriffen sie ist, wenn sie berichtet. Bis heute fragt sie sich: Was hatte sie getan? Warum wurde sie getötet? Warum wurden die vielen anderen Menschen getötet?

Die Schüler sind sehr still in diesen Momenten. Später stellen sie Fragen: Ob sie die Deutschen hasse; wie sie sich in Deutschland fühle; wie sie den Anschlag auf die Synagoge in Halle beurteile; wie sie nach dem Krieg gelebt habe. Sie beantwortet alle, betont, dass sie gern in deutsche Schulen komme, dass Hass keinen Sinn ergebe, dass die jungen Menschen achtsam sein müssten, damit es keine Wiederholung des Holocaust geben könne. Der Vorfall in Halle beunruhige sie sehr, sie werde an die Zeit ihrer frühen Jugend erinnert.

Nach zwei Stunden in der Aula trifft sich Fahidi-Pusztai mit einigen Schülern zu Kaffee und Kuchen in der Cafeteria. Dort erzählen Jugendliche von ihren Familien, der Gast beantwortet auch sehr private Fragen. Die Schüler sind sichtlich bewegt, als sie sich von ihr „Auf ein Wiedersehen“ verabschieden.

Éva Fahidi-Pusztai gibt ihnen etwas mit auf den Weg: „Schreibt, singt, tanzt und seid gut zueinander, das hilft, das war meine Therapie des Überlebens nach meiner Befreiung.“ Möglich war die Begegnung der Einhardschüler mit Fahidi-Pusztai dank der Kontakte von Stadtführerin Gisela Meutzner. 

VON MICHAEL HOFMANN

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