Psychologe verarbeitet Beziehung zu seinem Vater

Seligenstädter Klaus Jost veröffentlicht biographische Erzählung „Papa im Schuhkarton“

Autor Klaus Jost hält sein Buch „Papa im Schuhkarton“ in der Hand
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Autor Jost: „Impuls, alles aufzuschreiben.“

Was kann man mit der Vergangenheit Besseres tun, als sie festzuhalten oder zu verarbeiten? Klaus Jost gelingt mit seinem Buch beides: Beim „Aufwachsen zwischen Krieg und Frieden“ findet er „Papa im Schuhkarton“. Das ist der Titel der biografischen Erzählung des Psychologen mit Wurzeln in Frankfurt, der seit 2007 Seligenstädter ist. In seinem Werk finden sich Leser seiner Generation wieder.

Seligenstadt – Für den Autor ist es sein erstes Nicht-Fachbuch. Bis dahin widmete sich der Psychologe der Kriminologie, war Gutachter in Straffällen und ist noch immer ein gefragter Experte. „In der forensischen Psychologie ändert sich viel, es gibt neue Untersuchungsinstrumente, um Persönlichkeitsmerkmale abzufragen“, begründet Jost seine Motivation, zu schreiben.

Ob seine Berufswahl auf seiner Biografie basiert? Der Mann mit dem freundlichen Lächeln schüttelt langsam, aber bestimmt den Kopf. Die ganze Familie stammt aus Frankfurt, Klaus Jost wurde 1944 in Camberg geboren, wohin die schwangere Mutter mit seinem sechsjährigen Bruder geflohen war. Oft versorgte die Großmutter den Säugling. Als Angehöriger eines katholischen Haushalts wurde er zwischen Bombenabwürfen notgetauft, später nochmal „richtig“ in der Kirche. Wieder am Main, konnte die kleine Familie nicht in ihr Wohnhaus in der Nähe des Hauptbahnhofs zurückkehren. Es war zerstört, also richtete sich Mama Elly mit den Kindern bei ihrer Schwiegermutter in Sachsenhausen ein. Das Gebäude war ebenfalls einsturzgefährdet.

Aufgefangen hat sie das Netzwerk der Gemeinde St. Bonifatius. „Der Pfarrer hat eine Gruppe für Mütter gegründet, deren Männer gefallen, vermisst oder noch in Gefangenschaft waren“, erzählt Jost. Zum letzten Kreis zählte auch sein Vater, den er bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht kannte. Das Trio erhielt eine Mansarde im fünften Stock. Seine Mieterin, Fräulein Goldmann, war spurlos verschwunden, hieß es. Jost erinnert sich an den „Riesen-Herd: Je länger das Ofenrohr, desto besser waren die Zimmer beheizt“. 1949 war es soweit: „Dampfend und pfeifend fuhr ein Zug aus Friedland in den Hauptbahnhof ein. „Ich hab mich von der Hand meiner Mutter losgerissen, bin durch die Absperrung geschlüpft und auf einen Mann zugelaufen. Das war mein Vater.“ Der Junge hatte ihn erkannt, „obwohl er sehr entstellt war, die Kleidung schäbig“. Trotzdem: „Es war der Richtige!“ Der Vater wusste nichts von seinem „Urlaubskind“, lernt den Sohn als Fünfjährigen kennen. Der Knirps hingegen hatte sich immer wieder die Bilder seines Vaters in einem Schuhkarton angeguckt, „traurige Geschichten dazu gehört“.

Im Kapuziner-Internat wird Klaus Jost mit Misshandlungen konfrontiert, erlebt bis in die Studentenzeit depressive Phasen. „Vielleicht waren es diese Erfahrungen, die mich zur Psychologie geführt haben“, überlegt er. Nach dem Abitur wollte er Lehrer werden oder Maler, verwarf aber diese Ideen. In Berufskundeheften und einem Fachbuch stieß er auf seine Berufung: „Genau das ist es!“, befand er, „neugierig auf Menschen und darauf, warum sie sich wie verhalten. Das wollte ich wissen und erklären können.“

1973 begann er an der Uni-Klinik, blieb 23 Jahre am Zentrum für Psychiatrie und Psychotherapie. Danach übernahm der promovierte Forscher die Leitung der psychologischen Beratungsstelle des Caritasverbands in Offenbach, war auch als Dozent am Ketteler-Krankenhaus tätig.

„Mein realer Vater entsprach nicht dem in meiner Fantasie“, blickt Jost zurück. „Er blieb mir sehr fremd.“ 1987 ist er binnen weniger Monate verstorben, die Mutter 2015 im Alter von 105 Jahren.

Der Wissenschaftler verspürte „einen Impuls, alles aufzuschreiben. Es war mir klar geworden, wie wenig ich von meinem Vater wusste“. Durch die Arbeit in der Klinik habe er ihn ständig besuchen dürfen und sei ihm „so nah gekommen, wie ich es mir früher gewünscht hätte. Im Schreiben habe ich die Zeit verarbeitet, das hat mir gut getan“, sagt der Autor heute. „Papa im Schuhkarton“ ist nicht nur Familien-, sondern auch ein Stück Zeitgeschichte. Das bestätigen viele Rückmeldungen von Lesern. (Von Michael Prochnow)

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