Was Bittprozessionen über alte Formen der Landwirtschaft verraten

Seligenstädter Niederfeld: Daher hat der Stadtteil seinen Namen

„Bettekreuz“ auf dem Gelände der Kita Pater Werner in Klein-Krotzenburg
+
Auch das „Bettekreuz“, das heute auf dem Gelände der Kita Pater Werner in Klein-Krotzenburg steht, war Ziel der Prozessionen mit Segensbitte für die Ernte.

Mit „Abgelegen oder nur den Fluss hinab?“ ist ein Artikel von Thomas Laube, erschienen am 26. März in dieser Zeitung, überschrieben, der sich mit der Geschichte und dem Namen des Seligenstädter Niederfelds befasst. Mit den Beschreibungen „abgelegen“ und „den Fluss hinab“ ist der Begriff „nieder“ hinreichend erklärt, nicht jedoch das „Niederfeld“, bemerkt Dieter Distel, Vorsitzender des Klein-Krotzenburger Heimatvereins, der sich des Themas angenommen hat.

Hainburg – Es gab ja auch ein Mittelfeld und ein Oberfeld in Seligenstadt. Genauso verhält es sich in Klein-Krotzenburg, in Hainstadt und in Klein-Auheim. Auch dort tauchen diese Begriffe auf, um die dörfliche Feldflur in drei Teile zu teilen.

Der Ursprung dieser Benennung liegt in der früher üblichen Nutzung der Flur begründet: der Dreifelderwirtschaft. Diese sieht vor, die gesamte Feldflur in drei gleich große Teile zu gliedern, die jeweils unterschiedlich genutzt werden. Je ein Drittel wurde im jährlichen Wechsel mit Sommer- und Wintergetreide bestellt, während das letzte Drittel, die Brache, zur Erholung des Bodens sich selbst überlassen wurde oder als Weide diente.

Die Benennung dieser drei Flurteile lautete in der Regel: Nieder- beziehungsweise Unterfeld (für Seligenstadt nennt Ludwig Seibert in seinem Flurnamenbuch einen Beleg aus Flur V von 1572 „im Unterfelt“), Mittelfeld und Oberfeld. Bei Ortschaften, die an einem Fluss liegen, lag das Niederfeld immer flussabwärts, das Oberfeld flussaufwärts, und das Mittelfeld lag auf der dem Fluss abgewandten Seite des Dorfes. Das Klein-Krotzenburger Oberfeld grenzt also mehr oder weniger direkt an das Seligenstädter Niederfeld.

An der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert wurde die Dreifelderwirtschaft verbessert. Auf der früheren Brache wurden nun Hackfrüchte und Futterpflanzen angebaut: Rüben, Kartoffeln, Linsen, Bohnen, Erbsen sowie Klee und Wicken als Futterpflanzen. Dies hatte zur Folge, dass die Weidehaltung des Viehs mehr und mehr der Stallfütterung wich.

Die Dreifelderwirtschaft ist heute Geschichte, und die wenigsten wissen noch etwas von einem Nieder-, Ober- oder Mittelfeld. Doch einmal im Jahr wurde oder wird man indirekt erinnert, nämlich dann, wenn in der hiesigen katholisch geprägten Gegend in den Tagen vor Christi Himmelfahrt die sogenannten Bittprozessionen stattfinden, zum Teil bis heute.

Die drei Bittprozessionen dienen dazu, für jeden Teil der alten Feldflur den Segen des Himmels für das Gedeihen der Saat zu erbitten. Ein Flurgang führte also in das alte Oberfeld, einer ins Mittelfeld und einer ins Niederfeld.

Dies erkennt man, wenn man die früheren Prozessionswege auf einem alten Ortsplan nachvollzieht. Ein Gang führte flussabwärts, einer flussaufwärts und einer ging auf der dem Fluss abgewandten Seite des Dorfes in die Feldflur. Die Befragung von Gewährsleuten aus Hainstadt, Klein-Auheim und Seligenstadt und eigene Erinnerungen bestätigten dies.

Wobei es in Klein-Krotzenburg eine Ausnahme gibt. Montags war das Oberfeld an der Reihe, es ging durch die „Wingert“ – der Name erinnert an den früheren Weinanbau – Richtung Seligenstadt. Dienstags ging es in den „Kappes“ – hier handelt es sich um die alten Krautgärten – Richtung Hainstadt. Dies waren das alte Ober- und das alte Niederfeld. Mittwochs jedoch führte die Prozession zur Liebfrauenheide, somit also nicht ins Mittelfeld. Doch man hatte es nicht vergessen. Die Markus-Prozession am 25. März führte über Fahrstraße und Triebweg hinaus zum ehemaligen Dreschplatz und zum „Bettekreuz“, heute die Kreuzung Fahrstraße/Bettenweg. Das Flurkreuz befindet sich mittlerweile auf dem Gelände der Kindertagesstätte Pater Werner, an der Ecke Geschwister-Scholl-Straße/Liebigstraße. Somit hatte auch das Mittelfeld seinen himmlischen Segen. Heute findet diese Prozession nicht mehr statt.

Warum die Klein-Krotzenburger eine Bittprozession zur Kapelle auf der Liebfrauenheide veranstalteten und dies noch immer tun, ist allerdings eine eigene Geschichte...  (Von Dieter Distel)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare