Der Mieter als Geschäftspartner

Verein Haus und Grund feiert sein 80-jähriges Bestehen

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Vorsitzender Klaus Dietrich (links) ehrte Schriftführerin Maria Weiermann und Kassiererin Helmtraud Bauer (2. u. 4. von links), die dem Verein jeweils über 25 Jahre angehören. Das Foto zeigt zudem die stellvertretende Vorsitzende Dr. Patricia Stüwe-Mathijssen, Bürgermeister Dr. Daniell Bastian und Moritz Reimers vom Landesverband Haus und Grund (rechts).

Seligenstadt - Was er tut, hat sich in acht Jahrzehnten nicht substanziell geändert. Allerdings gehören dem Haus- und Grundbesitzerverein Seligenstadt und Umgebung aktuell mehr als 40-mal so viele Immobilieneigentümer an wie bei der Gründung 1938.

Gründe sind aus Sicht des Vorsitzenden Klaus Dietrich unter anderem steigende Energiekosten, Bauauflagen und Mietrecht, die die Leistungen der Eigentümer-Schutzgemeinschaft für Hausbesitzer attraktiv machen. Ganze zehn Namen enthält der Eintrag ins Vereinsregister beim Amtsgericht in Seligenstadt, der laut Dietrich vom 18. März 1938 datiert und das älteste noch auffindbare Dokument über die Existenz des Vereins darstellt. Von der Gründungsversammlung - wohl im Jahr zuvor - seien weder Ort noch Datum überliefert. Auch die ersten Jahre danach sind kaum dokumentiert - für Dietrich eine Folge des Zweiten Weltkrieges. Unter dem NS-Regime sei eine freie Interessenvertretung der Haus- und Grundbesitzer unmöglich gewesen, folgerte der seit achteinhalb Jahren amtierende Vereinschef am Samstag im voll besetzten Festsaal der Metzgerei Kuhn. Auch in der unmittelbaren Nachkriegszeit gab es nach seinen Recherchen kaum Aktivität - bei Haus und Grund so wenig wie bei anderen zeitgenössischen Vereinen. „Die Menschen hatten Wichtigeres zu tun“, meint Dietrich: „Es ging ums Überleben.“

Dabei stellte gerade die erste Zeit nach dem Zusammenbruch die Hausbesitzer vor drückende Probleme: Viele Wohnungen, nicht nur in den großen Städten, waren zerstört. Millionen Flüchtlinge aus dem Osten verschärften die allgemeine Wohnungsnot, Wohnraum unterlag der Zwangsbewirtschaftung. Wer ein Haus hatte, musste mit Zwangseinweisungen rechnen. Hinzu kamen hohe Arbeitslosigkeit und Inflation - schwere Zeiten, so Dietrich, in denen Haus- und Grundbesitz von vielen eher als Last denn als Wert wahrgenommen worden sei.

Mit dem Wirtschaftswunder wuchs der Verein in den 1950er und 60er Jahren stetig, aber nicht spektakulär. Dem Gründungsvorsitzenden Heinz Winter folgte 1951 Franz Rückert im Amt. 1992, als Herbert Krauss den Vorsitz übernahm, zählte der Verein 37 Mitglieder. Zwei Jahre später dehnte die Gemeinschaft ihre Tätigkeit über Seligenstadt hinaus auf die Nachbargemeinden aus, auch gab es jetzt einen regelmäßigen Haus- und Grundbesitzerstammtisch. Unter Klaus Dietrich, erst der vierte Vorsitzenden in 80 Jahren, setzte ab 2009 der große Zulauf ein: Mehr als 400 Mitglieder mit 900 Liegenschaften gehören dem Haus- und Grundbesitzerverein heute an. Die Zahl habe sich seit seinem Amtsantritt mehr als verdreifacht, sagt Dietrich. Viele der organisierten Immobilienbesitzer leben nicht in der Region, sondern über die gesamte Republik verteilt und sogar im Ausland.

Bemerkt und auch belohnt wurde dieses Wachstum 2016, als der Seligenstädter Verein einen Preis des Bundesverbandes Haus und Grund - mit über 900.000 Angehörigen in mehr als 1 000 Ortsverbänden die größte Immobilienbesitzer-Lobby Deutschlands - für den drittstärksten Mitgliederzuwachs erhielt. Attraktiv ist der Verein aus Sicht Dietrichs, weil er viel für seine Mitglieder tut und ihnen in individuellen Belangen des Steuer- und Abgaberechts, bei energetischen Problemen, Nachbarschaftskonflikten und in Mietrechtsfragen zur Seite steht. Konflikte mit Mietern gebe es aktuell besonders bei Nebenkostenabrechnungen: Mehr als 2000 Gerichtsverfahren habe der Verein bisher in solchen Fällen geführt, über 500 davon bis zum Bundesgerichtshof.

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Dabei versteht sich der Haus- und Grundbesitzerverein nach Worten seines Vorsitzenden keineswegs nur als Prozesshelfer für Vermieter. Im Gegenteil trete er immer dafür ein, den Mieter nicht als Gegner, sondern als Geschäftspartner zu sehen, der fair zu behandeln sei. Um der Rechtssicherheit willen versorge er seine Mitglieder mit vorgedruckten Mietverträgen oder Übergabeprotokollen, gebe ihnen die von Dietrich selbst entwickelte Mieter-Selbstauskunft an die Hand oder helfe, nötigenfalls innerhalb von Stunden, mit Bonitätsprüfungen potenzieller Mieter aus.

Gesellschaftspolitisch sieht sich der Verein nach Worten Dietrichs nicht zuletzt als Sprachrohr für das private Immobilieneigentum. Über 80 Prozent aller Wohnungen in Deutschland gehören nach seinen Worten Privatleuten - ein Anteil, den es aus Sicht von Bürgermeister Dr. Daniell Bastian noch zu erhöhen gilt. In seinem Grußwort sprach er sich gegen weitere gesetzliche Beschränkungen für Vermieter aus, sei es aus ökologischen oder sozialen Motiven. Moritz Reimers, Justiziar beim hessischen Landesverband Haus und Grund, forderte die Beschränkung staatlicher Eingriffe in die Wohnungswirtschaft. (zrk)

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