Hilfe im Kreis Ahrweiler noch immer benötigt

Seligenstädterin engagiert sich im Flutgebiet und bittet: „Vergesst die Leute nicht“

Die Seligenstädterin Bärbel Imgram (blaues Shirt) zusammen mit anderen Helferinnen.
+
Das Helfen verbindet: Die Seligenstädterin Bärbel Imgram (blaues Shirt) zusammen mit anderen Helferinnen. „Man lernt viele tolle Menschen kennen“, sagt sie.

Als am 14. und 15. Juli das Ahrtal in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen in Wassermassen untergeht, befindet sich Bärbel Imgram aus Seligenstadt gerade im Urlaub. „Wir waren mit dem Wohnmobil unterwegs und hatten keinen Fernseher – deshalb haben wir davon erst mal nichts mitbekommen“, sagt sie. Bei ihrer Rückkehr sieht sie die schrecklichen Bilder und verfolgt die Situation – und beschließt irgendwann, selbst helfen zu wollen.

Seligenstadt –„Ein Freund von uns ist regelmäßig dorthin gefahren und hat meinen Mann irgendwann mal mitgenommen“, sagt die Seligenstädterin Bärbel Imgram. „Ende August saß auch ich im Auto Richtung Überflutungsgebiet.“ Ihr erster Einsatzort ist ein Hotel in Mayschoß, einem Ort im Kreis Ahrweiler. „Wir haben sechs Bäder rausgerissen und den unteren Bereich komplett entkernt. Sieben Meter hoch hat das Wasser gestanden.“ Das Schicksal der Menschen im Krisengebiet trifft sie an diesem Tag erstmals mit voller Wucht. „Das Hotel hatte erst fünf Tage offen – dann kam die Flut. Und weiter oben im Gebäude sehen die Zimmer auch immer noch so aus, als wären die Gäste nur kurz weg. Das ist einfach so verrückt!“

Was die Seligenstädterin an diesem Tag erlebt, lässt sie nicht mehr los. Also fährt sie ein paar Wochen später wieder Richtung Flutgebiet – dieses Mal ohne ihren Mann. Vom zentralen Helfercamp geht es für sie ins Weingebiet Rech. Wo früher Weinreben zu sehen waren, soweit das Auge reichte, sammelt Bärbel Imgram nun Müll ein. „Kinderklamotten, Spielsachen, Bürosachen, Gartenmöbel und Haushaltsgegenstände – das liegt da alles zusammen im Dreck. Das ist oft so fest zusammengepresst, das bekommt man kaum raus“, sagt sie. In 24 Stunden falle aktuell soviel Sperrmüll an wie sonst in 24 Jahren. „Und dabei wird einem immer wieder klar: Hinter jedem Gegenstand steckt ein Schicksal.“

Seligenstädterin hat auch schon Spenden mitgenommen ins Flutgebiet

Bevor sich die Seligenstädterin vor einigen Tagen ein drittes Mal auf den Weg macht, um zu helfen, startet sie einen Aufruf und bietet an, Spenden mitzunehmen. „Die habe ich dann auch vorher angemeldet, denn es bringt den Menschen dort ja nichts, wenn jemand eine Kiste mit Fastnachtshüten vorbeibringt – das ist nämlich auch schon vorgekommen“, sagt sie. Deshalb empfiehlt sie, sich vorher online unter ahrhelp.com zu erkundigen, was die Menschen vor Ort gerade benötigen.

Dann geht es für sie weiter nach Laach. Doch dieses Mal spürt sie eine seltsame Stimmung: „Es hat auch ganz widerlich süßlich gerochen. Kein Wunder, wenn Essensreste, Unrat, Fäkalien, Öl und Dreck zusammenkommen. Und es werden ja auch noch Menschen vermisst.“ Die Angst, auf eine Leiche zu stoßen, begleitet sie. Umso dankbarer ist sie für die Vorarbeiter. „Das sind unsere Ansprechpartner, die immer da sind. Sie sagen auch, holt uns, wenn ihr irgendwo ein ungutes Gefühl habt.“

Seligenstädterin spricht viel mit den Betroffenen im Kreis Ahrweiler

Von der Flut mitgerissen: Neben Autos ziehen die Menschen alle möglichen Gegenstände, wie Mülltonnen, Hausrat, Gartenmöbel und Spielsachen, aus dem Dreck.

Der Austausch mit den Menschen vor Ort ruft bei der Seligenstädterin gemischte Gefühle hervor. „Man muss es selbst sehen, sonst kann man sich nicht vorstellen, was auch jetzt noch für ein Leid da ist. Und wenn abends die Helfer abziehen und die Bagger ihre Arbeit einstellen, ist da Stille“, sagt sie. „Die größte Angst der Menschen dort ist, vergessen zu werden.“ Gerade jetzt, wenn es kalt werde. Manchmal weine sie auch, „wenn ich zum Beispiel höre, dass ein Mann alles verloren hat: Haus, Kind, Frau“. Und dann sei da wiederum diese große Dankbarkeit der Menschen im Ahrtal. „Die haben eigentlich so viel zu tun und trotzdem kümmern sie sich rührend um die Helfer. Das ist so schön.“ Darum ist ihre große Bitte: „Vergesst die Leute dort nicht.“

Bärbel Imgram hofft deshalb, dass sich auch weiterhin viele Menschen dazu entscheiden, im Ahrtal zu helfen. „Das ist top organisiert. Man bekommt dort alles gestellt, von Arbeitshosen, festen Schuhen, Handschuhen über Masken bis zur Verpflegung. Und es muss auch niemand schwere körperliche Arbeit leisten, wenn er oder sie nicht kann oder möchte.“ Auch in der Versorgungsküche werde immer wieder Hilfe gebraucht.

Und die Seligenstädterin plant schon ihre nächste Fahrt Richtung Ahrweiler – dieses Mal möchte sie sogar ein paar Tage bleiben und helfen. Leuten, die jetzt überlegen, vielleicht auch im Überflutungsgebiet zu helfen, bietet sie an, sich bei Fragen an sie zu wenden, per Mail an bbb.imgram@gmail.com. (Von Julia Oppenländer)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare