Sicherheit ist kein Zufall

Abschieds-Interview mit Seligenstadts Polizeichef Rösch

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Polizeichef Rösch: Wir leben in einer aufstrebenden Region mit täglich neuen Herausforderungen.

Er war das Gesicht der Polizei in Seligenstadt. Nach sechs Jahren verlässt Dienststellenleiter Josef Michael Rösch die Einhardstadt. Im Gespräch mit der OP zieht der Hauptkommissar Bilanz.

Seligenstadt – Nach sechs Jahren als Dienststellenleiter in Seligenstadt werden Sie im Juni nach Mühlheim versetzt. Wie sieht Ihre neue Aufgabe aus?

Ich übernehme die Leitung der Führungsgruppe unserer Zentralabteilung und die Abwesenheitsvertretung des Abteilungsleiters. Der Bereich mit rund 100 Mitarbeitern ist für mich in einigen Teilen Neuland. Konkret laufen dort alle Informationsdienste zusammen, Kriminalakten werden ausgewertet, Fälle analysiert und die Kriminalstatistik aufbereitet. Ferner wird in der Abteilung „Z“ die Beschaffung und die komplette Fahrzeugverwaltung der Behörde abgebildet sowie die Informations- und Kommunikationstechnik überwacht und gewartet. Ein Bereich, der mich besonders fordern wird, ist das Gebäudemanagement, und da denke ich nicht bloß an den Neubau des Polizeipräsidiums, sondern auch an die vielen Liegenschaften zwischen Langen und Schlüchtern. Ich glaube, dass ich recht gute Voraussetzungen mitbringe, um diese Herausforderungen zu meistern.

Sie haben Seligenstadt bei den alljährlichen Veröffentlichungen der Kriminalitätsstatistiken stets als eine Insel der Glückseligkeit bezeichnet. Worauf muss geachtet werden, dass das auch so bleibt?

Ich habe immer betont, dass Seligenstadt keine Insel der Glückseligkeit ist, aber eine schöne und vor allem eine sehr sichere Stadt. Das gilt im Übrigen auch für die Gemeinden Hainburg und Mainhausen. Sicherheit ist kein Zufallsprodukt, dafür muss sehr viel getan werden. Ich spreche gerne von einer Sicherheitsarchitektur, die es aufzubauen und zu pflegen gilt. Die Leute kennen ihr Wohnumfeld; sie bemerken sofort, wenn etwas aus dem Ruder läuft oder zwielichtige Gestalten Tatgelegenheiten ausbaldowern. Wichtig ist es auch ein gutes Netzwerk mit den Vereinen, Ämtern, Behörden und der Politik zu knüpfen, damit Sicherheitsaspekte auf allen Ebenen beachtet werden. Dafür, dass die Zusammenarbeit auch mit den politisch Verantwortlichen in Mainhausen, Hainburg und Seligenstadt so außergewöhnlich gut und vertrauensvoll lief, bedanke ich mich herzlich. Das sollte bitte so bleiben!

Auffällig ist aber, dass die Fälle von Verstößen gegen die sexuelle Selbstbestimmung sowie gefährliche Körperverletzung auf öffentlichen Straßen und Plätzen, einfache Körperverletzungen gestiegen sind. Worauf ist das zurückzuführen?

Kurzfristige Picks in der Statistik nach oben oder unten lassen sich oft anhand aktueller Fälle erklären. Betrachten wir die langfristige Entwicklung der Kriminalität in Seligenstadt, dann stellen wir fest, dass wir im Jahr 2006 insgesamt 1 398 Fälle verbuchten, während aktuell die Zahl um mehr als 45 Prozent auf 833 sank. Das belegt eindrucksvoll: Seligenstadt ist sicher! Damit einher geht eine deutliche Steigerung der Aufklärungsquote. Im Vergleich zu 2011 als die „AQ“ bei 43 Prozent lag, konnten wir aktuell 55,5 Prozent aller Fälle klären. Ich denke, darauf kann meine Dienststelle zu Recht stolz sein. Die Anzahl der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung ist im Vorjahresvergleich von 11 auf 13 gestiegen und natürlich ist jede Tat eine zu viel. Aber es ist keine auffällige Zahl, und weit überwiegend sind dies Taten von Belästigung und Beleidigung auf sexueller Basis oder exhibitionistische Handlungen, bei denen es nicht zu Handgreiflichkeiten oder gar Gewaltanwendungen kam.

Die Zahl der leichten Körperverletzungsdelikte ist von 40 auf 58 merklich angestiegen. Dies sind häufig Auseinandersetzungen unter jungen Leuten, die unter Alkoholeinfluss stehen und Meinungsverschiedenheiten mit den Fäusten austragen. Viele dieser Taten wurden an den Fastnachtstagen begangen und konnten durch die hohe Polizeipräsenz überhaupt erst zur Anzeige gebracht werden. Die Aufklärungsquote von knapp 90 Prozent spricht auch dafür, dass sich die Kontrahenten oftmals kennen.

Wie sehen Sie Ihre persönliche Bilanz?

Ich habe wunderbare sechs Jahre lang in Seligenstadt meinen Dienst verrichten dürfen. Ich fand überall offene Ohren mit meinen Anliegen und Vorschlägen. Meine Vorgesetzten ließen mir die Freiheit, die Akzente der Polizeiarbeit aktiv zu gestalten, das hat mich sehr motiviert. Die Zahlen belegen, dass wir nicht alles falsch gemacht haben. Aber solch positive Entwicklungen sind nicht mein alleiniger Verdienst: Ein Dienststellenleiter braucht ein motiviertes Team, das Vorgaben mit Leben erfüllt, sie im positiven Sinne umsetzt und mit eigenen Ideen weiterentwickelt. Dass mir das gelungen ist und dass wir in Seligenstadt inzwischen eine so leistungsfähige Mannschaft haben, der ich vorstehen durfte, macht mich stolz.

Gibt es Fälle/Aufgaben, die Sie unerledigt zurück lassen müssen?

Mit einem Augenzwinkern: Die offenen Fälle werden bestimmt alle von meinen Kollegen geklärt, und an Aufgaben bleibt für meinen Nachfolger sicherlich genug zu tun. Wir leben in einer aufstrebenden Region mit täglich neuen Herausforderungen für die Polizei.

Was wird Ihnen am meisten fehlen?

Der direkte Kontakt zu den Bürgern, die Gespräche über Probleme im Alltag der Menschen und die gemeinsame Erarbeitung von Lösungen. Vor allem werden mir aber die lieb gewonnenen Mitarbeiter und die vielen herzlichen Menschen in Seligenstadt, Hainburg und Mainhausen fehlen. Sie alle machen mir den Abschied wirklich schwer!

Sie leben in Hainburg, haben also quasi fast vor der Haustüre gearbeitet. War das manchmal schwierig, weil man z. B. viele Menschen persönlich kennt?

Überhaupt nicht. Die Polizei ist Bestandteil unserer Gesellschaft und steht im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Ich bin mit Leib und Seele Polizist, und wer mich kennt, der weiß, dass ich Gradlinigkeit sehr schätze. Das gilt für den Polizeichef wie auch für den Privatmann Seppel Rösch. Insoweit empfand ich es immer als sehr hilfreich, die Menschen zu kennen. Meine Bürotür stand immer offen, und wenn ich auch mal samstags am Grünschnittcontainer auf dem Bauhof angesprochen und um Rat gefragt wurde, hat mir das überhaupt nichts ausgemacht. Ganz im Gegenteil.

Das Interview führte Oliver Signus.

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