Gunter Demnigs Stolperstein-Aktion

Sichtbares Zeichen des Gedenkens

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Stolpersteine an der Aschaffenburger Straße 65 in Seligenstadt, dem früheren Wohnsitz der Familie Schuster: Zwar gelang die Flucht nach Argentinien, doch richtig glücklich wurden die Schusters dort nicht.

Seligenstadt - Sechs weitere „Stolpersteine“ ließ der Künstler Gunter Demnig in Abstimmung mit der Seligenstädter Bürgerinitiative Synagogenplatz am 27. Januar, dem Gedenktag an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, an der Aschaffenburger Straße 65 und der Vautheigasse 5 verlegen.

Sie erinnern, wie die übrigen 65 bereits im Stadtgebiet verlegten Steine, an jüdische Bürger, die ehemals in diesen Häusern lebten und die Opfer des Nationalsozialismus wurden. Mit den Verlegearbeiten beauftragten die Verantwortlichen Mitarbeiter des Bauhofs, die diese Arbeit in bewährter Sorgfalt vornahmen. Die Stolpersteine werden ausschließlich durch Spenden finanziert, die Kosten für die Verlegung übernahm die Stadt.

Bürgermeisterin Dagmar B. Nonn-Adams erinnerte im Verlaufe eines Gedenkens in Anwesenheit der Mitglieder der Bürgerinitiative Synagogenplatz und interessierter Bürger an die vorausgegangenen Verlegungen aus den Jahren 2007, 2009 und 2012. Es sei ihr und der Stadt ein ganz besonderes Anliegen, dass diese Stolperstein-Aktion weitergeführt und so „ein sichtbares Zeichen des Gedenkens“ gesetzt werde.

Vertreter der Bürgerinitiative berichteten von den Schicksalen der Menschen, an die die Stolpersteine nun erinnern. So war es sowohl der Familie Schuster (Aschaffenburger Straße 65) als auch der Familie Platschek (Vautheigasse 5) gelungen, durch rechtzeitige Flucht dem Holocaust zu entgehen. Aber um welchen Preis!

Gefühl der Ausgrenzung

Max Schuster war im Oktober 1932 aus Alzenau zugezogen und wollte sich mit seiner Frau Erna als Bäcker in der Einhardstadt eine Existenz aufbauen. Ein halbes Jahr später, am 1. April 1933 - Adolf Hitler war gerade zwei Monate als Reichskanzler an der Macht - wurde der Boykott über jüdische Geschäfte verhängt, von der NSDAP teilweise mit Gewalt durchgesetzt. Ausgrenzung und wirtschaftliche Not zwangen Erna und Max Schuster im Jahr 1935 mit ihrem zweijährigen Sohn alles zurückzulassen und es im südamerikanischen Argentinien neu zu versuchen.

Andrea Mock-Haas, eine jetzige Bewohnerin des Hauses Aschaffenburger Straße 65, berichtete von einem Besuch aus Argentinien. Die Tochter des Ehepaares Schuster, Caroline, habe sichtlich betroffen beim Anblick der Wohnung und der noch intakten Backstube ihrer Eltern von deren Schicksal berichtet. Von der beklemmenden Angst, dem Gefühl der Ausgrenzung, von der Flucht, durch die sie zwar ihr Leben retteten, und doch in Argentinien nie richtig glücklich waren. Zum Heimweh kam die ständige Angst um die zurückgebliebenen Angehörigen und dann der Schmerz und die Trauer darüber, dass ein Bruder Erna Schusters und drei Schwestern Max Schusters von den Nationalsozialisten ermordet wurden.

Spenden zur Finanzierung

Die BI Synagogenplatz erinnerte bei der Stolperstein-Verlegung „auch an die vielen anderen Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, deren Schicksal heute nicht im Besonderen gedacht wurde (...) an die Menschen jeden Alters, an die Alten, an die Kinder, die gedemütigt, entrechtet, misshandelt und getötet wurden.“ Sie riefen auf zum Gedenken, aber auch zur Wachsamkeit gegenüber antidemokratischen Strömungen, gegenüber rassistischer und ideologischer Verblendung.

Ganz konkret bittet die BI auch um Spenden zur Finanzierung der Stolperstein-Aktion. Zumindest für 36 weitere Opfer jüdischen Glaubens liegen die Daten vor, sodass Stolpersteine erstellt werden können. Für andere Verfolgte des Naziregimes, beispielsweise für die Euthanasieopfer, wird noch recherchiert (Spendenkonto: Förderkreis Historisches Seligenstadt, Stichwort Stolpersteine, IBAN: DE 51 506521 24 000 111 00 48, BIC: HELA DE F1 SLS).

mho

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