Erster eigener Laden

Textiles „Wünsch dir was“

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Klein-Welzheim - Weil sie von befristeten Verträgen und mieser Bezahlung die Nase voll hatte, machte sich Silvia Fecher als Maßschneiderin und Kostümnäherin selbstständig. Heute eröffnet sie in Seligenstadt ihren ersten eigenen Laden. Von Jenny Bieniek

Über ihre bislang ausgefallensten Arbeiten muss Silvia Fecher nicht lange nachdenken: ein Herren-Nachthemd mit eingearbeiteten Fesseln aus dem SM-Bereich, ein historisches Hochzeitskleid aus Wildseide und Handschuhe mit kleinen integrierten Flöten. Die gelernte Maßschneiderin und Kostümnäherin fertigt an, was ihre Kunden wünschen. Diskretion ist dabei ihr oberstes Gebot. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Der Schwerpunkt von Fechers Arbeit liegt auf mittelalterlichen Kostümen. „Mittelalterliches ist das ganze Jahr über gefragt“, weiß die 34-Jährige, die sich selbst ebenfalls in der Gothic- und Mittelalterszene bewegt.

Ob Barock, Rokoko oder Renaissance – Silvia Fecher kennt sich in allen Epochen aus. Inspirieren lässt sich die 34-Jährige vor allem von Filmkostümen. „Filme wie ,Fluch der Karibik’ oder ,Marie Antoinette’ gucke ich leider schon oft sehr kostümfixiert“, gibt sie zu. Ursprünglich stammt Silvia Fecher aus Rodgau, seit vergangenem Jahr lebt sie in Seligenstadt. Mit der Näherei begann sie als Hobby. 1998 absolvierte sie dann ihre Fachholschulreife an der Frankfurter Modeschule. Es folgten ein Studium als Design-Ingenieurin und eine weitere Ausbildung zur Maßschneiderin.

Für HR und Mamma Mia

Trotz mehrerer Praktika bekam sie später jedoch nur befristete Stellen, die dazu noch schlecht bezahlt waren, unter anderem als Schneiderin beim Hessischen Rundfunk, wo sie Kostüme für einen Film mit Heike Makatsch nähte, als Lederschneiderin oder bei den Kreuzgangspielen in Feuchtwangen. In einer Kostümschneiderei in Düsseldorf half sie bei der Anfertigung der Kostüme für das Musical „Mamma Mia“. „Die Jobs waren aber immer mit Umzügen verbunden, das wollte ich irgendwann einfach nicht mehr.“ Seit 2010 arbeitete Fecher deshalb selbstständig von zu Hause aus, „aber ein eigener Laden war schon immer mein Traum“. In Klein-Welzheim hat sie nun das Passende gefunden.

Ihre Kunden kommen mit eigenen Ideen, schicken Fotos oder Zeichnungen. „Ich führe diese Vorstellungen dann aus - egal, wie ausgefallen die Wünsche auch sind.“ An ihrem Beruf schätzt sie vor allem die Kreativität und die Möglichkeit, sich selbst verwirklichen zu können. Einen Großteil ihrer Stücke vertreibt Fecher zudem über ihren eigenen Ebay-Shop. Auch ganze Karnevalsgruppen hat Fecher schon eingekleidet. „Die wollen nichts von der Stange. Um Fastnacht rum hab ich deshalb meistens ganz gut zu tun.“ Rund 40 Arbeitsstunden benötigt die Schneiderin beispielsweise für ein Rokoko-Kleid. Neben der Maßanfertigung betreibt sie als zweites Standbein einen Verleih von hochwertigen Theaterkostümen.

Keine Wertschätzung für handgefertigte Kleidung

„In Deutschland wird ja nicht mehr viel produziert, und weil im Laden alles billiger ist, wissen viele Leuten handgefertigte, individuelle Kleidung nicht mehr wertzuschätzen“, bedauert sie. Zu einem Renner entwickelte sich zu ihrer Überraschung ihre Hundemode. Auf die Idee kam Fecher, weil ihr kleiner Prager Rattler im Winter schnell friert. „Der Samtumhang war eigentlich nur eine lustige Idee von mir, aber bei den Kunden kam es an“, erzählt sie. Etwa 55 Euro kostet ein Einzelstück, auch Partneroutfits für Hund und Herrchen seien möglich.

Momentan gehe der Trend außerdem zu historischen Hochzeitskleidern. „Die sind viel femininer geschnitten als aktuelle Modelle. Taille und Gesäß werden mehr betont, darin fühlt sich jede Frau sofort viel weiblicher.“ Derzeit reicht ihr Verdienst „gerade so“, um über die Runden kommen, „aber es wird langsam mehr“, ist die Seligenstädterin optimistisch. Am heutigen Samstag feiert sie mit ihrem Laden „Kostümgeschichten“ (Hauptstraße 51) ab 17 Uhr Eröffnung.

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