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Spritzen, Schutzdienst, Skeptiker: Seligenstädter Arzt leitet Impfzentrum im Riesen

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Von: Julia Oppenländer

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Impfen, Gespräche führen, dokumentieren und organisieren: Der Seligenstädter Stephan Schließmann hat jeden Tag viele Aufgaben zu erledigen.
Impfen, Gespräche führen, dokumentieren und organisieren: Der Seligenstädter Stephan Schließmann hat jeden Tag viele Aufgaben zu erledigen. © Oppenländer

Seit Kurzem hat das Impfzentrum im Riesen geöffnet. Leiter ist der Seligenstädter Arzt Stephan Schließmann. Von Beginn hat er viel zu tun - und musste sich auch schon mit Impfskeptikern und frustrierten Bürgern auseinandersetzen. Wenn möglich, nimmt er sich für gemeinsame Gespräche Zeit.

Seligenstadt – An diesem Montag ist es ruhig im Riesen in Seligenstadt. An anderen Tagen warten hier Menschen auf ihre Erst-, Zweit- oder Booster-Impfung gegen das Coronavirus. „Montags haben wir geschlossen“, sagt Stephan Schließmann, Leiter des Impfzentrums. Das erklärt er kurz darauf auch einer Frau, die trotzdem einen Weg in das Gebäude gefunden hat, und bittet sie, in den nächsten Tagen noch mal vorbei zu kommen. „Den freien Tag brauchen wir“, sagt Schließmann kurz darauf in seinem provisorischen Büro. „Da kümmern wir uns um Lieferungen, Bestellungen und andere interne Aufgaben, die während des laufenden Betriebs eher schwierig zu erledigen sind. Und erholen uns auch ein bisschen.“

Am 20. Dezember öffnet der seit Kurzem in Zellhausen niedergelassene Privatarzt eine Pop-up-Impfstation in der alten Sparkasse in Klein-Welzheim. Im Januar ziehen er und sein Team in den Riesen um, mit Unterstützung von der Stadt. Demnächst werden sie außerdem als offizielles Impfzentrum des Robert-Koch-Instituts zertifiziert. Vier Impfstraßen gibt es aktuell, sollte eine neue Impf-Welle kommen, können in bis zu sechs dieser „Straßen“ bis zu 180 Leute pro Stunde den Piks erhalten.

Stephan Schließmann aus Seligenstadt hat Erfahrungen mit Impfzentren

An Erfahrung für ein solches Projekt mangelt es dem 45-Jährigen nicht. Ursprünglich betreut er Sportler, engagiert sich mit Beginn der Corona-Zeit aber zunächst in der Pandemieberatung, um systemrelevante Berufe aufrecht zu erhalten. „Vom Kindergarten bis zum Atomkraftwerk war alles dabei“, sagt Schließmann. Als deutschlandweit Anfang vergangenen Jahres das Impfen losgeht, arbeitet er unter anderem als medizinischer Leiter in großen Zentren im Saarland und in Nordrhein-Westfalen – ein lukratives Geschäft. „Zur Adventszeit habe ich mir dann aber überlegt, dass ich meiner Heimat ein bisschen was zurückgeben und dort den Menschen leichten Zugang zur Impfung anbieten möchte.“ Die Hilfsbereitschaft liegt in seiner Familie. „Mein Opa hat das Rote Kreuz in Seligenstadt mit aufgebaut“, sagt Schließmann. „Ich selbst war von klein auf beim ASB engagiert.“ Auch heute noch arbeitet er nebenbei beim Rettungsdienst und als mobiler Arzt für die Polizei Südosthessen.

Seine gesammelten Erfahrungen helfen dem Seligenstädter auch bei seiner aktuellen Aufgabe – vor allem im Umgang mit Impfskeptikern. „Es kommen durchaus Leute, die warten, bis niemand mehr da ist. Mit denen führe ich dann gerne ein Aufklärungsgespräch“, sagt er. „Denn jemand, der noch nicht geimpft ist, ist nicht automatisch gegen die Impfung.“ Er ist überzeugt, dass die Skepsis oft auf Fehl- oder Nichtinformation basiert. Manche Gespräche dauern deshalb auch mal anderthalb Stunden. „Ich habe Verständnis für die Verunsicherung, deshalb nehme ich mir für jeden Zeit.“ Für niedergelassene Ärzte, die parallel zum normalen Praxisbetrieb impfen, sei das natürlich schwer.

Das Impfzentrum in Seligenstadt

Ab sofort impfen und boostern die Mitarbeiter alle Altersklassen (ab elf Jahren, boostern ab zwölf Jahren) mit dem Impfstoff Biontech ohne Termin – auch über 30-Jährige. Auf Wunsch ist ab 30 nach wie vor die Impfung mit Moderna möglich. Samstag 9 - 16 Uhr, Sonntag 10 - 15 Uhr; Dienstag - Freitag siehe www.impf-mich.de

Arbeit im Impfzentrum Seligenstadt mit schweren, aber auch schönen Momenten

Mit Kritik kann Stephan Schließmann grundsätzlich leben, solange es nicht persönlich gegen ihn oder sein Team gehe. In Klein-Welzheim sei er mehrfach von älteren Menschen beschimpft worden. „Dann aber forderten sie: ‘Gib mir sofort mein Biontech!’“, sagt er. „Die wollten offensichtlich Druck und Frust ablassen, das geht nicht direkt gegen meine Person.“

Kritischer wurde es zuletzt auch in Seligenstadt. „Jemand hat sich darüber geärgert, dass er Corona-positiv war. Der ist dann absichtlich zu uns gekommen, hat sich vorne hingesetzt – immerhin noch mit Maske – und meinte: ‘Und? Was macht ihr jetzt?’“ Inzwischen gibt es für solche Situationen einen Sicherheitsdienst auf Abruf für das Impfzentrum.

Allerdings fehlen auch die schönen Momente nicht, sie wiegen die anstrengenden wieder auf. Vor allem Weihnachten ist dem 45-Jährigen in Erinnerung geblieben. „An Heiligabend kamen Seligenstädter nachts mit Geschenken vorbei, weil sie mitbekommen haben, dass wir eben noch lange geimpft und gearbeitet haben. Das war unglaublich schön!“ (Julia Oppenländer)

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