Elektronische Schatzkarte

Archiv: 120.000 Dokumente aus sieben Jahrhunderten

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Stadtarchivarin Dr. Ingrid Firner (links), interessierte Besucher: Die älteste Original-Urkunde ist ein Pergament des Mainzer Erzbischofs aus dem Jahr von 1339.

Seligenstadt -   Sorgfalt vor Tempo, immer ein Schritt nach dem anderen und nicht aufgeben. Fast vier Jahre lang hat Dr. Ingrid Firner diese Grundsätze hochgehalten, im Seligenstädter Stadtarchiv aufgeräumt und künftigen Generationen von Historikern und Heimatkundlern den Weg gebahnt.

Als wichtigstes Werkzeug hinterlässt sie einen digitalen Wegweiser zu rund 120.000 Dokumenten aus sieben Jahrhunderten, der auf einen USB-Stick passt. Stapelweise Stadtgeschichte, säuberlich in flachen grauen Archivkartons aus säurefreier Pappe und ohne Metallklammern oder in wuchtigen Lederbänden auf stabilen Regalen verstaut. So sollte es gemäß dem hessischen Archivgesetz in Räumen aussehen, denen Städte und Gemeinden ihr papierenes Gedächtnis anvertrauen. Ingrid Firner, promovierte Historikerin und lange Jahre im hessischen Staatsarchiv in Darmstadt tätig, ist mit dem System bestens vertraut. Seit die heute 70-Jährige im April 2014 als Vollprofi in Sachen Geschichte das Vermächtnis des wenige Monate zuvor verstorbenen ehrenamtlichen Stadtarchivars Dieter Burkard übernahm, hat sie die nach ihrem Urteil sehr reichhaltigen Dokumentenbestände im rückwärtigen Anbau des Rathauses in das bewährte Raster gefügt. Und dafür gesorgt, dass sich die Nutzer auch zurechtfinden.

Findbuch heißt im Fachjargon jene Schatzkarte, die jetzt jeder Besucher auf einem PC-Monitor studieren oder für persönliche Recherchen auf besagtem USB-Stick mit nach Hause nehmen kann. Besucher, die Dr. Firner immer dienstags im Archiv Gesellschaft leisten, machen nach ihren Worten regen Gebrauch davon. Mit 27 Rubriken von Stadtverfassung über Statistik bis Feuerpolizei, entspricht das Ordnungsmuster ebenfalls dem hessischen Archivstandard. Hobby-Ahnenforscher, Studenten, Buchautoren und all die anderen Interessenten nutzen nach Worten der Historikerin in immer größerer Zahl den wöchentlichen Öffnungstag. Offenbar, meint Firner, spreche sich der neue Such-Service herum.

Wer im digitalen Verzeichnis fündig geworden ist und sich ein Dokument näher ansehen will, findet es zumeist in einem nummerierten Archivkarton. „Früher stand überall genau drauf, was drin ist“, erläutert Firner. Das erscheine zwar auf den ersten Blick praktisch, mache das System aber unflexibel: „Ein Archiv lebt. Immer wieder mal kommt etwas dazu“ - etwa wenn Rathausämter alte Akten abliefern oder auf einem Seligenstädter Dachboden alte Urkunden auftauchen, die historisch bedeutsam sind. Nach der neuen Methode können solche Funde ohne weitere Umstände an thematisch und chronologisch passender Stelle abgelegt werden, ins Findbuch kommt in Hinweis unter der entsprechenden Nummer.

Alles sichten, katalogisieren und gut unterbringen - knapp vier Jahre mühevoller Kleinarbeit haben sich laut Firner, die sich schon in zahlreichen Kommunalarchiven umgetan und vor dem Seligenstädter Auftrag unter anderem die Hainburger Historiensammlung auf Linie gebracht hat, auf jeden Fall gelohnt. Das Stadtarchiv sei sehr gut bestückt und liefere einen ebenso umfassenden wie detaillierten Überblick.

Die Geburtsurkunde der Stadt, die Schenkung Kaiser Ludwigs des Frommen an den späteren Klostergründer Einhard aus dem Jahr 815, liegt in Abschriften von Mönchen aus dem 17. und 18. Jahrhundert vor. Älteste Original-Urkunde ist ein Pergament von 1339, mit dem der Mainzer Erzbischof die Rechte des Klosters gegenüber der aufblühenden Bürgerstadt festlegt.

Wertvolle Faktenquellen sind die städtischen Rechnungsbücher, über Jahrhunderte hinweg erhalten - allerdings mit einer Lücke, die die Historikerin als Herausforderung sieht: Rund 250 ledergebundene Bände für die Jahre 1873 bis 1932 sind verschollen. „Sie müssen noch irgendwo sein“, glaubt Firner. „So viele Bücher vernichtet man nicht einfach so“. In Sachen Rechnungslegung, findet die Fachfrau, hätten sich die Altvorderen in Seligenstadt übrigens ein Beispiel an den Zeitgenossen in den heutigen Stadtteilen nehmen können: Die Rechnungsbücher aus Klein-Welzheim und Froschhausen seien über viele Generationen besonders gewissenhaft geführt worden.

Im Fall Froschhausen sind ihre Eindrücke noch frisch: Das frühere Gemeindearchiv, bislang im Seligenstädter Feuerwehrhaus gelagert, durchforstet sie zuletzt und integriert es mit allen Dokumenten in das Findbuch. Danach ist Firners Auftrag formal erledigt. Wie es weitergeht, ist laut Andreas Frech, als Leiter des Fachbereichs Sport und Kultur für das Stadtarchiv verantwortlich, noch nicht entschieden: Eventuell komme wieder ein ehrenamtlicher Archivar wie früher Marcellin Spahn oder der 2013 verstorbene Dieter Burkard. Wahrscheinlich stehe das Thema in den nächsten Monaten in Magistrat und Stadtverordnetenversammlung auf der Tagesordnung. Dazu auch Angemerkt. (zrk)

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