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Psychotherapeutin Marion Sehr spricht über den positiven Effekt der Natur

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Von: Yvonne Fitzenberger

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Raus in den Wald: Regelmäßige Spaziergänge in der Natur wirken sich positiv auf die Psyche und den Körper aus. Symbo
Raus in den Wald: Regelmäßige Spaziergänge in der Natur wirken sich positiv auf die Psyche und den Körper aus. Symbo © dpa

Im Interview erläutert psychologischen Psychotherapeutin und Vorsitzenden des Seligenstädter Bündnis gegen Depression, Marion Sehr, wie wichtig es ist, wieder vermehrt in die Natur zu gehen.

Froschhausen – Mit dem meditativen „Waldbaden“ ist ein Trend zur Achtsamkeit aus Asien nach Deutschland gekommen. Im Ursprungsland Japan wird an renommierten Universitäten sogar die Fachrichtung „Waldmedizin“ unterrichtet. Wir haben uns mit der psychologischen Psychotherapeutin und Vorsitzenden des Seligenstädter Bündnis gegen Depression, Marion Sehr, über die Wirkung von Natur auf Körper und Geist unterhalten.

Frau Sehr, wie oft gehen Sie in den Wald?

Als ich meinen Husky hatte, eigentlich jeden Tag zwei bis drei Mal, und mittlerweile ist es immer noch zwei bis dreimal in der Woche.

Welchen Effekt hat das Spazierengehen im Wald auf Sie?

Das hat immer einen ganz positiven Effekt: Ich werde ruhiger, bin entspannter und finde manchmal, ohne darüber nachzudenken, Lösungen für Probleme.

Waldbaden soll Menschen helfen, abzuschalten und zu sich zu finden. Wie stehen Sie zu diesem Thema?

Das gibt’s seit ein paar Jahren auch vermehrt in Deutschland, mittlerweile auch als Präventionskurs. Ehrlich gesagt belächle ich das ein bisschen, weil es im Grunde eine Selbstverständlichkeit sein sollte, sich in der Natur aufzuhalten und in Verbindung zu gehen mit der Natur.

Marion Sehr ist psychologische Psychotherapeutin und Vorsitzende des Seligenstädter Bündnis gegen Depression.
Marion Sehr ist psychologische Psychotherapeutin und Vorsitzende des Seligenstädter Bündnis gegen Depression. © Privat

Was meinen Sie damit?

Wenn man in den Wald geht, achtsam zu sein und nicht einfach nur die Kilometer abzulaufen. Aber das ist wohl das, was Waldbaden den Menschen wieder beibringen soll: Ganz bewusst darauf zu achten, wie riecht es gerade? Was höre ich gerade? Wie fühlt sich der Boden an? Wie fühlt sich mein Körper an? Ich finde es merkwürdig, dass Menschen offensichtlich den Kontakt dazu verloren haben – zu dem, was eigentlich intuitiv in ihnen ist, nämlich mit allen Sinnen aufnehmen.

Haben Sie eine Vermutung, warum wir das verlernt haben?

Menschen waren früher allein aufgrund ihrer Tätigkeiten und weniger Verkehrsmitteln viel mehr in der Natur als heute. Das Leben und Arbeiten findet weitestgehend in Bürogebäuden, Fertigungshallen oder im Homeoffice statt. Der Bezug zur Natur wird immer weniger. Also etwas, was wir gar nicht bewusst als positiven Effekt wahrgenommen haben, ist verloren gegangen.

Glauben Sie, dass der Trend Waldbaden einen dauerhaften Einfluss auf Menschen haben kann?

Es wäre schön, wenn es einen dauerhaften Einfluss hätte, weil mit diesem Bewusstsein wieder für die Natur, wir auch wieder ein stärkeres Bewusstsein dafür entwickeln, was wir alles um uns herum zerstören – nämlich unseren natürlichen Lebensraum. Was ich nur merkwürdig finde, ist, dass Menschen eine Anleitung dafür brauchen, ihre Sinne wieder zu aktivieren. Evolutionsbiologisch sind wir auf die Bewegung in der Natur ausgerichtet und die setzt positive Reize, wie Stressabbau, Stärkung des Immunsystems und Stärkung des Herz-Kreislaufsystems.

Beruflich als auch als Vorsitzende des Seligenstädter Bündnis gegen Depression liegt Ihr Fokus auf dem Thema mentale Gesundheit. Wie wichtig ist Bewegung bei Depressionen?

Bei Menschen mit Depressionen ist es sehr wichtig, wieder in die Bewegung zu kommen. Da geht es aber nicht darum, sportliche Leistungen zu erbringen. Was ich den Menschen als Tipp gebe: Achtet nicht darauf, wie viele Kilometer ihr geschafft habt, sondern geht langsam, geht bewusst in den Wald und verlangt euch nichts ab. Weil nur dann baut sich der Stress ab.

Ganz ohne Leistungsdruck also.

Genau. Das Geheimnis ist, ohne Ziel etwas zu tun, also nur mit der Absicht, zu gehen und sich im Wald zu bewegen. Von mir aus auch im Wald baden. Waldbaden ist ja nur eine Möglichkeit, um wieder in die Achtsamkeit zu kommen. Ich weiß nicht, ob wir jemanden brauchen, der uns diese Anleitung gibt, wenn wir einfach nur unserem Inneren folgen.

Forscher stellten fest, dass der Aufenthalt im Wald einen positiven Einfluss auf das Schmerzempfinden haben kann. Was passiert, wenn wir uns im Wald aufhalten?

Durch Terpene, die Bäume abgeben, werden wir stimuliert, und es gibt durchaus einen Effekt auch auf die Stimmung und das Schmerzempfinden. Es kommt, wenn man sich eine längere Zeit im Wald aufhält, zu einer vermehrten Ausschüttung von Serotonin und Dopamin, sodass wir auch eine Stimmungsstabilisierung erleben können, oder auch eine Stimmungsaufhellung. Es baut auf jeden Fall Stresshormone ab. Um diese Effekte auch dauerhaft zu haben, braucht es die Regelmäßigkeit.

Also nicht nur schnell zehn Minuten durch den Wald huschen ...

Es geht wirklich um Achtsamkeit. Es geht darum, die Luft einzuatmen. Es geht darum, die Geräusche und Gerüche wahrzunehmen, vielleicht auch mal den Boden zu fühlen, einen Baum anzufassen. Dann hat es eben auch diese positiven Effekte.

Was möchten Sie unseren Lesern als Tipp mitgeben?

Ein Tipp, den ich auch meinen Patienten gebe, ist: Nehmt euch feste Zeiten, in denen ihr wirklich hinausgeht. Dem Gehen wird zu wenig Bedeutung beigemessen. Und wenn sie das regelmäßig machen, wirklich zu festen Tagen und Uhrzeiten, dann hat es vielfältige Effekte. Es geht, wie bei allem, um die Regelmäßigkeit. Das Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass wir unsere Gesundheit erhalten oder die Genesungsprozesse auch verstärken können, indem wir hinausgehen – das müssen wir erst wieder entwickeln, und das funktioniert nur durch unmittelbares Erleben.

Das Gespräch führte Yvonne Fitzenberger.

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