Von überforderten Haltern, Fang-Aktionen und Kastration

Tierschutzverein Seligenstadt: Auffällig viele junge Fundkatzen in den Corona-Monaten

Augenblick: Nicole Fuchs mit einem Schützling.
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Augenblick: Nicole Fuchs mit einem Schützling.

Der Tierschutzverein Seligenstadt hat in den vergangenen Monaten deutlich mehr junge Fundkatzen aufgenommen. Die Tierheimleitung vermutet, dass viele Halter, die sich während der Pandemie ein Tier zulegten, überfordert waren. 

Seligenstadt – Tierheimkatze Anna hatte heute schon unerwarteten Herrenbesuch. Ein roter Kater schlich sich durch die Türklappe in ihr Refugium, fraß und verschwand wieder. Kein Grund zur Aufregung. Anna fläzt auf ihrem Kissen, das schwarze Fell zerzaust, die Augen müde. Keine zwei Kilo wiegt sie mehr, taub ist sie auch. Die Mitarbeiter des Tierschutzvereins Seligenstadt und Umgebung haben sie in Hainstadt aufgesammelt, der Besitzer ist trotz Tasso-Registrierung nicht mehr auffindbar. Anna ist 21 Jahre alt. Ihren Lebensabend wird sie im Tierheim verbringen. Umgeben ist sie dabei von Jungspunden – auffällig vielen in diesem Jahr.

13 Katzen warten an diesem Tag in den Räumen des Tierschutzvereins an der Friedrich-Ebert-Straße auf ihre Vermittlung. Weitere sind in den rund sieben Pflegestellen untergebracht. Viele Einzelkatzen sind es zurzeit, die nicht sozialisiert sind. Das führt zum Platzproblem: Die Katzen müssen in separaten Zimmern gehalten werden, weil sie sich nicht miteinander vertragen.

Tierheimleiterin Renie Sona und ihre Stellvertreterin Nicole Fuchs vermuten, dass sich viele Menschen im vergangenen Corona-Jahr Katzenbabys ins Haus holten, dann überfordert waren und die Tiere aussetzten. „In normalen Zeiten wird der Großteil der Tiere bei uns abgegeben. Das Aussetzen gibt es immer mal wieder, aber der Prozentsatz ist nicht so hoch. Jetzt, in der Corona-Zeit, sind etwa 90 Prozent der bei uns aufgenommenen Katzen Fundkatzen“, sagt Sona.

Die Tiere sind zahm, ein Dreiviertel- oder ein knappes Jahr alt. Vor allem sind es Fundkatzen mit draußen geborenen Babys, ergänzt Nicole Fuchs. Zeitweise hatte der Verein in diesem Jahr über 35 junge Kätzchen in der Vermittlung.

Uralte Mieze: Die 21-jährige Katze Anna auf dem Arm von Tierheimleiterin Renie Sona.

Die Unkenntnis bei vielen frischgebackenen Katzenhaltern ist groß. Gerade hat Renie Sona eine 14 Wochen alte Katze entgegengenommen. Die Besitzer hatten sie über Ebay-Kleinanzeigen von einem Bauernhof in die reine Wohnungshaltung geholt und sie falsch gefüttert. Das Tier wurde krank und bekam Durchfall. Mit der vom Tierarzt angeordneten Medikamentengabe waren die Besitzer überfordert. „Die hatten Angst, das Baby stirbt ihnen“, sagt Sona, die zu Hilfe eilte. „Bei uns hätten sie 150 Euro Vermittlungsgebühr mit Entwurmung, Impfungen, Chip, Tattoo und Kastration und Beratung gezahlt. Allein die Tierarztkosten waren in diesem Fall viel höher.“

Ein Novum im Tierheim war vor Kurzem die Rückgabe bereits vermittelter Katzenbabys. „Bei Allergien kann das schon mal vorkommen“, sagt Sona. Doch in diesem Fall hatten die Menschen nach drei Tagen schlicht genug vom Benehmen des neuen Mitbewohners. „Natürlich klären wir vorher auf, dass Couch und Tapete ruiniert werden könnten. Katzenbabys sind kleine Teufel“, sagen Sona und Fuchs. In einem anderen Fall störten sich die Besitzer daran, dass die Katzen auf den Tisch sprangen.

Werden freilebende Katzen gemeldet, locken die Mitarbeiter die Tiere mit Futter schrittweise in eine Falle, die per Kordelzug oder Fernbedienung geschlossen wird. Das kann mehrere Tage dauern. „Man sitzt da Stunden über Stunden“, sagt Nicole Fuchs. Sona ergänzt: „Wir stellen keine Fallen scharf und gehen weg, wir sind immer da. Die Katze wird sofort umgesetzt in eine Transportbox.“

Wildlebende Katzen fängt der Verein, um sie medizinisch zu versorgen, chippen, tätowieren und kastrieren zu lassen. Tiere, die älter als fünf Monate sind, können für gewöhnlich nicht mehr vermittelt werden, da sie nicht mehr zahm werden. Sie werden dort wieder ausgesetzt, wo sie gefüttert werden, kommen in Bauernhöfen oder Pferdeställen unter.

Seit dem Frühjahr erleichtert eine Katzenschutzverordnung die Arbeit der Tierschützer. „Sie macht unsere Arbeit rechtssicher“, erklärt Nicole Fuchs. „Katzen, die wir draußen finden, können wir jetzt nach 48 Stunden kastrieren, chippen und tätowieren, ohne von möglichen Besitzern belangt zu werden. Wir warten aber länger, wir wollen keinen Ärger provozieren. Nur will man ja irgendwann auch weitermachen.“ 150 Kastrationen durch den Tierschutzverein hat Nicole Fuchs gezählt, rund 50 mehr als im vergangenen Jahr. Ärger hat sich Renie Sona zum Beispiel schon eingehandelt, als sie einen Kater nach vier Wochen Wartezeit kastrieren ließ. Der Besitzer meldete sich, als er sein Tier in der Zeitung sah.

Im Frühjahr soll der himmelblaue Neubau auf dem Vereinsgelände bezugsfertig sein.

Fuchs weist darauf hin, wie wichtig es ist, das eigene Tier nicht nur chippen, sondern auch registrieren zu lassen. Das geht bei Findefix (Deutscher Tierschutzbund) oder Tasso. „Das erledigt nicht der Tierarzt, das muss der Besitzer selbst mit der Chipnummer machen.“ Bei einer Vermittlung wird die Registrierung vom Tierheim vorgenommen.

Für die Einfang-Aktionen erhält der Tierschutzverein 2 000 Euro pro Jahr von der Stadt. „Wir sind auch immer zur Stelle, wenn das Ordnungsamt Fundtiere meldet“, sagt Sona. Wenn im Frühjahr der Neubau auf dem Vereinsgelände endlich bezugsfertig ist, können die Beamten per vertraglicher Regelung dort auch Fundhunde für ein paar Tage unterbringen. Die meisten Tiere sind ausgebüxt und kommen noch am selben Tag wieder nach Hause. Hunde nimmt das Tierheim ansonsten nicht auf, nur Kleintiere und Katzen. „Das Tierheim läuft rein ehrenamtlich, dafür hätten wir gar nicht das Personal. Hunde brauchen Bezugspersonen“, erklärt Sona. Ganz im Gegensatz zu den wilden Katzen. Die würden sich am liebsten in Luft auflösen, sobald ein Mitarbeiter das Zimmer betritt. (Von Franziska Jäger)

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