Auf Todesmarsch erschossen

Trotz aller Versuche konnte die Familie Bacharach den Nazis nicht entkommen

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Brahmsallee 13 in Hamburg: Diese Stolpersteine erinnern an Erna und Moritz Bacharach. 

Das Schicksal Seligenstädter Bürger jüdischen Glaubens zu Zeiten der NS-Verbrecher ruft immer wieder aufs Neue Entsetzen und Bestürzung hervor. Die Geschichte der Familie Moritz Bacharach reiht sich da ein.

Seligenstadt – Sie ist unfassbar und in ihrer ganzen Tragik und Grausamkeit geeignet, uns allen Mahnung und Warnung zu sein, was Menschen einander antun können, wenn blinder Hass, Gier, Boshaftigkeit und Empathielosigkeit die Oberhand gewinnen.

Moritz Bacharach, so schreibt Dietrich Fichtner in seinem Buch „ ...und wollten so gerne bleiben - Ein Rundgang zu den Häusern der Seligenstädter Juden“, entstammte der alteingesessenen Großfamilie des Metzgermeisters Hirsch Bacharach. Der junge Mann, Jahrgang 1888, arbeitete seit 1904 im Viehhandelsbetrieb seines Vaters Abraham und trat damit beruflich in die Fußstapfen seiner Vorfahren. Zudem war er später Leiter einer Grundstücksverwaltungsgesellschaft. Im April 1915 kam er an die Westfront und nahm dort u.a. an der monatelangen Schlacht bei Verdun teil, erhielt dafür das Ehrenkreuz für Frontkämpfer.

Moritz Bacharach heiratete 1922 Erna Strauß aus Michelstadt. Im März 1929 zog das Paar mit seinen Söhnen Albrecht und Walter nach Salzwedel, wo Bacharachs Bruder Hermann eine Bank besaß. Nach der Machtübernahme durch die NSDAP im Jahr 1933 nahmen die Einschüchterungen stark zu. Auch die Familie Bacharach litt unter den Schikanen. So wurde Moritz ins Gefängnis geworfen, weil er angeblich den Hitlergruß missbrauchte. Sein Bruder Hermann konnte ihn freikaufen, doch auch er entkam den neuen Machthabern nicht. Zum 31. August 1935 wurde seine Privatbank frühzeitig „arisiert“ und vom Bankhaus Zuckschwerdt und Beuchel (Magdeburg) übernommen. Hermann beantragte ein Jahr später beim Finanzamt Salzwedel eine Unbedenklichkeitsbescheinigung, um mit Ehefrau Bertha und den beiden Töchtern Ruth und Esther nach Palästina zu emigrieren. Parallel betrieb der NSDAP-Kreisbauernführer systematisch die berufliche Existenzvernichtung Moritz Bacharachs als Viehhändler.

Falsche Anschuldigungen und antisemitische Stereotypen waren an der Tagesordnung, diverse Straftatbestände wurden von der Justiz ausschließlich gegen die Juden neu erlassen. Ende Oktober 1936 zog Moritz die Konsequenzen aus der bedrohlichen Situation, siedelte mit seiner Familie ins 140 Kilometer entfernte Hamburg über, gab auch dort Viehhandel als Gewerbe an, schreibt das Institut für die Geschichte der deutschen Juden (Hamburg), das zahlreiche Biografien von Opfern erarbeitet hat, für die Stolpersteine gesetzt wurden. Trotz weiterer Repressalien war Bacharach nicht bereit, sich klaglos mit der Opferrolle abzufinden. Er ging juristisch gegen Diskriminierungen vor, etwa, als er eine hohe Geldbuße wegen angeblich zu spät eingereichter Formulare zahlen sollte.

Holocaust-Gedenktag: Mahnung gegen Rassenwahn und Hass

Konsequenz: Entzug der Zulassung zum Viehhandel im Februar 1937, wie in den Hamburger Stolperstein-Aufzeichnungen nachzulesen ist. Das war ein Berufsverbot, auch andere Branchen wurden so aus dem Wirtschaftsleben ausgeschlossen. Da Bacharach keine Zukunft in Deutschland mehr sah, reiste er im Herbst 1937 in die Niederlande. Als er nach zwei Monaten nicht zurückkam, wurde er als devisenrechtlicher Ausländer eingestuft, sein Eigentum gesperrt. Seine in Deutschland gebliebene Frau verkaufte schließlich Haus und Hof weit unter Wert, um die geforderten 14.000 Reichsmark an Reichsfluchtsteuer zahlen zu können.

Im Januar 1938 meldete die Seligenstädter NSDAP-Ortsgruppe „auf offiziellem Parteibriefbogen an den Oberfinanzpräsidenten in Hamburg ihr Interesse an einem Grundstück von Moritz Bacharach in Seligenstadt an – falls dessen unbewegliches Vermögen eingezogen wurde.“ Im Mai 1938 emigrierten auch Erna Bacharach und ihre Söhne nach Holland, wo Moritz seit fast sieben Monaten lebte. Doch der NS-Staat, so die Hamburger Stolperstein-Notizen, beschäftigte sich weiter mit der Familie. Das endete in der Beschlagnahme des Vermögens und der Aberkennung der Staatsbürgerschaft.

Im Mai 1940 okkupierten die Deutschen die neutralen Niederlande. Die Bacharachs wollten mit dem Schiff nach England fliehen, doch das scheiterte, weil deutsche Kampfflugzeuge den Hafen angriffen. Auch USA-Fluchtpläne ließen sich nicht verwirklichen. Ende Januar 1942 setzten Gestapo und Wehrmachtssoldaten die Bacharachs fest und schickten sie ins Lager Westerbork, und von dort im Januar 1944 nach Theresienstadt. Am 28. September 1944 wurden die Söhne Walter und Albrecht ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert, am 1. Oktober auch Moritz und Erna Bacharach. „Erna soll während der dreitägigen Fahrt im überfüllten Viehwaggon gestorben sein. Ein anderer Zeuge berichtete, sie sei nach der Ankunft in Auschwitz in der Gaskammer ermordet worden, später wurde sie auf den 4. Oktober 1944 für tot erklärt.“

Moritz, Albert und Walter wurden am 8. Oktober 1944 einem Zwangsarbeitertransport zugeteilt und in Viehwaggons verladen. Ziel war das Buchenwald-Außenlager Taucha bei Leipzig. Als Arbeitssklaven arbeiteten sie bis zur völligen Erschöpfung. Am 10. April 1945 räumten die Nazis das Lager vor den anrückenden Aliiierten, trieben „die Häftlinge ohne Essen und Trinken und auch ohne Pausen nach Südosten Richtung Sudeten.“ Auf diesem Todesmarsch brach Moritz Bacharach entkräftet zusammen, wurde von einem SS-Wachmann erschossen.

Die beiden Bacharach-Söhne überlebten die Lager schwer traumatisiert, Albrecht war auf 41 Kilo abgemagert. Er wanderte 1947 in die USA aus, gründete später eine Baumschule und starb 1984 bei einem Verkehrsunfall.  Bruder Walter ging 1946 nach Palästina, wo sein Onkel Hermann seit 1937 lebte. Walter studierte und lehrte nach seiner Promotion 1975 Geschichte an der Uni in Ramat Gan, war Direktor des Leo-Baeck-Instituts, arbeitete in der berühmten Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Er starb 2014 in Tel Aviv. (mho)

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