Traktorenfreunde und ihre „Historische Ernte“

Jetzt rin in die Kartoffeln...

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Nevis und Nero im Einsatz: Gehorsam zieht das Kaltblütergespann den Getreidemäher.

Seligenstadt - Wenn das Getreide reif am Halm steht und das Kartoffelkraut dürr ist, heißt es: Raus auf den Acker, um die Früchte des Feldes in die Scheune zu holen. Früher nahm der Bauer dafür Pferdegespann und Schlepper zu Hilfe. Von Sabine Müller

Auch heute wird manchmal noch so gearbeitet: Etwa bei der „Historischen Ernte“, zu der die Traktorenfreunde Seligenstadt auf das Feld des Eichwaldhofes eingeladen hatten.

Gegen sieben Uhr abends werfen die Erntehelfer auf dem Acker schon lange Schatten, doch die Augustsonne hat noch viel Kraft. Nevis und Nero schwitzen und werden von Bremsen geplagt. Aber das Kaltblütergespann - je eine Tonne schwer, Stockmaß 1,80 Meter - behält die Ruhe. Brav ziehen die Wallache der Fuhrhalterei Bauer aus Klein-Auheim den Mäher entlang des Getreidefeldes. Die langen Messer laufen über Bodenantrieb und schneiden die Gerstenhalme wie weiche Butter. „Eigentlich ist es ein Grasmäher“, sagt Volker Bauer, „wir holen damit noch das Futter für unsere sechs Pferde.“ Der Mäher sei etwa Baujahr 1936, schätzt der Pferdelenker, der die Traktorenfreunde schon viele Jahre bei ihren Veranstaltungen unterstützt. Ganz traditionsbewusst haben er und seine Tochter Carina sich heute in grobes Leinen gekleidet, die Haferlschuh komplettieren die fast zu schöne Arbeitskluft der Väter.

Anglühen der Traktorenfreunde 2011

Anglühen der Traktorenfreunde

Ein paar Meter weiter flackert ein Lagerfeuer. Traktorenfreundin Christine Hinzer hat den Teig für das Stockbrot angesetzt, das langsam gebacken werden sollte, damit es nicht plötzlich verkohlt ist. Am Rande der Glut garen in Alufolie eingewickelte Kartoffeln. Zu beidem passt vorzüglich der Quarkdip von Alina Burkard, verfeinert mit frisch gehacktem Dill, Petersilie und Schnittlauch. Alwin Köhler gehört zu den wenigen, die sich von der Hitze nicht schrecken lassen und beobachtet die Flammen. Er ist mit seinem über 60 Jahre alten Hanomag R22 von Froschhausen am Harressee vorbei zum Eichwaldhof getuckert.

Das freut den Vereinsvorsitzenden Peter Laube. „Viele sind mit dem Traktor oder dem Rad da“, lobt er die Besucher, die sich zahlreich auf dem Stoppelfeld tummeln. 2001 ist erstmals historisch geerntet worden. Auch unterm Jahr sind die Traktorenfreunde, die im vergangenen Jahr 20. Geburtstag feierten, ein geselliges Häufchen: „Wir treffen uns regelmäßig, besuchen Nachbarvereine und führen Dieselgespräche.“ Zu den 200 Mitgliedern - „dazu gehören aber auch Kleinkinder, die noch nicht an die Pedale kommen“ - gehört auch Eichwaldhof-Senior Gerhard Neubauer, der im Städtchen als „Kartoffelbauer“ bekannt ist.

Rin in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln: Große und kleine Erntehelfer stapfen über die braune Scholle und schleppen schwer an ihren großen grünen Plastiktüten. Selbst die Nachlese lohnt sich in den Furchen des Kartoffelackers, denn der Lanz Schleuderroder hat seine Last mit den Bodenbedingungen. „Früher waren die Kartoffeldämme 62,5 Zentimeter auseinander, heute sind es 80 Zentimeter“, erklärt Fahrer Manfred Sondergeld und wischt die Hände an seiner robusten Cord-Latzhose ab. Er kommt aus Mülheim, ist ehemaliger zweiter Vorsitzender bei den Traktorenfreunden und Spezialist für den alten Kartoffelernter aus den 50ern. Doch auch wenn sich noch viele „tolle Knollen“ im sandigen Boden verstecken: „So wird wenigstens die Erde locker.“

Wer nicht so viel Geschmack daran hat, oder das Bücken scheut, darf sich dennoch an einem kühlen Schluck Bier oder an einem Glas Äppler laben. Der Schoppen leuchtet golden in einem großen Glaskolben und wird - wie früher - „mit Schläuchelchen und Zwickel“ abgefüllt, wie Peter Laube sagt. Dazu gibt’s Hausmacher vom Eichwaldhof und „Flaaschworscht“ aus dem Original-Arnold-Wurstkessel von Hermann-Josef-Blanke. Er schürt das Holzfeuer darin mit dem nötigen Fingerspitzengefühl. Der Riesentopf steht auf einer Drei-Punkt-Aufhängung, die gezogen wird von einem betagten Holder A20. „Das heißt Allrad und 20 PS“, definiert der stolze Schlepper-Besitzer. Landmaschinen und Brauchtum stehen auch im Mittelpunkt beim nächsten großen Fest der Traktorenfreunde am 31. August/1. September rund um die Gerätehalle am Flutgrabenweg.

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