Vor 200 Jahren behindert das enge Rödertor die Entwicklung der Stadt

Tumulte, Drohungen, Gewalt

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Rödertor-Gemälde von Karl Heberer. Das Bild befindet im Privatbesitz.

Seligenstadt - Bis in die Neuzeit hatte Seligenstadt vier Stadttore. Errichtet wurden sie im Mittelalter zusammen mit der Stadtbefestigung. Wer die Stadt betrat oder verließ, musste sie passieren. Drei von ihnen wurden im 19. Jahrhundert abgerissen, sie hemmten nach damaliger offizieller Auffassung die Entwicklung Seligenstadts. Eines von ihnen war das Rödertor, dessen Beseitigung jedoch vielen Bürgern missfiel. Von Michael Hofmann 

Die Aufregung war riesengroß an jenem Maitag des Jahres 1818. Kein Wunder, wollte doch die Obrigkeit das Frankfurter Tor, auch Rödertor genannt, abreißen - gegen den Willen vieler Seligenstädter Bürger. Es gab Drohungen, Tumulte und schließlich auch noch Gewaltausbrüche. Aber aller Protest fruchtete nicht. „Übrig blieben 17,5 Klafter Mauersteine“, hat Heimatforscher Georg Giwitz herausgefunden, der sich intensiv mit der Geschichte jenes geschichtsträchtigen Tores befasste. Allein, die Zeitläufte erforderten den Abriss des Tores, denn die Straße zwischen Obernburg und Frankfurt wurde gebaut, und da erwies sich jenes Tor als eine Art Nadelöhr. Die schweren und hochbeladenen Güterwagen passten kaum mehr durch den Torbogen. Manchmal mussten sperrige Güter vor der Durchfahrt abgeladen und umständlich durch das Tor gebracht werden, um danach wieder auf die Wagen gestapelt zu werden. Früher hatten sich die Kaufleute auf ihrem Weg von Augsburg oder Nürnberg nach Frankfurt das Tormaß gezwungenermaßen als Richtlinie beim Beladen genommen, doch jetzt gab es Beschwerden. Also: Der Turm musste weg.

Das Rödertor, Frankfurter Tor oder auch die Rodgaupforte nahm den Anfang, die beiden Geschwister - das Maintor und das Obertor - wurden 1840 abgerissen. Lediglich das Steinheimer Tor kündet noch heute von den einst vier Befestigungstürmen als verbindende und stabilisierende Elemente der Stadtmauer.

„Die alte Glocke wurde damals in das Alte Rathaus geschafft und dort erst einmal aufbewahrt“, schreibt Georg Giwitz. Nach dem Abriss des Tors war man auf Sicherheit bedacht, die Abschließbarkeit der Stadttore war wichtig. Am Wachhaus wurde ein eisernes Gittertor angebracht, das bis 1870 abends geschlossen wurde. Um den Bürgern der Stadt das tägliche Glockengeläut nicht vorzuenthalten, schloss der Stadtvorstand mit dem Glöckner Raus einen Vertrag ab, dass er bei einer jährlichen Vergütung von 25 Gulden das Läuten der Kirchenglocken zu veranlassen habe. Das ging bis zum Jahre 1823, als der Bau des neuen Rathauses begann. Am 10. Juni, dem Geburtstag des hessischen Großherzogs Ludwig, war die Grundsteinlegung. Beim Rathausbau wurden Steine verwendet, die vom Abriss der ehemaligen Pfarrkirche St. Laurentius am Hans-Memling-Schulhof stammten.

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Giwitz fasst die weitere Entwicklung zusammen: Die letzten Arbeiten im Sommer 1824 waren die Aufstellung der Turmuhr durch den Uhrmacher Schwab. Die Glocke aus dem Röderturm brachte Caspar Sprey mit seinen Gesellen an. Am 1. September 1824 war das neue Rathaus soweit fertiggestellt, dass der Türmer einzog und die Glocke regelmäßig geläutet werden konnte. Der letzte Türmer wohnte mit seiner Familie im Rathausturn und hieß Peter Josef Zöller. Er läutete die Rathausglocke um 11 Uhr vormittags und abends um 20 Uhr, war auch für die Rathausuhr zuständig. Als 60-Jähriger zog Zöller im Jahr 1934 zu seinem Sohn Michael in die Kapellenstraße. Später stellte die Stadt zum Glockenläuten und zur Überwachung der Turmuhr Leute an, die einen Schlüssel für das Rathaus besaßen und zur angegebenen Zeit hinaufstiegen. Einer von ihnen war Adam Bauer. Bis in die 1960er Jahre übernahm dann das Ehepaar Reinhard das Läuten, dies noch im Alter von 70 Jahren.

Sonntags ging es gelegentlich in eine Gaststätte am Marktplatz. Dort gab’s vor dem Läuten der Glocke eine Portion Fleischwurst. Wenn die Zeit knapp bemessen war, erhielt ab und zu der Sohn des Gastwirtes den Schlüssel, und er musste in den Rathausturm hinaufsteigen, und am Glockenseil ziehen.

Dem Uhrmachermeister Albert Burghard wiederum ist das Glockenspiel im Rathausturm zu verdanken. Es war eine Eigenkonstruktion und hing ursprünglich über dem Eingang seines Uhrengeschäftes an der Aschaffenburger-Straße. Burghard musste Anfang der sechziger Jahre sein Geschäft aus gesundheitlichen Gründen schließen. Der damalige Bürgermeister Beike überzeugte ihn schließlich für einen symbolischen Preis, dass das Glockenspiel an seinem exponierten Platz im Rathausturm bestens zur Wirkung komme.

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