Umstrittene Westring-Erschließung

Herkulesaufgabe Umlegung

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Ein weites Feld: Eine Entwicklungsgesellschaft soll das mehr als 22 Hektar große Seligenstädter Baugebiet „Südwestlich des Westrings“ entwickeln.

Seligenstadt - Keine Infrastrukturmaßnahme der letzten Jahrzehnte wird das Erscheinungsbild Seligenstadts mehr verändern als die sukzessive Besiedelung des Westring-Areals. Von Michael Hofmann

Die Schaffung eines neuen Stadtviertels auf einer Fläche von gut 22 Hektar findet Unterstützung bei der Koalition aus SPD, FDP und FWS sowie Bürgermeister Dr. Daniell Bastian (FDP), aber erbitterten Widerstand bei CDU und Grünen.
Den Startschuss zur Erschließung des Baugebietes „Südwestlich des Westrings“ hat die Seligenstädter Stadtverordnetenversammlung Ende September 2016 mehrheitlich gegeben und einen Beschluss zur Aufbereitung des Areals durch eine Entwicklungsgesellschaft gefasst. Da sich die Stadt selbst nicht im Stande sieht, eine Aufgabe solcher Dimension zu bewältigen, sollen externe Experten eine eventuelle Bodenbevorratung, die fachliche Vorbereitung der Bebauungsplanaufstellung, die Baulandumlegung, die Erschließung und die Vermarktung der Grundstücke im Baugebiet übernehmen. Das Ganze natürlich nicht in einem Zuge, sondern abschnittsweise. „Die finanziellen Auswirkungen dieses Projekts sollen nach Möglichkeit außerhalb des städtischen Haushalts gesichert und abgewickelt werden“, so die Stadt in ihren Ausschreibungsunterlagen. In enger Zusammenarbeit mit der Stadt soll zur Deckung des derzeit gewaltig steigenden Wohnraumbedarfs „ein modernes zukunftsorientiertes Wohngebiet“ entstehen. Eine echte Herausforderung für die Projektentwickler dürfte dabei schon die Umlegung des gewaltigen Areals werden, geht es doch um 109 Grundstücke und sage und schreibe 229 Eigentümer.

Die Entscheidung der Seligenstädter Parlamentsmehrheit ist weder formal noch inhaltlich zu beanstanden, denn einerseits weist der Regionalplan Südhessen / Regionaler Flächennutzungsplan 2010 das umstrittene Gebiet als Wohnbaufläche aus, zum anderen sorgt die Wohnungsknappheit im gesamten Rhein/Main-Gebiet inzwischen für astronomische Preise – es besteht also durchaus auch aus kommunaler Sicht Handlungsbedarf. „Die Situation auf unserem Wohnungsmarkt ist so angespannt, dass sogar Hunderte von Seligenstädter Wohnungen suchen und schon abwandern, weil sie im Stadtgebiet nichts finden. Durch Nachverdichtung allein lässt sich die enorme Nachfrage nicht befriedigen. Etliche Gebiete sind schon dicht bebaut“, gab die SPD zu bedenken.

Ein Aufstellungsbeschluss für die verbindliche Bauleitplanung besteht nicht, auch eine Veränderungssperre wurde nicht erlassen. Das Entwicklungsgebiet liegt nicht in einem ausgewiesenem FFH-, Natur- oder Landschaftsschutzgebiet. Ökologisch wertvolle und erhaltenswerten Vernetzungselemente und Biotopflächen sind allerdings vorzufinden: Einen erheblichen Teil des Geltungsbereichs nehmen die Streuobstwiesen des örtlichen Obstbauvereins Seligenstadt sowie eine Gärtnerei ein.

Die CDU, die einst dem Regionalplanziel Wohnbau zugestimmt hatte, sagt heute: Stimmt, aber natürlich nicht in diesen Dimensionen. Bei einem CDU-Bürgergespräch kam das Misstrauen einer Entwicklungsgesellschaft („maximaler Profit“) gegenüber ebenso zur Sprache wie die Umweltbelange, die viele Bürger gefährdet sehen. Hauptthema waren freilich die dann nötigen Infrastrukturmaßnahmen (Kindergarten, Schule, Verkehr, Kanalisation, usw.) bei bis zu möglichen 3 000 neuen Einwohnern, denen angeblich keine Einnahmen gegenüber stünden. Denn „diese würde die Gesellschaft schlucken. Die Ausgaben hätten dann alle Bürger zu tragen.“

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Ein Vertreter des Obstbauvereins Seligenstadt betonte, der Charme der Stadt könne verloren gehen, auch machte er auf die Bedeutung von Grünflächen für die Luftregeneration aufmerksam.

Viele kritische Worte finden auch die Grünen. Ihrer Ansicht nach kommt die Diskussion mit der Bevölkerung zu kurz, Fraktionsvorsitzende Natascha Maldener-Kowolik sprach gar von einer drohenden „Erschließung im Blindflug“, den örtlichen Landwirten drohe die Vernichtung ihrer Existenz.

Dagegen spricht die Koalition davon, dass die Erschließung „behutsam und in mehreren Phasen geschehen“ soll, auch gelte es abzuwägen, ob es sinnvoll ist, das gesamte Gelände am Ende vollständig zu bebauen. Klar sei: Die Stadt und ihre Gremien müssen Herr des Verfahrens bleiben. Seligenstadt habe allerdings weder die Kapazitäten noch die Finanzen, das Gebiet alleine zu entwickeln. „Daher scheuen wir uns nicht, Hilfe von außen anzunehmen und Entwicklungspartner einzuschalten.“ Immerhin habe Seligenstadt schon kurzfristig einen zusätzlichen Bedarf von mehr als 1000 bezahlbaren Wohnungen.

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In einer gut durchmischten lebendigen Stadt dürften die Wohnungen nicht einseitig verteilt sein. Es sollten weder Sozialwohnungsblöcke wie im Niederfeld noch Villenviertel entstehen. Die SPD fordert deshalb 30 Prozent bezahlbaren Wohnraum, verteilt über das ganze Baugebiet. Dazu seien alle Förderungsmöglichkeiten auszuschöpfen, auch die des sozialen Wohnungsbaus. Da der Regionalverband eine Bebauungsdichte von 35 bis 50 Wohneinheiten pro Hektar vorgibt, dürften im Westring mehr als 700 Wohnungen entstehen, falls das Gebiet vollständig bebaut wird. Vornehmlich als Stadt-/Reihenhäuser und im Geschosswohnungsbau. „Diese verbrauchen weniger Fläche, verursachen geringere Kosten pro Quadratmeter und machen bezahlbares Wohnen leichter. Aber es sollen auch Einfamilienhäuser entstehen.“

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