Schleichwege und Schlupflöcher

Verkehrsberuhigung mit vielen Hürden – Bewohner „dürfen nicht eingeschlossen werden“

Ändern sich bei einer Verkehrsberuhigung die Betriebszeiten der Fähre? Auch diese Frage müssen die Stadtverordneten vorab klären.
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Ändern sich bei einer Verkehrsberuhigung die Betriebszeiten der Fähre? Auch diese Frage müssen die Stadtverordneten vorab klären.

In Seligenstadt (Kreis Offenbach) wird seit langem über die Beruhigung des Altstadtverkehrs diskutiert. Auch die aktuelle Diskussion birgt mehr Hürden als Ergebnisse.

Seligenstadt – Die Verkehrsberuhigung der Seligenstädter Altstadt haben sich ganze Stadtverordneten-Generationen auf die Fahnen geschrieben. Stets ein hehres Ziel, aber nicht so einfach zu bewerkstelligen, wie sich schon im vergleichsweise kleinen Sektor Freihof/Fähranleger zeigt. Denn zur Umsetzung müssen doch etliche Probleme aus dem Weg geräumt werden.

Geradezu exemplarisch ist die Diskussion in der jüngsten Parlamentssitzung, als SPD- und Grünen-Anträge zum Themenkomplex vorlagen. Demnach soll der Magistrat „die Fährzeiten für Kfz in den Sommermonaten von Samstag, 14 Uhr, bis Sonntag, 18 Uhr, als ersten Schritt zur Verkehrsberuhigung der Altstadt, einschränken. Altstadtbewohner werden von dieser Regelung ausgenommen“, schlug die SPD vor.

Diskussion um Verkehrsberuhigung in Seligenstadt (Offenbach) muss viele Hürden nehmen

In Ergänzung sollen versenkbare Poller die Durchfahrt der Aschaffenburger Straße in die Altstadt in diesem Zeitraum einschränken. Bis das möglich ist, sollen „andere Maßnahmen - beispielsweise Beschilderung - ergriffen werden, um den Verkehr zu reduzieren“. Die SPD habe Kontakt mit dem Gewerbeverein aufgenommen, und der habe mit Sperrung und Schließzeiten keine Probleme, ergänzte SPD-Co-Vorsitzende Nicole Fuchs. Lediglich die Verlegung von Samstag, 14 Uhr, auf 16 Uhr sei angeregt worden.

Grünen-Politikerin Adina Biemüller griff ein bereits diskutiertes Problem auf: Die Rolle der Fähre bei einer Beruhigungsmaßnahme. Ist eine grundlegende Entscheidung tatsächlich in erster Linie der Stadtwerke-Betriebskommission vorbehalten, der die Fähre als Betriebszweig angegliedert ist? Keineswegs, protestierte die Grünen-Politikerin, das sei Sache der Stadtverordnetenversammlung, denn die müsse alljährlich in der Etat-Diskussion über die Fährdefizite befinden. Die Grünen, so Biemüller, seien bereit, die aus einer Fähreinschränkung resultierenden Defizite mitzutragen. Und diesen ersten Schritt wolle ihre Fraktion nicht erst im nächsten Sommer gehen. Schließlich sei bereits im vergangenen Sommer einstimmig eine vierwöchige Testphase beschlossen worden.

Seligenstädter Freihofplatz: Je mehr Autos, desto unübersichtlicher und problematischer die Situation für Fußgänger und Radfahrer.

Zwischenlösung nicht sinnvoll: Versenkbare Poller sollen Verkehr in Seligenstadt reduzieren

Die Stadtverordnetenversammlung lehnte die Anträge von SPD und Grünen mehrheitlich ab. Trotz versenkbarer Poller, so FDP-Fraktionsvorsitzende Susanne Schäfer, existierten reichlich Schlupfstraßen, um das Hindernis zu umgehen. Darum müsse man sich kümmern. Auch sei sie sicher, dass schlichte Hinweisschilder oft ignoriert werden - also sei Kontrollpersonal erforderlich. Schäfer räumte ein, dass der Vorjahresbeschluss „Testphase“ im Raum stehe. Sie stelle sich zudem die Frage, ob die Fähre am Wochenende in Seligenstadt nur für die Anwohner verkehren soll.

Nach Ansicht von Bürgermeister Daniell Bastian (FDP) liegen die diversen Lösungsansätze nicht weit auseinander. Im Zentrum, so der Rathauschef in seiner Antwort auf eine Grünen-Anfrage, stünden in der Tat versenkbare Poller auf der Zufahrt ab der Aschaffenburger Straße und Freihofstraße. Eine Zwischenlösung mit Schildern oder Baken hält der Bürgermeister für nicht sinnvoll.

Verkehrsberuhigung in Seligenstadt (Offenbach): Studenten sollen Altstadt untersuchen

Die Poller-Lösung sei natürlich bekannt, könne aber noch nicht umgesetzt werden, so Bastian weiter, „solange die Zufahrt zur Mainfähre für Fahrzeuge frei bleiben soll“. Damit habe sich die Verkehrskommission, der auch der Gewerbeverein und der Altstadtverein angehörten, bereits 2019 beschäftigt. Es sei jedoch zu berücksichtigen, dass „verschiedene Schlupflöcher und Schleichwege“ bestünden, die ortskundige Kraftfahrer nutzen können. Ein hermetisches Abriegeln des gesamten Quartiers sei auch nicht möglich, „da die Altstadtbewohner nicht eingeschlossen werden dürfen“.

Zudem stelle sich die Frage, wie Rettungsdienste eine abgeriegelte Altstadt erreichen sollen. „Daher können auf Dauer nur automatische Systeme zum Einsatz kommen, die es den Bewohnern bequem ermöglichen, ein- und auszufahren, die Zufahrt für Rettungsmittel ermöglichen und trotzdem den Besucherverkehr zuverlässig zurückhalten.“ Voraussetzung für weitere verkehrsberuhigende Maßnahmen sei die Entscheidung der Stadtwerke-Betriebskommission, den Fährbetrieb für Kfz am Samstag ganz oder teilweise einzustellen, meint Bastian.

Sofern sich die automatischen Poller auf der Frankfurter Straße technisch bewähren, sei angedacht, ab 2022 weitere versenkbare Pfosten zu installieren, bestätigt Erster Stadtrat Michael Gerheim (SPD). Einen entsprechenden Förderantrag hat Bastian in die Wege geleitet. Im Übrigen, so der Bürgermeister, könne aus den vergangenen Monaten, in denen der Besucher-Verkehr in der Altstadt wegen der Einschränkungen durch Corona stark reduziert gewesen sei, keinerlei Rückschluss gezogen werden. Die bereits beschlossene Testphase habe sich deshalb bislang erübrigt. Vom Grundsatz her sei dies alles ohnehin ein Job für einen Verkehrsplaner, sagt der Bürgermeister. Der richtige Kontakt scheint inzwischen geknüpft: Der Verkehrsexperte Professor Dr. Jürgen Follmann, inzwischen Dekan des Fachbereichs Bauingenieurwesen der Hochschule Darmstadt, und seine Studenten sollen Verkehrswege und -ströme in der Altstadt untersuchen. (Michael Hofmann)

An anderer Stelle werden am selben Ort Erfolge erzielt, was den Verkehr betrifft: Der Elektrokleinbus „Hopper“ in Seligenstadt soll ausgeweitet werden.

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