„Verlogener, bigotter Unfug“

Pfarrer Holger Allmenröder.

Seligenstadt ‐ Pfarrer Holger Allmenröder ist ein Mann klarer Worte. Seinen Gottesglauben werde ihm niemand nehmen können, ebenso seine Verbundenheit mit der Kirche als Gottesvolk nicht – Argumente der Amtskirche in der aktuellen Diskussion um Missbrauch und körperliche Gewalt kann er jedoch nicht nachvollziehen. Von Thomas Hanel

Und weil er ein Mann klarer Worte ist, machte er dies in einer Sonntagspredigt in seiner Pfarrei St. Marien auch deutlich. Er wurde verstanden. Nach der Predigt standen alle Anwesenden auf und applaudierten langanhaltend. Seine Worte und sein Eindruck der seit Wochen anhaltenden Diskussion trafen Herz und Verstand der Menschen. „Applaus nach einer Predigt habe ich so auch noch nicht erlebt“, so Holger Allmenröder im Gespräch mit unserer Zeitung. Aber es zeige, wie sehr den Menschen die Aufarbeitung des Themas Missbrauch und Gewalt innerhalb der Kirche beschäftigt. „Ich bin kein besonders revolutionärer Typ, aber was Unrecht ist muss auch Unrecht genannt werden, und zwar ohne eine Verbrämung in liturgische oder theologische Sprache, die nur Distanz schafft und die Kirche zur Karikatur werden lässt.“ Jetzt sei es erst einmal an der Zeit, die Opfer zu schützen und ihnen zu helfen statt die verlorene Würde der Institution Kirche zu bejammern. Die Opfer müssten im Mittelpunkt stehen und nicht deren völlig berechtigte selbst gefundene Entscheidung, zu welchem Zeitpunkt sie darüber sprechen.

Allmenröder spannt den Bogen weiter: „Im kirchlichen Sittengemälde fällt mir immer wieder auf, wie schnell der moralische Zeigefinger gehoben wird bei unverheirateten Paaren, bei wiederverheiratet Geschiedenen, bei gleichgeschlechtlichen Beziehungen, bei Abtreibung.“

Kultur des Vertuschens durchbrechen

Jetzt erlebe die Kirche als einstige Autorität, dass auf sie selbst mit Häme und Wut eingeprügelt wird. „Und Bischöfe erklären, dies sind beschämende Verbrechen von Einzelnen, das System Kirche ist selbstverständlich nicht schuld. Nein, die sexuelle Revolution von 1968 sei es gewesen“, zitiert Allmenröder Argumente, die in der aktuellen Diskussion laut geworden sind. Diese Einlassungen seien verlogener, bigotter Unfug. Es sei gut, dass Kirche und Gesellschaft all das um die Ohren geflogen ist. Bischöflich gescholtene 68er und Presse hätten vielmehr ihren guten Anteil daran, Missbrauch beim Namen zu nennen und die Menschen missachtende Kultur des Vertuschens zu durchbrechen.

Der seit 2004 in Seligenstadt wirkende Pfarrer fordert seine Kirche auf, nicht nur „kleinlaut“ zu sein, sondern demütig. Genau das, was sie die Menschen gerne lehrt sollte sie selber lernen. Dazu gehöre es auch, auf die eigenen Strukturen zu schauen und sie nicht von vornherein für nicht hinterfragbar zu erklären. „Die Kirche als Machtsystem spürt jetzt, wie es ist, sich Vorwürfen ausgesetzt und ausgeliefert zu sehen.“ Aber: „Es ist an der Zeit, die Opfer zu schützen und ihnen zu helfen, verlorene Würde zurück zu erlangen und nicht die Würde der Institution Kirche schnellstmöglich wieder herzustellen.“

Eine Problematik sieht der Geistliche auch in den Strukturen: Die Amtskirche hat eine zentralistischer Struktur und eindeutige Hierarchie – für eine allerdings heterogene und bunte Gemeinde der Gläubigen mit vielfältigen Lebenseinstellungen und Lebensformen manchmal schwer nachvollziehbar.

Vorschnelle Pauschalierungen und Verurteilungen lehnt Allmenröder jedoch ab. „Da werden Gewalt gegen Kinder, Missbrauch, Pädophilie, Homosexualität, Zölibat wild durcheinander geschmissen. Das hilft niemandem“, kritisiert er schlagzeilenträchtige Medienberichte. Diese Verbrechen bestimmen nicht den Alltag in der Kirche, sondern sind Abbilder der Gesellschaften. „Menschen, die Macht über andere Menschen haben, nutzen dies manchmal aus. Ob in der Schule, im Sportverein, in anderen Verbänden und sogar in der Familie.“ Das dürfe nicht der Relativierung dienen, denn bei der Kirche wiege dies aufgrund des hohen Anspruchs schwerer.

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