SENIORENARBEIT Großes Engagement, markante Schwachstellen

Versorgung akut gefährdet

Die Pflege- und Versorgungs-Erfordernisse einer immer älter werdenden Gesellschaft belasten vor allem kleinere Kommunen in zunehmendem Maß. 
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Die Pflege- und Versorgungs-Erfordernisse einer immer älter werdenden Gesellschaft belasten vor allem kleinere Kommunen in zunehmendem Maß. symbolfoto: DPA

Seligenstadt – Nur auf den ersten Blick deckt die Stadt Seligenstadt mit ihrer Daseinsvorsorge die Bedürfnisse älterer Bürger lückenlos ab. Zahlreiche Angebote – von Gesprächskreisen über Beratung, Seniorenbeirat und Demenzlotsen bis hin zu Zeitschrift, Ehrenpreis oder Freizeitinitiativen (Theaterfahrt, Tages- und Schiffsausflug) täuschen aber nicht darüber hinweg, dass die kommunale Seniorenarbeit reformbedürftig ist, seit Jahren.

Insofern ist der Seniorenbericht des Amts für Kinder, Senioren, Sport und Kultur 2018/2019 eine Fortschreibung früherer Mängellisten: Kein Angebot für Betreutes Wohnen, keine Tagespflege und viel zu wenig Sozialwohnungen trüben eine ansonsten von vielen ehrenamtlichen Initiativen vorbildlich geprägte Bilanz. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie sind naturgemäß nicht berücksichtigt, „werden aber im Bericht des Zeitraums 2020/2021 eine erhebliche Rolle spielen“. Die Stadtverordneten nahmen dies bei ihrer jüngsten Sitzung ohne Diskussion zur Kenntnis.

Vorab, so das Amt, lasse sich sagen, dass Pflegebedürftige und ihre Angehörigen wegen weggefallener stationärer und ambulanter Angebote nicht mehr ausreichend versorgt und entlastet werden könnten. Die Belastung im privaten Umfeld sei also hoch. Fehlende Freizeitangebote und Kontaktbeschränkungen führten zu weiterer Vereinsamung.

Der Bericht macht deutlich, dass bereits mehr als jeder vierte Selignstädter (29 Prozent) älter als 60 ist, Tendenz steigend. Zwischen Dezember 2015 und Dezember 2019 erhöhte sich der Prozentsatz der Bürger über 60 um 1,6. Klingt wenig, bedeutet aber eine Zunahme um fast 500 Menschen. Umso wichtiger werde es, bestehende Angebote weiter vorzuhalten oder auszubauen, empfiehlt das Fachamt, das von Seniorenberaterin Anke van den Bergh beraten wurde.

Wie schon im Bericht 2014/2015 aufgezeigt, fehlen in Seligenstadt Plätze für Kurzzeitpflege. Für die Tagespflege sei eine hohe Nachfrage, besonders bei Demenzkranken, zu verzeichnen. Da diese in Seligenstadt nicht im Angebot ist, muss auf das Angebot des Seniorenheims Aureliushof in Mainhausen zurückgegriffen werden, das allerdings ausläuft, was die Situation drastisch verschärfen dürfte. Auch auf die Caritas-Tagespflegestätte in Karlstein kann seit 1991 ausgewichen werden. Die nimmt jedoch keine Menschen mit demenziell bedingten Verhaltensauffälligkeiten mehr auf. Auch das Angebot an vollstationären Pflegeplätzen, besonders für Demente, reicht nicht: „Es muss auf Heime in der Umgebung ausgewichen werden.“

Immer mehr Ältere interessieren sich für alternatives Wohnen. Zwar wollen nach einer aktuellen Studie nach wie vor 79 Prozent im Alter zuhause leben, doch immer mehr können sich vorstellen, in einer Senioren-WG oder einem Mehrgenerationenhaus zu wohnen. Eine altersgerechte Wohnung mit Betreuungsservice wünschen sich 57 Prozent. An der Aschaffenburger Straße entstand ein solches Mehrgenerationenprojekt, das der Verein Wohnikum vor zehn Jahren gegen viele Widerstände in die Wege geleitet und Ende 2015 an die Firma HZ Bau übergeben hatte. In bislang zwei Komplexen gibt es 31 Wohnungen sowie einen Gemeinschaftsraum.

Die Nachfrage nach Sozialwohnungen und Altenwohnungen – in Seligenstadt gibt es vier Anlagen mit insgesamt 51 Wohnungen – ist nach wie vor größer als das Angebot. 2019 wurden neun von 22 Sozialwohnungen und zwei „normale“ Wohnungen an Mieter über 60 Jahre vermittelt. Dem standen 226 Wohnungssuchende gegenüber. Auch auf dem freien Markt ist die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum weitaus höher als das Angebot.

Betreutes Wohnen bietet sich für ältere Menschen an, die keinen ausgeprägten Hilfe-, Betreuungs- und/oder Pflegebedarf haben, jedoch gern eine Reihe von Grundleistungen hätten. „Die Nachfrage von Seligenstädter Bürgern ist groß, ein entsprechendes Angebot jedoch noch nicht vorhanden“, bilanziert das Fachamt.

Von Michael Hofmann

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