Viertälteste in Hessen

Musikschule feiert 50-Jahre-Jubiläum nicht ohne Sorge

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Früh übt sich: Die sogenannten Wichtelkurse bieten bereits Kindern ab 18 Monaten den Einstieg in die Musikschul-Ausbildung. Und ihre Eltern lernen dabei ein großes Repertoire an Kinderliedern kennen. 

Ostkreis – „Außer Harfe und Orgel so ziemlich alles. “ So umreißt Leiter Ingo Negwer das Angebot der Musikschule Seligenstadt-Hainburg-Mainhausen. Stellvertreter Stefan Weilmünster präzisiert: „Schlagwerk und Tasteninstrumente, Streicher sowie Holz- und Blechbläser. “. 

Und das seit 50 Jahren. „Damit sind wir Hessens viertälteste Musikschule und eine der ältesten in Deutschland“, erzählt Negwer stolz. Akademisch gefeiert wird am Samstag, 14. September, 18 Uhr, im Jakobsaal zu Seligenstadt.

Erst 18 Monate zählen die jüngsten Schüler, 80 die ältesten, über das Jahr sind es um die 1000. Den Einstieg erleichtern sogenannte Wichtelkurse, ab drei Jahren folgt Musikalische Früherziehung. An den Grundschulen bieten Lehrkräfte Grundausbildung und Instrumentalunterricht.

Begonnen hat alles am 25. Juni 1969 mit der Gründung eines eingetragenen Vereins mit Namen Jugendmusikschule Seligenstadt. Als Vorsitzender wurde Heinrich Kronenberger gewählt, als Stellvertreter Werner Römer. Das erste Büro war im Einhardhaus, Unterricht in den umliegenden Bürgerhäusern und Gemeindesälen.

Nachfrage gestiegen 

„Die Nachfrage nach qualifiziertem Musikunterricht ist von Beginn an stetig gestiegen“, sagt Negwer. Rasch war klar, dass es als Lehrkräfte Profimusiker mit Hochschulausbildung brauchte. Folge war, dass die Beträge stiegen, die Forderung nach kommunalen Zuschüssen aufkam. Schon nach zweieinhalb Jahren zählte die Musikschule 361 Schüler aus Seligenstadt, Klein-Welzheim, Froschhausen, Klein-Krotzenburg, Hainstadt, Mainflingen, Zellhausen, Großwelzheim und Kahl, unterrichtet von 20 Lehrern. Das Budget hatte sich von 46 000 auf 90 000 Mark knapp verdoppelt.

1975 gab es unter dem ehrenamtlich tätigen Schulleiter Erich Weih schon 620 Eleven, von 30 Lehrern fünf Tage die Woche im neu bezogenen Domizil am Freihofplatz unterwiesen. Mit den Schülerzahlen wuchs das Angebot an Instrumentalfächern und Früherziehung, erste Schüler heimsten Preise ein, die Stadt leistete Zuschüsse.

Musikschulleiter Ingo Negwer 

Als Weih in den 80ern in den Vorsitz des Trägervereins wechselte und die Leitung dem bekannten Offenbacher Kirchenmusiker Karl Rathgeber übergab, kam es zu internen Querelen, die erst endeten, als Weih wieder die Leitung übernahm. Ende der 80er stieg der Gitarrist Friedbert Bott zum hauptamtlichen Leiter auf. 1992 wurde der Name offiziell in Musikschule Seligenstadt-Hainburg-Mainhausen geändert, da die Nachbarkommunen auch Zuschüsse gaben und mehr Erwachsene angesprochen werden sollten.

Nach fast 30 Jahren trat Weih ins zweite Glied und überließ Wilhelm Rachor den Vorsitz. 1999 wurde Negwer kommissarisch, 2001 offiziell zum Leiter der Einrichtung berufen, mit Weilmünster als Stellvertreter und Rachor als Vorsitzendem. Ebenfalls 1999 wurde das Gebäude aufwendig saniert.

Was sich in jüngster Zeit geändert hat? „Wir gehen zunehmend weg von der klassischen Instrumentalausbildung hin zu Rock, Pop und Jazz“, nennt Negwer ein Beispiel. Die zeitweilige Umstellung der Gymnasien auf G8 erforderte neue Zeitfenster. „Auch neue Medien und die Konkurrenz anderer Vereine erschweren die Planung.“

Ungewisse Zukunft 

Und wie sieht die Zukunft aus? Da ist die Leitung recht pessimistisch. Das Problem: „In Bayern, Baden-Württemberg, auch in den meisten europäischen Nachbarländern arbeiten Musikschulen mit Festangestellten“, führt Weilmünster aus. „Wir dagegen können einem Berufsanfänger mit abgeschlossenem Hochschulstudium 15 bis 20 Euro je Stunde anbieten.“ Da seien junge, gute, engagierte Lehrkräfte schnell fort, etwa ins nahe Aschaffenburg.

Sein Stellvertreter Stefan Weilmünster 

Neben einem Gitarrenlehrer und einer Bürokraft mit Zweidrittelstelle sind Negwer und Weilmünster die einzigen Angestellten. Dafür hat der Chef Musikwissenschaft und Geschichte studiert, Laute und Gitarre mit Schwerpunkt Alte Musik draufgesattelt und promoviert. Der Vize ist akademisch ausgebildet für Klarinette, Saxofon und Dirigat. Was ein ähnlich hoch qualifizierter Freier verdienen kann, hat Negwer mal ausgerechnet: „In Vollzeit – 30 Stunden – bleibt er unter 20 000 Euro brutto im Jahr.“

Mehr Anerkennung für ihren Berufsstand, das ist ein Jubiläumswunsch der Verantwortlichen. Einige Festangestellte mehr, das wäre schön. Und wenn an Kommunalisierung schon nicht zu denken ist: „Wir möchten als Institution fest in den Gemeinden verwurzelt sein.“

Jubiläumsprogramm

Akademische Feier: Samstag, 14. September, 18 Uhr, Jakobsaal, Seligenstadt. Kinderchorsingen: Samstag, 7. September, 17 Uhr, Rathausinnenhof, Seligenstadt. Konzert Kreisjugendorchester: Sonntag, 13. Oktober, 17 Uhr, Kreuzburghalle, Hainburg.

VON MARKUS TERHARN

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