Wenn Jugendhilfe einspringen muss

Seligenstadt ‐ Arm ist nicht nur der, der wenig hat. Bei Erwachsenen etwas weniger als 60 Prozent des mittleren Netto-Einkommens eines Landes, wie die EU das definiert. Armut hat viele erschütternde Gesichter, vor allem Kinderarmut. Von Michael Hofmann

Dabei geht es beileibe nicht nur um Geld, auch Aspekte wie Fürsorge und vor allem der Lebensstandard spielen eine große Rolle: Denn viele dieser Kinder aus „Problemfamilien“ werden schon früh aus den Lebensbereichen Bildung, Kultur und Sport ausgegrenzt. Mangel an Teilhabe, weil sie arm sind, auch wenn man es vielen nicht ansieht. Kein Wunder, billigt der so genannte Hartz IV-Regelsatz ihnen doch bislang lediglich 208 Euro im Monat zu.

Die Suche nach „Quantität und Qualität von Kinderarmut in Seligenstadt“, mit der die Stadtverordnetenversammlung Anfang 2008 den Magistrat beauftragte, ergibt auf den ersten Blick keine spektakulären Ergebnisse. Gleichwohl lässt eine Quote von sieben Prozent junger Menschen unter 25 Jahre, deren „drohende Armutslage“ über das Arbeitslosengeld II oder Sozialgeld abgefedert werden muss, doch aufhorchen, wie der nun vorliegender Bericht zeigt. Da die Einhardstadt mit Ausnahme des Wohngelds keine finanziellen Sozialleistungen gewährt, verfügt sie auch über kein detailliertes Datenmaterial. Die Zahlenbasis auf der Grundlage des Jahrs 2008 lieferte der Kreis Offenbach als der zuständige Sozialleistungsträger. Demnach waren damals also 369 Seligenstädter unter 25 auf Unterstützung nach dem Sozialgesetzbuch II angewiesen.

In der Gruppe der Kinder bis drei Jahre lag die Quote gar bei elf Prozent. Das ist bei weitem nicht so alarmierend wie in Dietzenbach oder Neu-Isenburg, die mit Quoten von 28 und 20 Prozent beim Sozialleistungsbezug an der Spitze des Kreises stehen, aber paradiesische Zustände herrschen in der Einhardstadt damit keineswegs. Die Kommunalpolitiker müssen sich bei der Erörterung des aktuellen Magistratsberichts allerdings mit Zahlenmaterial begnügen, bei dem das dazu gehörige menschliche Schicksal oft nicht deutlich genug wird.

„Im Ostkreis Offenbach sinkt das Hilferisiko“

Auch in Seligenstadt benötigten und benötigen Eltern beispielsweise Unterstützung bei der Finanzierung der Betreuungseinrichtungen. Dabei springt der Kreis als Träger der öffentlichen Jugendhilfe ein, übernimmt die Kosten. Ende 2010 übernahm die Jugendhilfe in der städtischen Kinderkrippe an der Rodgaustraße die Beiträge für drei der 24 Kinder, im Bereich der Kita Käthe Münch sind es fünf Kinder oder 5,6 Prozent. Bei der städtischen Betreuung der Konrad-Adenauer-Schule kommen acht Kinder hinzu, bei der Emmaschule fünf. Die durchschnittliche Übernahmequote der Beiträge liegt damit bei fast sieben Prozent, bei 21 von 315 Kindern.

„Kinder unter drei Jahre tragen gegenüber den Drei- bis unter 15-Jährigen ein mehr als dreifaches Hilferisiko“, stellt der Kreis Offenbach in seinem Sozialstrukturatlas 2008 fest. „Die Armut wächst, die Geburtenrate sinkt“, kommentiert der „Verein für soziales Leben“ (Lüdinghausen) die Lage - eine nur schwer zu widerlegende These.

Die gute Nachricht: „Im Ostkreis Offenbach sinkt das Hilferisiko mit zunehmendem Alter der Kinder am deutlichsten“, konstatiert der Kreis in seinem Sozialatlas. In Seligenstadt hat das Gründe: Der weitere Ausbau des längst vorbildlichen Betreuungsangebotes an Kindergärten und Schulen, die diversen Projekte und Initiativen im Zuge des Förderprogramms „Soziale Stadt“, die große Zahl der Vereine, die sich intensiv um Kinder und ihre Intergration in der Gemeinschaft kümmern, oder Initiativen wie das mehrfach ausgezeichnete Projekt „Kompass“ des Caritasverbands, das sich mit den Bausteinen „Abenteuer Konflikt“ und „Lernfeld Konflikt“ wirksam für Gewaltprävention einsetzt.

Neben der Caritas leisten auch das Ausbildungsforum, die Koordinationsstelle LOS („Lokales Kapital für Soziale Zwecke“), Kinder- und Jugendbüro, Mütterzentrum und die Kirchengemeinden wertvolle Arbeit.

Rubriklistenbild: © dpa

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