Geschichte Seligenstadts

Was Wilhelmine alles weiß

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Sie haben die neuen Themen der Stadtführung vorgestellt: Franz-Georg Burkard (links) und Henrik Beyke von der Fischerzunft, Claudia Mehler-Bungert (Tourist-Info), Bürgermeisterin Dagmar B. Nonn-Adams und Stadtführerin Lucie Post alias „Wilhelmine“ (von links).

Seligenstadt - In einer Stadt, deren Historie bei Einhard, dem Biografen Karls des Großen beginnt, gehen die Geschichten über die Vergangenheit so schnell nicht aus. Und so finden sich auch für die Stadtführungen immer wieder spannende Themen. Zwei neue kommen jetzt hinzu. Von Katrin Stassig 

Eigentlich gibt es sie heute in Deutschland gar nicht mehr: Mit dem Wiener Kongress 1814/15 sind die Zünfte, in denen sich Handwerker gleichen Gewerbes genossenschaftlich organisierten, zwangsaufgelöst worden. Eine Ausnahme bildet die Fischerzunft. Von den im 18. Jahrhundert in Seligenstadt bestehenden zwölf Handwerkerzünften ist es allein den Fischern gelungen, ihre Gemeinschaft vor der Auflösung zu bewahren und ihr Zunftwesen bis heute zu leben.

Die kulinarische Führung „Fischers Fritze fischt frische Fische“ informiert über diese mehr als 500 Jahre alte Tradition. Die Teilnehmer erfahren, was es mit dem Fischertürchen in der Basilika auf sich hat, welche Bedeutung die Zunftlade hatte oder welche Gasthäuser früher Zunftstuben waren.

Die Seligenstädter Fischerzunft hat heute 60 Mitglieder mit den Familiennamen Acker, Beike oder Beyke sowie Burkard oder Burkardt. Die meisten leben in der Region, einige hat es nach Amerika oder Skandinavien verschlagen. Die Zugehörigkeit zu dieser Gemeinschaft und damit das Fischereirecht auf dem Main wird nur über die direkte männliche Linie vererbt, also vom Vater auf den Sohn. So will es die Satzung. Und das zu ändern, dafür sahen die Fischer bisher keinen Anlass.

Der Zeitpunkt, an dem sie weibliche Mitglieder zulassen müssen, um den Fortbestand der Fischerzunft zu sichern, der liegt, so meint erster Zunftmeister Henrik Beyke augenzwinkernd, noch weit in der Zukunft. Bis dahin wird es weiter so sein, dass eine Familie ihr Anrecht verliert, wenn sie keine männlichen Nachkommen hat. Weil heute aber die wenigsten Mitglieder noch vom Fischereiberuf ihren Lebensunterhalt bestreiten, sind die Folgen nicht mehr so dramatisch.

Anekdoten über die Historie

Nach vielen wissenswerten Anekdoten über die Historie endet die Führung in der Forellenzucht von Franz-Georg Burkard, Fischwirtschaftsmeister und zweiter Zunftmeister der Seligenstädter Fischerzunft, der den Teilnehmern Canapés mit Räucherfisch serviert. Burkards Forellen werden übrigens nicht nur in der Einhardstadt, sondern auch in Frankfurt gerne gegessen: Er betreibt einen Stand in der Kleinmarkthalle. Schon seine Vorfahren haben mit dem Nachen, mit der Kutsche und später mit dem Zug ihren Fang zum Verkaufen nach Frankfurt gebracht.

Eine Zeitreise ins 19. Jahrhundert erleben die Teilnehmer bei der Kostümführung „www – Wilhelmine weiß was“. Zu jener Zeit befindet sich die Einhardstadt im Umbruch. Die Stadtbefestigung wird abgerissen, ein neues Rathaus gebaut, das Kloster wird säkularisiert und die Kaufmannszüge werden eingestellt. Und „Wilhelmine“, dargestellt von Stadtführerin Lucie Post, ist mittendrin. Sie hat schon Kaiser Franz in Seligenstadt erlebt, 1792 war das, und weiß von Plagen zu erzählen, die die Stadt heimsuchten. Eine Feldmäuse-Plage und eine Spatzen-Plage, um genau zu sein. Wie sie auf den Namen Wilhelmine kam, verrät Lucie Post auch noch. Ganz einfach: Wilhelma ist ihr zweiter Vorname.

Da Wilhelmine in kurzen Ärmeln unterwegs ist, wird diese Führung erst ab April angeboten. Auf die Spuren der Fischerzunft können sich Interessierte ab sofort begeben, die Führung ist von Montag bis Donnerstag buchbar. Beide Touren dauern etwa anderthalb Stunden, Treffpunkt ist der Marktplatz. Die Tourist-Info (Marktplatz 1) hat die Telefonnummer 06182/87177.

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