Alltag nach Anfangseuphorie

AK „Willkommen in Seligenstadt“ bilanziert Flüchtlingsarbeit

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Vollversammlung des Arbeitskreises „Willkommen in Seligenstadt“ : Bereits 231 ehrenamtliche Helfer.  

Seligenstadt - Vor einem Jahr hatten sich 53 Ehrenamtliche gemeldet, um beim Arbeitskreis „Willkommen in Seligenstadt“ mitzumachen, heute sind es 231. Von Sabine Müller

Bei der zweiten Vollversammlung in Froschhausen bilanzierten Flüchtlingshelfer ihre Tätigkeit und stellten die vordringlichsten Aufgaben vor, die jetzt anstehen. Der Arbeitskreis (AK) „Willkommen“ ist eine Erfolgsgeschichte, war der einhellige Tenor beim Treffen im Maximilian-Kolbe-Haus, in dem etwa 120 Personen zusammenkamen. Im Mittelpunkt der Vollversammlung: die Bestandsaufnahme des bisher Erreichten sowie die Weiterentwicklung der Ziele. Nachdem die anfängliche Euphorie bei Ankunft der Flüchtlinge verflogen sei, so AK-Koordinator Burkard Müller, kehre jetzt Alltag ein. „Die Schutz suchenden Menschen brauchen nicht mehr nur Kuscheltiere, etwas zum Essen und Unterkunft, sondern Sprachkurse, Schulen, bezahlbaren Wohnraum, Jobs und Menschen, die sie als ganz normale Nachbarn akzeptieren.“

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Für die Kreisverwaltung hat das Dach über dem Kopf bei der Erstversorgung der Flüchtlinge nach wie vor oberste Priorität, erklärte Landrat Oliver Quilling. Der zweite Schwerpunkt liege auf der Integration. Momentan würden dem Kreis Offenbach 100 Asylsuchende pro Woche zugewiesen, bis Jahresende seien dies 1000 Neuankömmlinge. „Kein Grund zur Panik“, meinte Quilling, „die Situation ist zwar angespannt, wir sind aber optimistisch, diese Aufgabe lösen zu können“. Analog zur Gemeinschaftsunterkunft, die der Kreis in Seligenstadt betreibt, wolle er in all seinen 13 Kommunen eine Einrichtung für mindestens 100 Flüchtlinge etablieren. Darüber hinaus leer stehende Gewerbe- und Büro-Immobilien anmieten. Seligenstadt, wo bisher auf 100 Einwohner 0,7 Flüchtlinge kämen, müsse bis Jahresende mit etwa 25 weiteren rechnen.

Von seinen positiven Erfahrungen berichtete ein Mann, der vor einem Jahr mit seiner Familie aus der Ost-Ukraine nach Seligenstadt flüchtete. Hier hätten sie eine neue Heimat gefunden, sagte der HNO-Arzt, der so schnell wie möglich gut Deutsch sprechen möchte, um seinen Beruf ausüben zu können.

Bilder: Bouffier besucht Flüchtlinge

Auch Dagmar B. Nonn-Adams honorierte die ehrenamtliche Arbeit des AK. Die Flüchtlingshilfe sei für Kreise und Kommunen keine leichte Aufgabe, erklärte die Bürgermeisterin. Von der „großen Politik“ vermisse sie Strukturen, wie sie zu bewältigen sei. „Ich werbe für Ihr Verständnis wenn nicht alles ideal läuft, weil man uns alleine lässt.“ Auch habe man bisher Hilfsorganisationen (THW, Feuerwehr, Bundeswehr) nicht adäquat einbinden können. „Mit Ihrer Arbeit haben Sie diese Lücken geschlossen“, lobte die Stadtchefin. Um die elf Sparten transparenter zu machen, berichteten danach Helfer über ihre alltägliche Arbeit. So waren etwa das erste internationale Begegnungscafé und ein gemeinsames Sportfest im September ein großer Erfolg. Doch wenn fremde Kulturen aufeinander treffen, ist oft auch viel Verständnis nötig, und manchmal hilft nur Humor weiter. In jedem Fall sei die persönliche Begegnung die beste Methode, um Ängste und Ressentiments abzubauen, erklärten die Ehrenamtlichen. „Die Flüchtlinge nicht bemuttern oder gängeln, sie sind mündige Bürger.“ Oberste Maxime sei, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Die Spendengelder – rund 10.500 Euro – wurden zum größten Teil in Arbeitsmaterialien für Sprache und Bildung investiert.

Deutschkenntnisse sind erste Voraussetzung, um Flüchtlinge in Arbeitsprozesse einzugliedern. Der Seligenstädter Unternehmer Winfried Korb berichtete von den Hürden, die hierbei noch bestehen. Er hat sich mit der Arbeitsagentur zusammengeschlossen, ein Workshop „Flüchtlinge in Arbeit bringen“ ist geplant. „Die Menschen sollten sich arbeitssuchend melden, auch wenn sie noch im Asylverfahren sind“, riet eine Mitarbeiterin von Pro Arbeit. Der AK will sich jetzt verstärkt den Themen „Kultur“ und „Wohnen“ widmen und seine Arbeit um einen Flüchtlingsrat erweitern.

Info: www.willkommenskultur-fluechtlinge-seligenstadt.de.

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