„Wollte unzählige Male aufhören, aber es geht einfach nicht“

Seligenstadt - Martin Haas noch mit 93 Jahren in Schreinerwerkstatt aktiv

Mainhausen (paw) Seine Leidenschaft für den Werkstoff Holz hat Martin Haas bereits als siebenjähriger Bub entdeckt. Heute ist er 93 Jahre alt, und seine Begeisterung ist ungebrochen. Wie von einer inneren Uhr getrieben steht er noch täglich in seiner Werkstatt. „Ich wollte unzählige Male aufhören, aber es geht einfach nicht. Immer wieder zieht es mich an die Drechsel- oder Hobelbank.“

Vormittags von 9 bis 12 und nachmittags von 15 bis 18 Uhr ist er in seiner Schreinerei neben dem Wohnhaus aktiv. Von Anfang an sei er ein Ein-Mann-Unternehmer gewesen, sagt Haas. „Wenn es galt größere Teile zu bewegen, dann kamen meine Frau Rosi, Tochter Sonnhild oder Sohn Oswin zu Hilfe.“ Zu seinen Spezialitäten gehörte die Gestaltung von rustikalen Holzbalken. „Die Idee dazu hatte mein Vater mit 60 - einem Alter, in dem andere in Rente gehen“, berichtet seine Tochter.

Über 15 Jahre seien Dekobalken gleich meterweise aus der Haasschen Schreinerwerkstatt ausgeliefert und in unzähligen Wohnhäusern verbaut worden. „Meine Kollegen standen reihenweise vor der Tür und wollten wissen, wie die teils filigranen Verzierungen entstehen“, erinnert sich der Holz-Experte. „Dazu hatte ich mir einen speziellen Fräser für den maschinellen Handhobel anfertigen lassen“, verrät er verschmitzt. Das Hantieren mit Band- oder Kreissägen über viele Jahrzehnte hinweg hat freilich auch Spuren hinterlassen. Durch Arbeitsunfälle an den Holzbearbeitungsmaschinen beklagt er den Verlust dreier Fingern. Trotz dieses Mankos und einer Sehkraft von nur noch rund 25 Prozent hantiert Martin Haas wie eh und je an der Drechselbank.

Geschickt gestaltet er dort wohlgeformte Blumenvasen, Becher oder Schatullen. Auch Spielgeräte für Kinder zählen zu seinem Repertoire. Zum Beispiel die Nachbildung eines Motorrades aus Holz in einer Qualität, die weit über dem Niveau einer Serienfertigung steht. „Für die meisten dieser Objekte verwende ich Abfälle aus hochwertigen Hölzern heimischer Herkunft oder Exoten. Mehrfach verleimt zeigen sie dann als fertiges Produkt unterschiedliche Strukturen.“

Der 93-Jährige restauriert mit großem Geschick auch alte Möbel. Martin Haas stammt aus dem Sudetenland. Mit der Seligenstädter „Haasen-Dynastie“ habe er also nur den Namen gemeinsam, ansonsten gebe es keine familiären Verbindungen.

Neben seiner geradezu obsessiven Beziehung zu allem, was sich aus Holz herstellen lässt, gab es für ihn noch eine zweite große Leidenschaft, das Tanzen. „Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem ich als Automechaniker und Fallschirmspringer im Einsatz gewesen bin, verschlug es mich nach Kärnten in Österreich. Dort war ich damals zeitweise als Tanzlehrer tätig“, erinnert er sich. Mit seiner aus Kärnten stammenden Frau kam er nach Deutschland und machte sich nach Stationen in Nordhessen und Westfalen Mitte der fünfziger Jahre in Zellhausen mit der eigenen Schreinerwerkstatt selbstständig. Dank seiner außergewöhnlichen Lebensenergie ist es kein Wunder, wenn Martin Haas sagt: „Ich strebe das gleiche Alter wie Johannes ,Jopie‘ Heesters mit 105 Jahren an.“

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