Für Angst bleibt keine Zeit

Zwei Hausgeburten innerhalt von zwei Tagen

Natascha Emmert (links) mit Sohn Milo, und  Nina Schramm mit Sohn Anton Nicholas
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Gesunde Babys und Mamas: Natascha Emmert (links) mit Sohn Milo, Nina Schramm mit Sohn Anton Nicholas.

Und dann ging alles ganz schnell: In Seligenstadt müssen die Sanitäter der Johanniter-Wache innerhalb von zwei Tagen zweimal Geburtshilfe leisten. Nina Schramm und Natascha Emmert bringen ihre Babys zuhause zur Welt, statt wie geplant im Krankenhaus.

Seligenstadt – Der Anblick eines Rettungswagens löst bei Nina Schramm auch Wochen nach der Geburt ihres Sohnes noch Gänsehaut aus. „Das war schon eine harte Nummer“, sagt sie. In einer Julinacht schaffen die schwangere Seligenstädterin und ihr Mann es nicht mehr rechtzeitig ins Krankenhaus. Anton Nicholas kommt zuhause auf dem Sofa zur Welt.

Der Rettungssanitäter, der Nina Schramm dabei die Hand hält, bleibt zumindest äußerlich cool. „Ich kann Sie beruhigen, Sie sind meine zweite Hausgeburt in 48 Stunden“, sagt er zur werdenden Mutter. Ginge es nach seinen Kollegen, hätte er sich ein Storch-Abzeichen verdient: Seine allererste Hausgeburt erlebt Oliver Uttke von der Johanniter-Unfall-Hilfe nämlich genau eine Nacht zuvor – ebenfalls in Seligenstadt, bei Natascha Emmert und ihrem Sohn Milo. Beide Male geht alles wahnsinnig schnell, aber gut. „Das nächste Mal mach ich’s ohne Notarzt“, sagt Uttke.

Auch bei der Stadt Seligenstadt ist die Verwunderung über die Hausgeburten groß

Die Verwunderung über zwei Hausgeburten in Seligenstadt an zwei aufeinanderfolgenden Tagen ist nicht nur beim Rettungsteam und den Familien groß. Auch im Klinikum Aschaffenburg, in dem beide Frauen entbinden wollten, sowie im Standesamt staunt man nicht schlecht. „Geburten in Seligenstadt sind sehr, sehr selten geworden“, sagt Stadtsprecherin Ilka Haucke – eine Geburtshilfestation gibt es hier nämlich schon lange nicht mehr –, „in diesem Jahr haben wir allerdings jetzt schon drei Stück.“

In mindestens 99 Prozent der Fälle schaffe es der Krankenwagen noch mit der Schwangeren in die Klinik, schätzt Christian Keller, Rettungsdienstleiter bei den Johannitern im Regionalverband Offenbach. Als sein Rettungsteam – Oliver Uttke und seine Kollegin Susen Holz – sich in der Julinacht auf den Weg zur schwangeren Natascha Emmert macht, geht es nicht davon aus, die Ausnahme zu bilden. „Wir dachten, wir bringen diese Frau ins Krankenhaus zur Entbindung“, sagt Susen Holz.

Unterstützung von den Johannitern: Sanitäterin Susen Holz war bei einer der Hausgeburten, ihr Kollege Oliver Uttke sogar bei beiden dabei.

Die 36-jährige Natascha Emmert ist zu diesem Zeitpunkt vier Tage über dem errechneten Geburtstermin. Um 3 Uhr nachts wird sie wach, in der folgenden halben Stunde kommen die Wehen bereits alle zehn Minuten. „Ich habe meine Mutter angerufen, damit sie auf meine Tochter aufpasst, während ich und mein Partner im Krankenhaus sind. ‚Lass dir Zeit‘, hab ich ihr noch gesagt.“ Jutta Schneider ist in zehn Minuten bei ihrer Tochter. Die Fruchtblase ist geplatzt, die Wehen kommen im Minutentakt. „Der kommt jetzt. Krankenwagen“, bringt Emmert noch heraus. Der Rettungswagen ist um 4.11 Uhr, Sohn Milo um 4.33 Uhr da.

Natascha Emmert ist während der Geburt „wie weggebeamt“, mucksmäuschenstill. Für Sanitäter und Notarzt macht es das noch schwerer, die Situation und die Stärke der Wehen einzuschätzen. „Ich habe sie das erste Mal sprechen hören, als sie gefragt hat, ob es wirklich ein Junge ist“, erinnert sich Sanitäterin Susen Holz, die Baby Milo als Erste im Arm hält. Sie macht ihn sauber, gibt ihm Sauerstoff, packt ihn dick ein für die Fahrt ins Krankenhaus.

Seligenstädterin Natascha Emmert spricht mit ihrer Hebamme über die Hausgeburt

Über das Erlebte habe sie danach sehr viel mit ihrer Hebamme gesprochen, sagt Natascha Emmert. „Ich empfand die Geburt als schön, aber man ist ja trotzdem noch geschockt und ein bisschen gaga“, erzählt die 36-Jährige. Ob sie Angst hatte, dass etwas schiefgehen könnte? „Dafür hat man keine Zeit. Man macht einfach nur noch.“

Fertig mit den Nerven waren dagegen die Partner der beiden Seligenstädterinnen. „Mein Mann hat vor lauter Aufregung den Polizeinotruf gewählt“, sagt Nina Schramm. Ihr zweites Kind Anton Nicholas ist drei Wochen zu früh dran, als die Wehen einsetzen.

Schramm ist unruhig in der Nacht, kann nicht schlafen. „Wahrscheinlich Vorwehen“, denkt sie, als sie gegen 2 Uhr ein Ziehen im unteren Rücken spürt, und lässt sich ein Bad ein. Doch die Wehen werden immer stärker. Um 3.20 Uhr platzt Schramms Fruchtblase im Flur, sofort setzen die Presswehen ein. „Davor waren wir eigentlich tiefenentspannt. Mein Mann wollte noch selbst ins Krankenhaus fahren“, erzählt die 37-Jährige. Zweiter Auftritt Oliver Uttke, der mit Rettungswagen und seinem Kollegen Robin Arlt sechs Minuten später vor Ort ist.

Seligenstädterinnen knüpfen über ihre Hebammen Kontakt miteinander

Schramm schafft keinen Schritt mehr. Sie legt sich aufs Sofa im Wohnzimmer, Robin Arlt misst die Wehenabstände. „Bringt nix, wir machen das hier“, sagt er. Nicht nur der Notarzt wird angefordert – Schramms Mann erreicht auch die Hebamme des Paares, Annegret Warnicki. Die kann sich bei ihrer Ankunft gerade noch die Handschuhe überstreifen: zwei Presswehen später, um 3.48 Uhr, ist Anton Nicholas da.

Den Kontakt zueinander knüpfen die Seligenstädterinnen Schramm und Emmert später über ihre Hebammen. Die beiden Frauen teilen nicht nur eine außergewöhnliche Erfahrung, sondern auch Dankbarkeit für die Menschen, die geholfen haben. „Da war so viel positive Energie und Gelassenheit“, sagt Schramm, die ein Erinnerungsfoto aus der Nacht mit dem Rettungsteam eingerahmt hat.

„Wir sind da, um zu unterstützen und anzuleiten“, sagt Sanitäterin Susen Holz, „aber das Meiste macht die Mama.“ (Von Franziska Jäger)

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