Wie kamen Studenten Joannes Gastius und Petrus Camerarius im Jahr 1565 nach Rostock?

Zwei „Pauperes“ an der Uni

Seligenstadt/Rostock - Zeitungsartikel sollten möglichst die Fragen auch beantworten, die sie aufwerfen und thematisieren. Zumindest aber den Leser mit ausreichend Informationen versorgen, so dass er sich selbst ein Urteil bilden kann. Von Michael Hofmann

Dieser Text ist anders, ganz anders: Er wirft eine Frage nach der anderen auf, an der Suche nach den Antworten können sich Leser gerne beteiligen. Das wäre unser Wunsch. Wir beginnen unsere Geschichte mit einem Zufallsfund - das Internet macht’s möglich - in den langen, langen Listen der Immatrikulationen an der Universität Rostock. Dort hatten sich im Sommersemester des Jahres 1565 mit Ioannes Gastius (Gast) und Petrus Camerarius (Kemmerer) gleich zwei Seligenstädter als Medizinstudenten eingeschrieben. Wir staunen: Wie kommen zwei arme Seligenstädter Schlucker („pauperes“) Mitte des 16. Jahrhunderts von der Einhardstadt in die Ostseestadt Rostock, die Luftlinie 500 Kilometer entfernt ist, über Wege und Straßen mit Sicherheit an die 700 Kilometer?

Nun wissen wir, dass Rostock die älteste Hochschule Deutschlands beherbergt und seit jeher einen guten Ruf hat. Auch ist bekannt, dass dort ab Mitte des 13. Jahrhunderts vier Klöster (Fanziskaner, Dominikaner, Fraterhaus, Zum heiligen Kreuz) wirkten und halten eine Verbindung zu unseren Seligenstädter Benediktinern durchaus für möglich. Außerdem war die spätere Hansestadt Rostock stolz auf ihren weithin berühmten botanischen Garten. So, wie wir Seligenstädter – seit jeher – auf unseren Klostergarten. Wären das Anhaltspunkte? Klosterbeziehungen von der örtlichen Benediktinern hin zur an der Ostsee lebenden Glaubenskonkurrenz?

Ein genauer Blick in die Matikel, also das öffentliche Uni-Verzeichnis in Rostock, ergibt Folgendes: Im Sommersemester 1565, das bedeutet von Ostern (22. April) bis Michaelis (29. September), werden unter der Leitung von Rektor Gerhard Nennius (Professor der Medizin und höherer Mathematik) die beiden Seligenstädter an der Medizinische Fakultät unter den Nummern 28 und 29 geführt: Ioannes Gastius (Gast) Seligenstadensis und Petrus Camerarius (Kemmerer) Seligenstadensis. Letzterer könnte in der Tat den Namen Kemmerer getragen haben, damit könnte andererseits allerdings auch ein Hof- und Klosteramt gemeint sein.

Gebühr scheinen die Seligenstädter Studenten nicht entrichtete zu haben, in der entsprechenden Spalte steht bei beiden „pauper“ (arm). Doch scheinen sie einen einflussreichen Fürsprecher gehabt zu haben: „commendavit utrumque doctor David.“ Doch wer war dieser Doktor David, der sie empfahl? Es könnte sein, dass es sich in der Tat um einen prominenten Wissenschaftler jener Zeit handelte: David Chyträus (David Kochhafe), einen lutheranischen Theologen und Historiker, Schulorganisatoren und fünfmaligen Rektor der Universität Rostock. Chyträus, ein führender Vertreter der Spätreformation, wurde 1530 in Ingelfingen geboren, starb im Jahr 1600 in Rostock. Ob und wie ein Kontakt zwischen den beiden Seligenstädtern und dem Lutheraner tatsächlich zustandekam, wissen wir freilich nicht.

Ein weiterer Blick in die Matrikel zeigt, dass neben den Seligenstädtern auch viele andere Studenten den weiten Weg nach Rostock nicht scheuten, um sich dort zu bilden. Neben Rostochiensis-Studenten kamen die jungen Leute aus Neubrandenburg, Wismar, Bremen, Fredelandensis (Friedland), aber auch aus Norwegen und sogar von der schwedischen Insel Gothland (Gothus).

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Während es uns bislang nicht gelang, mehr über Leben und Person von Joannes Gastius und Petrus Camerarius in Erfahrung zu blicken, wissen wir, dass zu jener Zeit mit Philipp Merkel (1559-1590) der 66. Abt des Klosters zu Seligenstadt im Amt war. Der aus Großostheim stammende Geistliche wird als „rechtschaffen und bescheiden“ geschildert, auch als Förderer des Ordens und Verwaltungsexperte. Direkte Verbindungen an die Ostsee? Fehlanzeige.

Aber vielleicht bringt uns der Hinweis weiter, dass die Bursfelder Kongregation zu jener Zeit in Seligenstadt ein Jahreskapitel veranstaltete. Die im Zusammenhang mit der Rückbesinnung auf die klösterlichen Lebensinhalte („Devotio moderna“) entstandene Kongregation wollte die Ordensregel des heiligen Benedikt in ihrer ursprünglichen Strenge und Reinheit wieder zur Beachtung bringen, nachdem zuvor eine Zeit des moralischen und materiellen Niedergangs großen Schaden anrichtete. Die Kongregation hatte großen Zulauf. Mit Abt Leonard Colchon (1593–1653) führte ab 1642 gar ein Seligenstädter als Präsident die Bewegung an. Unsere Vermutung: Da die Kongregation ein Zusammenschluss von vorwiegend west- und mitteldeutschen, aber auch niederländischen, belgischen, dänischen und luxemburgischen Benediktinerklöstern war, könnte auf diesem Wege ein Austausch Seligenstadt-Rostock durchaus stattgefunden haben. Aber auch das ist nicht mehr als eine Arbeitshypothese.

Wir wissen heute, dass Klöster seit dem frühen Mittelalter die medizinische Versorgung des eigenen Konvents und der Menschen auf dem Lande übernahmen. So dürfte das auch in Seligenstadt gewesen sein. Allerdings können unsere beiden Studenten nicht in der Klosterapotheke gearbeitet haben - sie geht auf den (gichtgeplagten) Abt Petrus IV zurück (1715-1730). Auch Klostergarten (1712) oder Orangerie (1757) entstanden erst lange nach ihrer Zeit.

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